Leben

Blick unter die Gürtellinie Männlichkeit ist keine Frage der Länge

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Kommt es wirklich immer auf die Größe an?

(Foto: imago images / Panthermedia)

Was sich unterhalb der Gürtellinie abspielt, ist für viele Männer ein Tabu, besonders was die Penisgröße betrifft. Dabei ist die Länge für die Frau oft gar nicht entscheidend. Unsere Kolumnistin deckt die Mythen rund um die Mannespracht auf.

"In nur 30 Tagen wird Ihr Penis länger und Ihre Erektion verstärkt! Ganz ohne OP". Immer wieder landen sie in Eriks Postfach - diese unsäglichen Spam-Mails. Wie sehr er das hasst! Obwohl er weiß, dass diese Werbemails für Potenzmittel millionenfach und willkürlich ins Netz geblasen werden, machen sie etwas mit dem jungen Mann. Erik beginnt, sich immer mehr zu hinterfragen. Bald schon redet er sich ein: "Kein Wunder, dass ausgerechnet ich ständig derlei Mails erhalte. Mein Penis ist zu klein." Er blockiert sämtliche Absender, aber die Unsicherheit im Inneren bleibt. Und das hat noch einen Grund.

Erik ist nervös. Vor Kurzem hat der 31-Jährige Lisa kennengelernt. Heute Nacht soll es zum ersten Mal zwischen den frisch Verliebten passieren: Sie werden Sex haben. Erik spürt Lisas Erregung. Seine Männlichkeit signalisiert ihm: Auch er ist mehr als nur bereit. Doch plötzlich zögert er. Wie aus dem Nichts tauchen diese bescheuerten E-Mails in seinem Kopf auf: "Wenn auch Sie von Natur aus nicht ausreichend bestückt sind, probieren Sie unsere ..." Lächerlich! Das sagen auch die Psychiaterin Cacilda Jethá und der Psychologe Christopher Ryan, Autorin und Autor des Buches "Sex - die wahre Geschichte", in dem sie feststellen: "Nur keine falsche Bescheidenheit: Der menschliche Penis ist - im Verhältnis zum Körper - der größte Penis der gesamten Tierwelt. (…) Unsere Männer sind also gut bestückt und allzeit bereit!"

Erik sieht das anders. Er versucht, die Gedanken aus seinem Hirn zu verbannen, schließlich hat er vor Lisa auch schon mit anderen Frauen geschlafen und keine hat sich beschwert. Bis auf Simone. Als die Beziehung zwischen ihnen in die Brüche ging, sagte sie, Männer mit "einem kleinen Würstchen" seien sowieso nichts für sie. Und jede Frau, die etwas anderes behaupte, würde dem Mann nur einen Gefallen tun und lügen. In Wahrheit würden alle Frauen stattliche Penisse bevorzugen, den "kleinen Prinzen" mögen sie nur in der Literatur.

Erik weiß natürlich, dass seine Ex-Freundin ihn nur kränken wollte. Tatsächlich hatte sie das auch geschafft. Und jetzt, wo er Lisas Höschen von ihren Hüften runterstreift, kommen die Gedanken wieder in ihm hoch: Ist mein Penis wirklich groß genug?

Ein Mikropenis ist keine Krankheit

Attribute wie Potenz und Männlichkeit gehen gern mit der Vorstellung eines großen Gemächts Hand in Hand. Das ist - natürlich - ein Mythos. Selbst der sogenannte Mikropenis, bei dem es sich um einen anatomisch unterdurchschnittlich kleinen Penis handelt, der infolge einer angeborenen Testosteron-Resistenz oder aber auch durch Testosteron-Mangel entsteht, kann eine Frau befriedigen. Immer wieder aber wird Menschen mit kleinen Sexualorganen durch die Gesellschaft suggeriert, mit ihnen stimme etwas nicht. Männer lassen sich ihre Penisse operativ vergrößern und Frauen, die meinen, mit zu großen Schamlippen geboren worden zu sein, leiden ebenfalls oft unter Minderwertigkeitskomplexen und lassen diese verkleinern, um "der Norm zu entsprechen". Dabei sind Menschen mit kleinen oder großen Geschlechtsorganen kein bisschen unnormal, wie es ihnen Schönheitsideale oft weismachen wollen.

Schon im Jahre 2014 verglichen Wissenschaftler des britischen King's College in London Daten aus 20 Studien zum Thema Penisgröße. Das Ergebnis: Der durchschnittliche Penis ist im schlaffen Zustand 9,16 Zentimeter lang, erigiert bringt er es auf eine durchschnittliche Länge von 13,12 Zentimetern. Beim Umfang verhält es sich ähnlich. Und dennoch tauchen immer wieder - besonders in Männerzeitschriften - Artikel auf, in denen Frauen von den Penissen ihrer Männer schwärmen wie: "Männer mit dieser Penisgröße haben den besten Sex", "Warum Frauen große Penisse bevorzugen" und, und, und. Anstatt ihre Leser zu bestärken, ihre Körper zu akzeptieren, wie sie sind (klar, nichts spricht gegen Training und einen gepflegten Mann), proklamieren diese Blätter oft das überzogene Ideal vom großen Penis mit der großen Potenz. Tatsächlich kann aber ein zu großer Penis der Frau sogar Schmerzen bereiten.

Guter Sex hat nichts mit der Größe zu tun

Doch bevor jetzt einige Leser nach dem Maßband greifen: Der deutsche Mann liegt der Studie zufolge mit etwas über 14 Zentimeter weltweit im Mittelfeld. Guter Sex und wahre Männlichkeit haben aber nichts mit der Größe des Gliedes zu tun. Das Thema rund um die Mannespracht spielt für Frauen meist keine größere Rolle, schließlich können alle Penisse, also auch die kleinen, die erogenen Areale der Vagina ausreichend stimulieren.

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Aber wieso ist vielen Männern die Größe ihres kleinen Freundes so wichtig? Eine nicht unerhebliche Mitverantwortung an dem falschen Bild der Penislänge wird dem US-amerikanischen Sexualforscher Alfred Kinsey (1894-1956) zugeschrieben. Der hatte nämlich bei einigen Studien seine Probanden wohl selbst die Größe ihres Gliedes messen lassen – die perfekte Gelegenheit für den einen oder anderen, bei ein paar Zentimetern zu flunkern. Und wo wir gerade bei Irrtümern sind: Auch die Größe der Füße oder der Nase lassen keine Rückschlüsse auf die Penisgröße zu.

Eriks und Lisas Lust hat alle Zweifel hinweggefegt. Die Natur geht ihre eigenen Wege, auch wenn Erik unter dem deutschen Durchschnitt liegt. Was wirklich zählt, ist, die Harmonie zweier Menschen, nicht ein 20 Zentimeter langer Porno-Hammer. Liebe zweifelnde Männer, seien Sie gewiss: Jeder Schlüssel hat sein passendes Schloss.

Quelle: ntv.de