Leben

Olaf Heines "Human Conditions" "Meine Kamera öffnet mir Schlösser und Türen"

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Auf dem Foto ist Thomas Kretschmann zu sehen. Schauspieler und Fotograf konzentrieren sich auf das Positive.

(Foto: © Olaf Heine / Courtesy of CAMERA WORK Gallery)

Der Fotograf Olaf Heine hat wohl einen der schönsten Jobs der Welt - oder wie käme man Stars, Landschaften und Themen sonst noch näher, als ganz dicht mit der Kamera draufzuhalten? Die Ergebnisse sind ab dem Wochenende in der Galerie Camera Work in Berlin zu bewundern. Mit ntv.de spricht er vorher darüber, was ihn antreibt, warum "Drang" nicht mit "drängeln" gleichzusetzen ist und warum er seine Arbeit wie die Luft zum Atmen braucht.

ntv.de: Iggy Pop sagte vor einer Weile über dich: "[…] Olaf is a young man blessed with a clear and inescapable German eye. You better run or fight back". Also kurz gesagt: Deinem - deutschen - Blick kann man nicht entkommen ...

Iggy Pop, Miami, 2001.jpg

Iggy Pop, Miami, 2001

(Foto: © Olaf Heine / Courtesy of CAMERA WORK AG)

Olaf Heine: Ich habe über einen längeren Zeitraum mit ihm gearbeitet und anfangs mag ich wohl noch ein "young man" gewesen sein (lacht). Ich verstecke meine Herkunft ja nicht, und damals, als wir uns die ersten Male getroffen haben, wohnte ich in den USA. Aber ich denke, er hat mich direkt mit Berlin in den Zusammenhang gebracht, wo er auch mal eine Weile gelebt hat. Ich glaube, wenn man - wie ich - nicht in einer Weltmetropole geboren wurde, dann muss man auf eine gewisse Art getrieben sein. Das war ich damals und bin es noch heute. Dann wird manches zum Selbstzweck, um weiterzukommen. Bei mir ist es die Fotografie. Unsere Welt ist ja recht seltsam und wenn ich darauf warte, dass die Dinge zu mir kommen, dann weiß ich nicht, ob das Leben überhaupt diese Intensität hätte, die ich gern spüre. Man muss hingehen, man muss Mauern einreißen.

Eine große Ausstellung steht jetzt an, wie ist dein Gefühl?

Das ist ja ein längerer Prozess, mein Kopf ist voll, und ich versuche mich darauf zu konzentrieren, dass das alles klappt.

Ist aber ein gutes Gefühl, oder?

Ja, denn es ist etwas Kreatives und Schöpferisches, es ist verbunden mit positiver Energie. Das ist mit ein Grund, warum ich mir diesen Beruf oder diese Berufung irgendwann mal ausgesucht habe.

Seit über 30 Jahren mittlerweile schon. Was war die Initialzündung zu: "Ich will Fotograf werden"?

Wie alle Teenager habe ich auch versucht, meinen Platz in der Welt zu finden, und geschaut, wo ich hineinpasse oder hineinpassen möchte. Ich habe immer schon fotografiert, mein Vater war Optiker und wir hatten Kameras zu Hause. Zum ersten Mal eine Kamera in der Hand hatte ich wahrscheinlich mit acht oder neun Jahren. Und dann später, im pubertären Alter, kam irgendwann die Musik dazu. Ich bin ja in einem kleinen Ort aufgewachsen und da habe ich sehr schnell die Grenzen gespürt. Die Musik half mir, aus meiner sich im Kreis drehenden Gedankenwelt und den Grenzen dieses kleinen Dorfes zu entkommen. Und da entstand dann auch bereits die Idee, dem, was ich da hörte und spürte, und dem, was ich auf den Plattencovern gesehen habe, nachzugehen. Ich bin auf Konzerte gegangen, habe mich zur Bühne durchgekämpft und Fotos gemacht. Hannover, wo ich geboren wurde, hatte Ende der Achtziger zum Glück eine halbwegs rege und vielschichtige Musikszene.

Die bekanntesten sind sicherlich die Scorpions, aber die meinst du nicht …

Nein (lacht), ich meine eher Fury in the Slaughterhouse und Terry Hoax, die waren in meinem Alter, also Anfang 20. Deren Manager rief mich irgendwann an und lud mich ein, ihnen meine Bilder zu zeigen. Und so fing das an, vor 30 Jahren, unfassbar. Dann bin ich nach Berlin gezogen und habe beim Lette-Verein studiert.

Beim Konzert in die erste Reihe vordrängeln hilft also …

Ich glaube, es war kein Drängeln, es war eher ein Drang. Etwas hat mich geradezu magisch angezogen. Eigentlich war ich ein eher schüchterner Typ. Aber die Kamera hat mir Kraft und Selbstvertrauen verliehen. Und ich hatte eine Daseinsberechtigung, dorthin zu gehen, wo die Musik entsteht. Und so, wie ich mich vielleicht vor 30 Jahren mal nach vorne "gedrängelt" habe, so mache ich das vielleicht - auf andere Art - auch heute noch an der einen oder anderen Stelle. Manchmal braucht es ein bisschen mehr Engagement.

Ist deine Kamera wie ein Schutzschild?

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Hatte mit acht oder neun zum ersten Mal eine Kamera in der Hand: Olaf Heine.

(Foto: Anni Felmet)

Eher wie ein Schlüssel zu den unterschiedlichsten Schlössern und Türen. Ohne die Kamera würde ich mich mit gewissen Themen wahrscheinlich nicht so intensiv auseinandersetzen. Aber da ich durch die Kamera einen anderen Zugang bekomme, kann ich in die Tiefe gehen. Und Fragen, die sich mir vielleicht stellen, beantworten oder zumindest so mein Wissensdrang auf eine Art befriedigen. Für mich heißt Fotografie immer, zum Verstehen zu gelangen, das ich auf andere Art und Weise nicht erreichen kann. Die Kamera zwingt mich, nachzudenken und den Dingen auf den Grund zu gehen. Auf diese Art kann ich als Mensch mich weiterentwickeln und reifen.

Wenn es dein Drang nach Wissen ist, der dich antreibt - weißt du nach dem Fotografieren mehr über die Person?

Jeder muss Fotografie für sich selbst einnorden. Sie ist gewissermaßen eine Suche nach Wahrhaftigkeit, aber bedeutet meinem Verständnis nach nicht unbedingt, dass sie die Realität widerspiegelt. Es ist vielmehr eine Reduktion der Realität. Wie eine zweite Wirklichkeit. Am Ende ist eine Fotografie von mir nur eine Interpretation. Sie ist meine Perspektive auf ein Thema. Ich bin zufrieden, wenn ich eine eigene Sicht entwickeln kann. Manchmal geht das nicht, weil auch Rollen gespielt werden, das gehört für viele dazu. Die Herausforderung ist, etwas zu entdecken, was man vorher noch nicht so gesehen hat. Entspricht das der Wahrheit? Weiß ich nicht. Ist das wirklich diese Person? Keine Ahnung. Das fände ich vermessen, wenn ich das denken würde. Für mich ist der kreative Prozess, der momentane Blick auf eine Person, herauszufinden, was diese Person antreibt, das Wichtigste.

Davon kann man jetzt so einiges sehen in "Human Conditions".

Da habe ich tatsächlich einiges zusammengetragen, ja (lacht). Ich versuche zu zeigen, was die Menschen selbst begeistert, wie sie arbeiten und was sie inspiriert. Ich fotografiere, um herauszufinden, was ich selbst dabei denke und fühle, das ist meine Hauptintention. Die Fotografie ist mein Medium, um das zu teilen. Um mich mitzuteilen. Für mich geht es in dieser Serie darum, ein großes Spektrum meines Weges zu teilen, meiner Begegnungen und Beobachtungen. Es geht es darum, was einen als Menschen, aber auch Künstler prägt, es geht um das menschliche Sein und um das kreative Sein im Besonderen. Meine Fotografien sind Erzählungen von den Zusammenkünften, die ich mit Malern, Schauspielern, Sängern, Kreativen hatte.

Letztes Mal haben wir über "Rwandan Daughters" gesprochen. Auch da steht der Mensch im Mittelpunkt.

Ja, ich sehe da durchaus eine Beziehung: Ich fotografiere den Menschen, egal, ob er prominent ist oder nicht, und das letzte Projekt handelte davon, was für eine grausame Spezies wir Menschen sind, was wir uns gegenseitig anzutun vermögen. Ruanda, dieser Genozid ist fast 30 Jahre her, aber wie primitiv wir Menschen doch sind, das sehen wir aktuell jeden Tag in der Ukraine oder im Iran. Überall. Es ist unverständlich und sehr traurig, dass wir aus der Vergangenheit nicht lernen. Meine Serie "Human Conditions" handelt genau von dem Gegenteil, nämlich davon, wie groß unser Potenzial eigentlich ist. Wenn wir uns drauf konzentrieren, positive Dinge zu tun, wenn wir kreativ sind, wenn wir auf der Suche nach Wissen und Inspiration sind, wenn wir kommunizieren und gemeinschaftlich interagieren, dann ist das die andere Seite des Menschseins.

Interessiert dich "das Böse", der Aggressor, der Täter?

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Damit hatte ich bei "Rwandan Daughters" begonnen, mich dann aber dafür entschieden, dem Bösen keine Stimme zu geben. Und das sehe ich auch jetzt noch so. Ich weiß nicht, ob es so gut ist, allen Leuten eine Stimme zu geben, auch wenn die Welt nach immer mehr "Content! Content! Content!" verlangt. Ich bin aber auch kein Journalist, der sich der Wahrheitsfindung verschrieben hat, sondern ich fotografiere, was mich interessiert, was mich beschäftigt, mich antreibt, das ist total subjektiv. Bei Ruanda haben mich die Frauen interessiert. Mich hat dabei vor allem interessiert, wie die Frauen mit den brutalen Ereignissen 1994 umgegangen sind, ob und wie die Frauen seither ihr Leben gemeistert haben. Was kann ich selbst daraus lernen? Konnten Sie aus dem Negativen etwas Positives machen? Und wenn ja, wie? Wie gehen sie ihr Mutterdasein an? Ich bin selbst Vater. Aber auch die Perspektive der Kinder hat mich interessiert. Wie gehen sie mit diesem blinden Fleck in der eigenen Biografie um? Auch ich bin die ersten Jahre ohne Vater aufgewachsen und war an diesem Umstand daher interessiert. An dem Projekt der "Rwandan Daughters" habe ich zwei, drei Jahre gearbeitet und das hat mich unfassbar mitgenommen. Ich wollte mich danach mal wieder den positiven, schöpferischen Dingen zuwenden.

In andere Gesichter zu schauen, ist so wichtig. Das haben wir in der Corona-Zeit gemerkt.

Mich mit einer Person zu treffen, mit ihr zu kollaborieren, ist in der Tat ein Geschenk. Die Pandemie hat uns zwei Jahre isoliert und sie hat uns gezeigt, was die besonderen Momente im Leben eines Menschen sind, nämlich die Verbundenheit, die gemeinschaftlichen Situationen, das Glück, den Augenblick mit anderen teilen zu können. Aber wenn man jetzt mal genau hinschaut, dann haben wir auch aus dieser Situation nicht wirklich gelernt, scheint es mir. Die Welt scheint im Chaos unterzugehen, sich zu polarisieren und auseinanderzudriften. Das ist doch unfassbar.

Welches ist dein Lieblingsfoto, abgesehen von einem Familienfoto?

Das ist, als würdest du mich fragen, welches meiner Kinder ich am meisten liebe (lacht), das geht gar nicht. Jedes Foto spiegelt einen Moment, eine Begegnung wider, und alles zusammen macht dieses - mein -Leben aus. Sichtweisen verändern sich, deswegen ist das für mich alles gleich bedeutend, und es ist Teil des Prozesses. Ein Schauspieler lernt eine Rolle mit Leben zu füllen, ein Musiker komponiert einen Song, ein Schriftsteller hat ein weißes Blatt zu füllen und ich eben eine Filmrolle. Oder eine Speicherkarte. Das klingt sehr unsexy, ich weiß, aber wir fangen alle mit etwas Leerem an. Der schöpferische Prozess braucht einen Impuls, und diesen Impuls versuche ich festzuhalten.

Ein Beispiel?

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Julian Schnabel (End Of The World), Montauk, 2019

(Foto: © Olaf Heine / Courtesy of CAMERA WORK AG)

Den Maler Julian Schnabel habe ich beispielsweise beim Surfen fotografiert, weil er sagt, alle seine Bilder haben was mit dem Ozean zu tun. Bei jedem Mensch kommt die Inspiration aus anderen Quellen, das ist bei mir ja genauso. Manchmal kommt sie von außen, manchmal von innen, auch mal von der dunkleren Seite der Persönlichkeit. Es ist dieser Dorn, der Selbstzweifel, der einen kontinuierlich piesackt, verunsichert, aber auch antreibt. Alles immer wieder infrage zu stellen - da ist es vollkommen egal, wie berühmt oder geliebt oder erfolgreich jemand ist, wie groß die Stadien sind, in denen Künstler auftreten - die haben auch immer wieder Selbstzweifel. Du kannst noch so gut sein, du kommst nach Haus und stellst alles infrage. Es ist eine andauernde Suche, sich selbst zu finden, kennenzulernen, zu reflektieren und sich auch zu respektieren.

Als du die Bilder für die aktuelle Ausstellung ausgesucht hast, was hast du da gelernt?

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Laird Hamilton (Queen's Bath), Kauai, 2018

(Foto: © Olaf Heine / Courtesy of CAMERA WORK AG)

Dass mir mit jedem Foto etwas geschenkt wurde. Es sind viele ältere Fotos dabei, aber viele Werke sind eben auch extra für dieses Projekt entstanden. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Menschen einen so nah an sich heranlassen. Ich lerne immer etwas. Und wenn ich mit Julian Schnabel in Montauk am Meer stehe und er mit seinen über 70 Jahren eine Welle reitet, dann ist das etwas Wunderbares. Ich habe mit Bono über die Ramones gesprochen, die waren die Mentoren von U2. Rufus Wainwright suchte sein Haus nach dem ehemaligen Wohnort der Stummfilm Diva Louise Brooks aus und schaut nun jeden Morgen zu ihrem alten Haus hinauf. Westernhagen hält seine erste Platte in der Hand. Da sind 50 Jahre Karriere in einem Bild festgehalten. Lauter kleine Geschichten werden mir geschenkt. Und das ist wahrlich ein Privileg. Und um nochmal auf Iggy Pop zurückzukommen: Manchmal muss man nachhelfen und jemanden zu dem überreden, was man in ihm zu entdecken sieht. Den Krieger oder Boxer in ihm, aus meinem "Leaving the Comfort Zone"-Buch, das hat er erst später gemerkt, wie viel Kraft diesem Bild innewohnt. Es hilft, wenn man zu den Leuten geht, und sich mit ihnen in ihrer Umgebung auseinandersetzt.

Das führt dich auch an die schönsten Orte dieser Welt, wie Hawaii …

Ja, man kennt diese Bilder von winzigen Menschen in riesigen Wellen, die einem Comic-Buch zu entspringen scheinen. Den Big-Wave-Pionier Laird Hamilton, der die prominente Welle "Jaws" vor Hawaii entdeckte, habe ich gefragt, was ihn antreibt. "Die Kraft des Ozeanes", hat er gesagt, und dann hat er mich zu einem Ort mitgenommen, wo die Kraft des Meeres uns zu erschlagen drohte.

Mit Olaf Heine sprach Sabine Oelmann

Die Ausstellung "Human Conditions" läuft vom 26. November bis 4. Februar in der Galerie Camera Work in Berlin.

Quelle: ntv.de

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