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Koschere Spezial-Medizin Israel verfeinert Cannabis-Produkte

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In den Gewächshäusern von "Pharmocann" werden die Pflanzen gezielt zur Behandlung bestimmter Beschwerden gezüchtet.

Tal Leder

In Israel dürfen ausgesuchte Apotheken verschreibungspflichtige Cannabisprodukte verkaufen. Auf dem Weltmarkt ist das Land bei medizinischem Cannabis führend, nicht zuletzt dank einer Pionierleistung aus den 1960er-Jahren.

Während einer TV-Reportage über das jüdisch-arabische Zusammenleben in Jaffa raucht die Journalistin Noga in den Pausen Marihuana. "Ich darf das", sagt sie lachend, "wenigstens ein Privileg bei meiner chronischen Krankheit". Die 39-jährige gebürtige Südafrikanerin leidet seit über 20 Jahren an der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn.

Seit einigen Jahren wird sie mit medizinischem Cannabis behandelt und schon nach kurzer Zeit hatte sich ihr Zustand gebessert. "Die Schmerzen waren teilweise so stark, dass ich manchmal tagelang nur im Bett lag", erinnert sich Noga. "Wie jeder Mensch wollte ich ein normales Leben führen. Dank des medizinischen Marihuanas sind meine Schmerzen sowie die Übel- und Appetitlosigkeit fast vollständig verschwunden. Und ich kann auch wieder gut schlafen", erzählt sie. "Diese Pflanze half mir, meinen Lebensmut und meine Fröhlichkeit wieder zu gewinnen."

Cannabiskonsum ist auch in Israel illegal, aber seit über 10 Jahren ist es für medizinische Zwecke erlaubt und seine Produktion nimmt zu. Es wird sogar staatlich gefördert. Anfang der 1990er-Jahre wurde diese Therapie an Krebspatienten mit großem Erfolg getestet, später auch bei Krankheiten wie Parkinson, Multipler Sklerose sowie psychischen Störungen.

Geheimrezepte für die perfekte Mischung

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Die Ernte fällt dank der idealen Bedingungen gut aus.

"Das Cannabis ist auf dem Weg, den Weltmarkt zu revolutionieren", sagt Mayan Weisberg, Sprecherin von Tikun Olam (hebräisch "Weltverbesserer"). Das Unternehmen gehört mit seinen 230 verschiedenen Sorten der Hanfpflanze aus seinen Treibhäusern zu den weltweit führenden in der Branche. In einem Vertriebszentrum in Tel Aviv werden ungefähr 20.000 Patienten versorgt. Zugang zur Therapie bekommt man nur mit einer Verschreibung eines staatlich anerkannten Mediziners. "In diesem Bereich gehört Israel weltweit nicht nur zu den Spitzenreitern, sondern ist das Mekka der medizinischen Cannabisforschung", erklärt Weisberg weiter.

Bevor Unternehmen medizinisches Cannabis anbauten, wurde es im Kibbuz Na'am bei Rehovot zur Behandlung bei Patienten mit Arthritis oder Parkinson eingesetzt. Aber auch bei Shoa-Überlebenden, bei denen Albträume und Angstzustände deutlich zurückgingen.

"Israel ist mit seinem milden Klima perfekt für den Anbau von Cannabis", sagt Eyal Assado, Vizepräsident von Pharmocann. Das Unternehmen gründete er 2008 mit. "Die Pflanze genießt hier über 300 Sonnentage und hat dazu noch optimale Luftfeuchtigkeit", so der 48-jährige Pharmazeut. Seine Firma gehört zu den acht Konzernen, die vom israelischen Gesundheitsministerium die Lizenz bekamen, Cannabis als Heilpflanze anzubauen und zu vermarkten. Jeder natürlich mit seinem Geheimrezept für die perfekt konzentrierte Mischung.

Koscher Kiffen

Diesen Bereich hat die israelische Regierung seit den 1960er-Jahren gefördert. Der israelische Wissenschaftler Dr. Raphael Mechoulam verwendete libanesisches Haschisch an der Universität von Jerusalem. Er identifizierte und isolierte 1963 aus den rund 1000 Substanzen der Pflanze das medizinisch wichtige Cannabidiol (CBD), welches entzündungshemmend und angstlösend ist, aber kaum psychoaktiv. Kurz danach isolierte er Tetrahydrocannabinol (THC), das bewusstseinsverändernd wirkt. Mechoulam überzeugte das israelische Gesundheitsministerium, ein medizinisches Cannabisprogramm zu etablieren, das schließlich 1992 genehmigt wurde. Daraufhin entwickelte er die heute in Israel angewandte medizinische Marihuana-Behandlung.

Seit April können Patienten im Rahmen eines Testprogramms in 25 israelischen Apotheken, die die einheitlichen Standards des Gesundheitsministeriums erfüllen, medizinisches Cannabis in allen Formen kaufen. Der Apothekerverband Israels sieht darin auch ein lukratives Geschäft und prophezeit, weitere Genehmigungen in naher Zukunft zu verteilen.

Natürlich muss in Israel das Kiffen koscher sein. Unter den Marihuanapatienten dort gibt es auch religiöse Juden. Deshalb achten die Unternehmen darauf, dass hier alles den Gesetzen der Halacha folgt. Da es am Sabbat verboten ist, zu rauchen, wird der Wirkstoff zusätzlich in Form von Tabletten, Öl oder Salben ausgegeben. Über das Verhältnis von Cannabis und Judentum wurde lange diskutiert. Rabbiner Efraim Zalmonovich erklärte 2013 medizinisches Cannabis für koscher. "Zur Entspannung sei Marihuana nicht erlaubt, als Medizin aber schon", sagt er, "denn in der Thora gibt es ein Gesetz, das besagt, dass der Mensch glücklich und nicht traurig sein soll".

Gelobtes Land des Cannabis

Auf der internationalen medizinischen Cannabiskonferenz "Cannatech" trafen sich im März in Tel Aviv mehr als 800 Branchenvertreter, um sich über den Markt auszutauschen. Saul Kaye, Leiter dieser Veranstaltung, sieht Israel als das Gelobte Land des Cannabis. "Wegen unseres gut entwickelten Netzes von Forschern, Landwirten, Unternehmern, Pharmaindustrie und Regierungspolitik sind wir global führend. Hier wird weniger stigmatisiert als anderswo."

Allgemein ist die Forschung auf diesem Gebiet noch jung und das Geschäft daher lukrativ für Anleger. Auch bei Journalistin Noga hat Cannabis einen positiven Effekt auf ihre Krankheitsaktivität. "Durch diese Pflanze bekam ich ein neues Leben," sagt sie stolz und schmunzelt. "Jetzt möchte ich selber in den Markt investieren, koscher kiffen kann noch lukrativ werden."

Quelle: n-tv.de

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