Leben

"Irre und nostalgisch" Holen Sie sich doch auch einen Korb!

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Gemütlich und schick - Korb hat sein piefiges Image längst abgelegt.

(Foto: imago/Westend61)

Ob Boho-, Landhaus- oder Scandi-Style, Brot- oder Strandkorb - niemand kommt derzeit ohne Naturgeflecht aus. Und obwohl der Markt aus dem Ausland überschwemmt wird, gibt es sie noch, die deutschen Korbflechtereien. ntv.de hat die Macher dieser Traditions-Unternehmen gesprochen.

Die Gelenke schmerzen, die Haut wird rissig. Wer das uralte Handwerk des Korbmachers erlernen will, der spürt die Natur am eigenen Leib. Kein Wunder, dass in der einzigen Ausbildungsstätte Deutschlands in bayerischen Oberfranken die Anfänger erst einmal einfachere Sachen flechten und biegsameres Material bekommen. Drei Jahre dauert die Ausbildung an der Staatlichen Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung in Lichtenfels. Zukunftsaussichten? Ungewiss. Und dennoch gibt es immer noch Nachwuchs. Denn das Gefühl, etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen und gleichzeitig kreativ sein zu können, lockt manche.

Tatsächlich sind viele der Körbe, die wir zu Hause haben, nicht aus Deutschland, sondern aus anderen Ländern importiert. Korbflechterei ist ein uraltes Handwerk, das auf der ganzen Welt verbreitet ist. Viel kommt aus Südostasien, besonders viel aus Indonesien. Das Teuerste an diesem Flechtwerk scheint nicht die Arbeit oder das Material zu sein, sondern der Transport.

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Die Sitzfläche eines zum Beispiel sehr teuren, hochwertigen Thonet-Stuhls kann ein Korbmacher reparieren.

(Foto: Korbwaren Friedrich )

Wieso sollte man also einen Korb aus Deutschland kaufen? Die einfache Antwort lautet: weil man damit ein Traditions-Handwerk unterstützt. Weil man nachhaltig handelt. Weil man Materialien im eigenen Zuhause hat, die hierzulande gewachsen sind. Und weil es dem eigenen Zuhause eine ganz besondere Sinnlichkeit verleiht.

Schließlich wäre die Geschichte der Menschheit eine andere, hätten nicht in Urzeiten auch hierzulande findige Hände Zäune geflochten, um die Tiere zusammenzuhalten. Oder Schutzwände, um dem Wetter zu trotzen. Oder Trage- und später Wäschekörbe.

Genau solche Körbe - Gebrauchsgegenstände - sind die, die Augustin Friedrich am liebsten flicht. Er führt seine Werkstatt und das Geschäft nun in der dritten Generation. Gelernt hat er von seinem Vater. Alle in der Familie haben es gelernt. "Es ist schön, am Abend zu sehen, was man geschaffen hat", sagt er. Der Großvater - ebenfalls mit dem Namen Augustin Friedrich - hatte in Altendorf im Landkreis Bamberg (Oberfranken) das großzügige Anwesen einer ehemaligen Korbwarenfabrik erworben.

Dort wurden seit 1914 Korbwaren und Korbmöbel in großem Stil hergestellt und in alle Welt verschickt. In der Glanzzeit der Fabrikation arbeiteten hier bis zu 100 Leute und viele Heimarbeiter fanden eine Beschäftigung. Heute ist Augustin Friedrich kleiner unterwegs. Während es in den vergangenen Jahren viele Märkte waren, die er besuchte, geht heute der Verkauf über die Webseite vonstatten. Und wieder ist es die Familie, die dabei eine Rolle spielt. Den Internet-Auftritt hat seine Tochter erstellt.

Die Raaser kommen

Seine Weiden baut er selbst an. "Sparen tut man nichts dabei", erklärt er. Aber man sei unabhängig und bekomme Qualität. Zudem sei gekaufte Weide häufig schlecht sortiert. Ein weiterer Vorteil: "Ich bin viel draußen, das tut gut." Doch auch Augustin Friedrich spürt den Klimawandel. Vor zwei Jahren war es besonders schlimm, die Trockenheit hatte seinen Pflanzen zugesetzt. Die Weide braucht Wasser. Nicht nur zum Wachsen, sondern auch, wenn sie später verarbeitet wird.

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Natur pur - ein gutes Gefühl.

(Foto: imago images/robertkalb photographien)

Korbmacherei ist ein Handwerk, das von der Ernte im Winter abhängig ist. Dann werden die Weiden geschnitten, sortiert, gebündelt, entrindet, gespalten. Früher war - wie bei der Familie Friedrich - meist die ganze Familie mit der Korbmacherei beschäftigt. Weide anbauen, ernten, bearbeiten, lagern. Körbe flechten. Und dann verkaufen. Die sogenannten "Raaser" (von reisen) waren diejenigen Korbmacher, die unterwegs waren und ihre Ware auf Märkten anboten.

Heute hat sich einiges geändert. Das Internet ist willkommener Absatzmarkt in Zeiten von Corona. Doch was gleich geblieben ist, ist das Flechten in den Werkstätten. Konzentration und Koordination, Geduld und räumliches Vorstellungsvermögen sind Eigenschaften, die ein Flechtwerkgestalter haben muss.

Strandkorb mit Sitzheizung

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Strandkorb "Nordsee Anchor" - Luxus trifft Qualität.

(Foto: Korbwerk.de)

Zum Beispiel auf Usedom. Dort sitzt die Firma Korbwerk und fertigt vor allem Strandkörbe. Einst erfunden, um einem von Rheuma geplagten Fräulein den Aufenthalt am Strand zu ermöglichen, sind sie nun von Ost- und Nordsee nicht mehr wegzudenken. Und wer kann, stellt sich auch einen zu Hause in den Garten, sollte es dort eine windige Ecke geben, die dennoch einen schönen Ausblick bietet. Bei Korbwerk gibt es gar die absolute Luxusausführung mit der Bezeichnung "Baltic Empire". Über 10.000 Euro gibt für ihn aus, wer nicht nur eine Sitzheizung haben will oder LED-Beleuchtung bei Nacht sowie integrierte Lautsprecher, sondern auch auf einen USB-Port mit Ladestation und die eingebaute Champagner-Crushed-Ice-Wanne nicht verzichten kann.

Dirk Mund, Prokurist bei der Firma, hat das neueste Modell gerade für die Website fotografiert. Er und sein Team können über einen Mangel an Aufträgen nicht klagen. Zum einen arbeiten sie auf der Insel unter Volllast, weil Strandkorbvermieter auch für 2021 auf einen einigermaßen guten Sommer hoffen. "Und dann gibt es den Bereich Gartenmöbel. Viele, die nicht reisen konnten oder wollten, nutzen diese Zeit jetzt, um es sich zu Hause besonders schön zu machen", sagt Mund. Corona-gerecht wäre es in seinen Werkstätten sowieso schon immer zugegangen. Die Handwerker säßen auf den 2500 Quadratmetern weit genug auseinander.

Und woher kommen seine Leute? "Wir bilden selbst aus oder schulen Handwerker um. Besonders geschickt sind viele Leute aus Polen. Da Usedom ja eine teils polnische Insel ist, haben wir das große Glück, einige dieser Menschen bei uns beschäftigen zu dürfen." Dennoch ist die Korbmacherei in Deutschland etwas "für Irre", sagt er. "Es ist ein ganz hartes Geschäft, da muss man schon verrückt sein, wenn man das in Deutschland machen will. Aber es ist eben ein nostalgisches Ding."

Nostalgie, die nur manchen ein Auskommen beschert. Die aber so viel Faszination beinhaltet, dass es sogar Laien-Kurse für Korbmacherei gibt. Die Sonntags-Brötchen aus dem selbst geflochteten Korb genießen? Dafür nimmt der eine oder andere schon ein paar wunde Hände in Kauf.

Quelle: ntv.de