Leben

Autoren im Selbstverlag "Manchmal lache ich, manchmal weine ich"

Ein Mann tippt auf einer Tastatur eines Laptops. Foto: Silas Stein/Archivbild

"Ich dachte schon, Du schreibst nicht mehr" - eBook-Leser gehören zu den ungeduldigen.

(Foto: Silas Stein/dpa)

Self-Publishing ist nur etwas für Autoren, deren Genie von Verlagen nicht erkannt wird? Weit gefehlt. Bei Amazon & Co finden Bücher aller Genres engagierte Leser. Wer hier langfristig erfolgreich sein will, muss aber auch einiges investieren. n-tv.de trifft zwei ganz unterschiedliche Autoren.

Harry Quebert ist in Schwierigkeiten. Nicht nur, dass er unter Mordverdacht steht, nein, jetzt erpresst ihn auch noch der ältliche Bibliothekar des malerischen Küstendorfes, in das er gezogen ist. Dieser hat nämlich herausgefunden, dass der vermeintliche Bestseller-Autor aus New York gar kein richtiger Schriftsteller ist – Quebert hat sein Werk selber in einer Druckerei in Auftrag gegeben. 

Das Dilemma des schönen Harry Quebert (gespielt von "Grey's Anatomy"-Star Patrick Dempsey, aka "McDreamy") in der TV-Now-Serie "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" funktioniert nur in der Rückblende ins Jahr 1975, oder? "Absolut", lacht Caroline Parker. Die Krimi-Autorin ist seit Jahren als Self-Publisher bei Amazon erfolgreich – erpressbar macht sie das nicht. "Das ist heute normal." 

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Auch ein anderes Vorurteil, das nämlich bei Amazon & Co nur Autoren schreiben, die vorher jede Menge Absagen von Verlagen kassiert haben, kann sie nicht bestätigen: "Ich habe noch nie etwas bei einem Verlag eingereicht. Für mich war es so einfacher und vor allem schneller." 

Tatsächlich finden immer mehr Autoren als Selfpublisher ihr Publikum. "Self-Publishing ist aus unserer Sicht ein stark wachsender Markt", erklärt etwa tolino media auf Anfrage von n-tv.de. Etwa 9000 Autoren seien derzeit mit 12.000 Büchern auf der Plattform des zweitgrößten eBook-Händlers Deutschlands angemeldet. 

Beim Marktführer Amazon werden über das Kindle Direct Publishing (KDP) weltweit Millionen Bücher veröffentlicht. "Seit 2013 sind regelmäßig mehr als 50 Prozent der Top100 Kindle-Bestseller von unabhängigen Autoren veröffentlicht worden", verrät die Amazon-Presseabteilung. Insgesamt sind mehr als fünf Millionen verschiedene eBooks auf Amazon verfügbar, über 450.000 davon auf Deutsch. 

Wie findet ihr mein Buch?

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Ein Autorenfoto und ein paar Informationen zur Person müssen auch sein, weiß Caroline Parker

(Foto: privat)

Das Self-Publishing so ein Erfolg ist, wundert Parker nicht. Gerade der direkte Kontakt zu den Lesern sei reizvoll: "Wenn ich ein neues Buch rausgebe, kriege ich sofort Feedback - entweder als Amazon-Rezension, bei Facebook oder neuerdings auch bei Instagram", sagt Parker im Gespräch mit n-tv.de. "Ich kann hier am echten Leser testen, wie die Geschichte ankommt und die sind im Endeffekt entscheidend. Wie viele tolle Bücher sind nie verlegt worden, weil der Autor bei den Verlagen nicht den Lektor erwischt hat, den sein Manuskript anspricht?"

Erstlingsautor Peter Pastuszek geht es ebenfalls um den direkten Kontakt mit Lesern und nicht um einen Verlagsvertrag: "Ich mag es, kreativ zu sein und wollte ausprobieren, wie die Ergebnisse bei anderen ankommen“, sagt Pastuszek. Er habe sich etwa sehr lange intensiv mit dem Drehbuchschreiben auseinandergesetzt. "Problem ist: Als Laie kriegst Du nie ein Feedback zu deinen Geschichten." 

Zufällig sei er dann auf die Amazon-Plattform gestoßen. "Bei KDP und in dem sozialen Netzwerk "Lovely Books" habe ich für mein eBook "Good Luck Chuck" Leserinnen gefunden, die mir wertvolle Tipps gegeben haben –  zur Story, den Figuren, bis hin zum Klappentext. Vieles davon habe ich gleich umgesetzt und arbeite derzeit noch an der Erzählperspektive. Wenn mir dann noch jemand schreibt, das wäre die schönste Liebesgeschichte, die sie je gelesen hat, da geht mir das Herz auf", so Pastuszek, der als Projektmanager bei der Mediengruppe RTL arbeitet. "Leider bin ich Perfektionist, wenn ich also einmal keine fünf Sterne bei der Bewertung kriege, rege ich mich gleich auf", lacht er. 

Schreiben für den Schwarm

Für seine ersten Gehversuche beim Self-Publishing hat Pastuszek ein altes Drehbuch aus der Schublade gezogen. "Ok, ich verrate es: Ich interessiere mich eigentlich für den Bereich Comedy, war aber als Teenie fürchterlich verknallt in die Schauspielerin Natalie Portman. Also habe ich diese Liebesgeschichte, dieses Drehbuch geschrieben, weil ich dachte, ich könnte sie für mich gewinnen, wenn sie die Hauptrolle kriegt", lacht Pastuszek. Leider habe Portman geheiratet und zwei Kinder mit einem anderen gekriegt und so diesen Plan zunichte gemacht. Sein zweites Ziel, herauszufinden, wie das mit dem Self-Publishing funktioniert und Leserfeedback zu bekommen, habe er dagegen erreicht. 

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Wer jedoch längerfristig dabei sein will, sollte schon im Voraus wissen, welche Leser er gewinnen will: "Einfach drauflos schreiben lohnt sich beim Self-Publishing nicht", weiß Caroline Parker. "Dann ist das Publikum einfach nicht da." Besonders beliebt sind nach Amazon-Angaben Krimis, Thriller, Liebes- und Fantasy-Romane.

Parker selber hat mit Familienkomödien und Liebesgeschichten angefangen, hier jedoch in den vergangenen Jahren eine Tendenz zur Soft-Erotik beobachtet. "Sex sells. Aber das muss einem liegen. Darum schreibe ich jetzt Krimis!" Aber ein Genrewechsel sei nicht einfach, das würden die Leser einem nicht so einfach abnehmen. Deshalb habe sie sich für die Krimis mit "Caroline Parker" ein Pseudonym zugelegt. "Das hat gleichzeitig den Vorteil, dass ich jetzt internationaler klinge. Die derzeit erfolgreichste Krimiautorin bei KDP, Katrin Schäfer, hat sich auch in Catherine Shepherd umbenannt." 

Sein Genre zu kennen, sei auch für die Verkäufe später wichtig: "Bei KDP gibt es für jede Kategorie Charts. Wer sich da richtig einordnet, wird in Ranglisten eher oben platziert, das wiederum kann darüber entscheiden, ob der Leser am Ende dein Buch auswählt." Parker spricht aus guter Erfahrung, sie liegt aktuell mit "Zornesopfer", dem vierten Krimi aus ihrer Amaryllis-Winter-Reihe auf Platz eins der Medizinischen Thriller. 

Inspiration und Recherche 

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Am liebsten ein Fünf-Sterne-Autor: Peter Pastuszek

(Foto: privat)

Wenn das Genre dann erstmal gefunden ist - woher nimmt man dann die Ideen? Peter Pastuszek hat eigene Erlebnisse und Träume für seinen Liebesroman ausgeschöpft: "Ich komme wie meine Hauptfigur aus Duisburg und liebe New York sehr. Das Thema Depression, das ebenfalls viel Raum in der Geschichte einnimmt, hat mich in meinem Leben lange begleitet, ich hatte damit auch zu kämpfen."

Eigene Erfahrungen zu verarbeiten ist bei einem schönen Mord aber eher selten, oder? "Hoffentlich!", lacht Parker. Dass aber zum Beispiel Insulin in ihrem ersten Amaryllis-Winter-Roman eine entscheidende Rolle spielt, komme nicht von ungefähr: "Bei meiner Tochter ist damals Diabetes festgestellt worden. Und wie viele Eltern bei so kleinen Patienten, hatte ich Albträume, dass ich ihr eine Insulin-Dosis zuviel gebe und sie stirbt. Da habe ich recherchiert, ob das überhaupt möglich ist und bin auf eine Geschichte über einen perfekten Mord mit Insulin gestoßen und damit auf die Idee für meinen ersten Krimi. Dank des medizinischen Fortschritts klappt das Morden mit Insulin übrigens heute zum Glück nicht mehr so einfach." 

Für gute Krimis hält Parker Recherche für unerlässlich: "Die Grundidee, die Fakten sollten schon stimmen. Ich rufe auch schon mal bei einem Arzt an, wenn ich mir unsicher bin." Manchmal habe sie eine Idee und frage sich dann beim Schreiben, ob das überhaupt so möglich ist. "Da ist die Antwort auch schon mal: Nein! Da fange ich dann von vorne an."

Dranbleiben!

Pastuszek ist sich nicht sicher, ob er in nächster Zeit ein weiteres Buch veröffentlichen wird: "Ich habe meine Ziele erstmal erreicht und bräuchte für ein neues Buch viel mehr Zeit -  ich müsste auch mehr investieren, um mehr Leser zu erreichen." Das kann Parker bestätigen. Wer Erfolg haben wolle, sollte nicht an einem vernünftigen Cover, einer guten Formatierung, einer Rechtschreibprüfung und gegebenenfalls einem Lektorat sparen. "Nimmt man dafür professionelle Dienstleister in Anspruch, kommen hier etwa 1000 bis 2000 Euro zusammen." 

Ein weiterer Faktor ist die Kurzlebigkeit der Bücher: "Man muss schon dranbleiben, sonst wird man von den Lesern schnell vergessen. Ich schreibe zwei Bücher im Jahr, extrem erfolgreiche Autoren veröffentlichen aber bis zu fünf Bücher jährlich", so Parker. "Einmal habe ich sechs Monate nach dem vorherigen Buch ein neues veröffentlicht, da schrieb mir eine Leserin bei Facebook: "Super, ich dachte schon, Du schreibst nicht mehr!""

Spaß nicht vergessen

Und was kommt bei dem Ganzen rum? "Ich habe etwa 20 Bücher tatsächlich verkauft, aber über 70 Rezensionen bei Lovely Books und Amazon erhalten - dort hatte ich die Bücher verlost. Mein Ziel war ja das Feedback, also bin ich zufrieden", sagt Pastuszek.

"Bei mir füllen die Erlöse die Urlaubskasse auf", verrät Parker. "Bei KDP kann ich mir ja die Rankings und die Verkäufe jederzeit aktuell anschauen - und manchmal weine ich und manchmal lache ich! Insgesamt ist da aber noch Luft nach oben." Offenbar: Laut Amazon-Gründer Jeff Bezos haben im Jahr 2017 über tausend unabhängige Autoren per Kindle Direct Publishing die Marke von 100.000 US-Dollar bei ihren Tantiemen durchbrochen. 

Abgesehen von möglichen Tantiemen müsse aber noch der Spaßfaktor hinzugerechnet werden, meint Parker: "Wenn man sich nach einem Arbeitstag und der Versorgung von zwei Kindern, Hund und Katze abends hinsetzt, um über Morde nachzudenken, darf man sich dafür keinen Stundenlohn ausrechnen. Aber Schreiben macht glücklich und von seinen Lesern zu hören, dass sie auf das neue Buch warten, auch." 

Aktuell hat sich Parker erstmal für den Kindle Storyteller Award, dem Literaturpreis für Self Publisher angemeldet, dessen Einreichungsfrist noch bis Ende des Monats läuft. Dem Gewinner winken 35.000 Euro Preisgeld, ein ordentlicher Beitrag zu jeder Urlaubskasse. Und die Chance auf eine TV- oder Serienproduktion bei Prime Video. Da kriegt Harry Quebert ja vielleicht bald Gesellschaft von Amaryllis Winter.

 

Quelle: n-tv.de

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