Leben

Eine für alle Kaiser, Knicks, Konzentrationsstörungen

IMG_8850.jpg

Marmorpalais in untergehender Sonne: Glücklich, wer das jeden Abend sehen darf!

(Foto: soe)

Ich hatte Corona, bin seit vier Wochen genesen, aber mein Gehirn leidet noch immer unter Brainfog. Ist aber auch ganz schön, man tritt anderen Menschen viel entspannter entgegen. Die Kolumnistin wundert sich dennoch über sich selbst.

Neulich habe ich Georg und Sophie kennengelernt. Man freut sich in fortgeschrittenerem Alter ja immer, wenn man weiterhin gute Leute kennenlernt. So ein wunderbares, nettes, offenes, total normales Paar jedenfalls. Wir waren eingeladen zu einem Konzert in Potsdam, die Location war direkt am Heiligen See, ein berühmter Pianist spielte für einen guten Zweck. Nach der Darbietung schlenderte ich zum hauseigenen Steg, ein Paar stand bereits dort. Der Abend war sommerfrisch, die Sonne ging dramatisch über dem glitzernden See unter, es war eine bezaubernde Stimmung. Ich sagte artig guten Abend, und natürlich sprachen wir über den Pianisten, um den sich die ganze Welt reißt und den wir hier so ganz für uns im kleinen Kreis hatten, einfach, weil wir Glückskinder sind. Sie stellten sich mit ihren Vornamen vor und outeten sich als mehr oder weniger Neu-Potsdamer. Wir duzten uns sofort und ich dachte die ganz Zeit, dass ich die beiden kenne.

Wir sprachen darüber, wie gut es uns geht, aber dass immer noch Luft nach oben ist. Immer. Zum Beispiel, wenn man einen See direkt vor seinem Grundstück hat, gegenüber ein historisches Gebäude, das im Sonnenuntergang noch besser aussieht als bei grellem Tageslicht, und einen Steg, von dem man kopfüber ins Wasser springen kann. Aber wir wollten nicht meckern, wir stellten fest, dass wir nicht neidisch sind, grundsätzlich anderen alles gönnen. Zufrieden nickten wir in die Abendstimmung, mit einem Glas in der Hand und dem Wissen, dass unsere "Carpe Diem"-Einstellung total angebracht ist in diesen unruhigen Zeiten, in denen wir leben, und dass wir uns dessen äußerst bewusst sind. Dass wir alles einsaugen wollen, was nur geht. Das Ziel ist, so viele Erlebnisse wie möglich auf der Haben-Seite zu haben, um davon vielleicht bei anderer Gelegenheit zehren zu können.

Sie erzählten mir von ihrer Vergangenheit in Bremen und vor allem in Fischerhude, wo sie fernab jeglichen Trubels ihre vier Kinder bekamen. Wunderschön, gab ich zum Besten, ich mag Bremen und Fischerhude und hach, überhaupt, der Norden. Ob sie Potsdam nicht ein wenig zu konservativ finden würden, fragte ich sie auch. "Ach, geht so", lächelten beide, "wir haben ja lange in Berlin-Mitte gelebt, aber da fanden wir den 'Tatort' manchmal spannender, als abends vor die Tür zu gehen." Und ich dachte, das versteh' ich, Mitte nervt oft echt hart.

Götterdämmerung

Sie interessierten sich für das, was ich so mache, und just in diesem Moment hatte ich sie einladen wollen, uns in Berlin zu besuchen, da gesellten sich andere Gäste des Abends zu uns, was mich ein bisschen störte, denn ich wollte Georg und Sophie allein für mich haben und rausfinden, woher ich sie kenne. Irgendwann verabschiedeten sie sich, die Kinder warteten, am nächsten Tag müsse man ja auch wieder früh raus, zur Arbeit. Ein Freund brachte mir einen Hauch von einem Palatschinken und ein weiteres Gläschen dieses perlenden Getränks, das so 'errlisch kitzelt in meine Bauchnabel, nee Quatsch, am Gaumen, und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, aus den Haaren, überhaupt: Ich hatte ganz vergessen, einen Knicks zu machen.

Weil ich so in meinen Gedanken war - wir hatten gerade das jüngste Kind zum Flughafen gebracht (ohne Probleme, danke, BER!!) für einen längeren Auslandsaufenthalt und ich hatte meine Tränen gerade noch rechtzeitig vor Konzertbeginn getrocknet - war ich insgesamt nur so halb anwesend. Meine Gehirn-Schubladen waren auch nicht richtig offen, sie ruckelten, sperrten, Tücher und Dinge hingen dennoch lose aus ihnen heraus und wehten im Wind. Und nun dämmerte es mir. Ta-ta-ta-taaaa, ta-ta-ta-taaaa … fast schon eine Götterdämmerung: Wenn die Dinge anders gelaufen wären in den letzten, sagen wir, gut 100 Jahren, dann wäre der Georg vom Steg eben jetzt Kaiser, denn sein Ur-Ur-Großvater war Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser. Ich kam mir ein bisschen doof vor, so, als hätte ich etwas falsch gemacht. Habe ich aber gar nicht. Ich hatte einfach nur lange keine "Bunte" oder "Gala" gelesen.

Ist das wichtig? Nein, ist nicht wichtig, ist eine Kolumne. Und sie müssen es ja auch nicht bis zum Ende gelesen haben. Ich schreibe das aber auf, weil ich über mich selbst so erstaunt war. Ich fragte mich, warum mich das so überrumpelte, dass ich mit Kaisers, also mit Preußens, gequatscht habe über dies und das und es als so dermaßen herrlich normal empfand, dass es nun für mich erwähnenswert ist. Warum, warum?

Tja, warum sollten diese Leute nicht auch ganz normal sein? Also, sagen wir mal fortgeschritten normal, in a good way. Ich weiß, dass der Georg gerade mächtig Stress hatte vor Gericht, das habe ich gelesen. Eine Chance auf eine außergerichtliche Entscheidung gibt es momentan nicht, der Streit zwischen öffentlicher Hand und den Nachfahren der deutschen Monarchie bleibt wohl vor Gericht. Neben Kunst, Geld und Immobilien geht es um historische Verantwortung. Die traue ich ihm zu. Er wirkte überdies nicht gierig oder maßlos.

Ich weiß jetzt aber doch, warum ich es aufschreibe: Weil ich selber ein "Saupreiß" bin, wie der Bayer sagen würde, und weil ich Menschen kennengelernt habe, die anderen zugewandt sind und zuhören können, die einfach interessiert sind. Und das, verehrtes Publikum, ist wirklich nicht normal im Moment. Ihnen ein herrliches Wochenende!

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen