Leben

Gegen den Stress Mit Meditation durch die Corona-Krise

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Zur Ruhe zu kommen, ist in diesen Zeiten gar nicht so leicht.

(Foto: imago images/Westend61)

Im Ausnahmezustand der Corona-Pandemie lässt sich das Leben nicht wirklich planen. Wann wir zur Normalität zurückkehren, ist ungewiss - ein enormer Stressfaktor. Meditationen können helfen, damit umzugehen. Wer noch nie meditiert hat, kann es jetzt lernen.

Wann öffnen die Kitas wieder? Übersteht mein Arbeitgeber die Corona-Krise? Und was wird aus dem Sommerurlaub? In diesen Tagen ist eigentlich nur gewiss, dass nichts sicher ist. Für die menschliche Psyche ist diese Unsicherheit ein enormer Stressfaktor. "Wir leben normalerweise in einer Gesellschaft, in der wir es gewohnt sind, die Kontrolle über uns und unser Leben zu haben, zu entscheiden, welcher Tätigkeit wir nachgehen, wie viel und ob wir Zeit mit anderen Menschen verbringen, wie wir unsere Freizeit gestalten", sagt die Berliner Psychologin Julia Sniegocki. Das sei derzeit kaum möglich. Viele erlebten so einen enormen Kontrollverlust. "Die meisten Menschen haben jedoch nicht gelernt, wie man mit dieser Hilflosigkeit umgeht. Uns fehlt sozusagen ein Konzept dafür. Wir bekommen Angst und suchen nach Sicherheit", so Sniegocki.

Zudem reduziert die Kontaktsperre unsere sozialen Interaktionen auf ein Minimum. Und viele Menschen verbuchen derzeit keine beruflichen Erfolge, sondern schaffen gerade mal das Nötigste - Grundbedürfnisse wie Bindung und Anerkennung werden so nicht oder nur schlecht erfüllt.

Gleichzeitig fallen viele Bewältigungsstrategien weg. "Normalerweise reagieren wir auf Probleme in unserem Leben, indem wir aktiv werden. Wir machen Pläne, versuchen Lösungen zu finden oder lenken uns von negativen Gefühlen ab, indem wir uns in die Arbeit stürzen, mit Freunden ausgehen, verreisen. All diese Strategien stehen uns momentan nicht zur Verfügung", sagt Sniegocki. "Jeden Tag ändern sich Prognosen, Empfehlungen, Erkenntnisse. Das heißt, wir sind in einer Situation, in der Planen und Weglaufen nicht mehr funktionieren. Es gilt, die Situation zu akzeptieren, quasi auszuhalten."

Mit Meditation das Aushalten lernen

Bei diesem Aushalten kann Meditation helfen - schließlich geht es bei dieser Technik auch darum, innezuhalten und bewusst mit dem Planen und Grübeln aufzuhören. Dass Meditation und Achtsamkeitsübungen Stress reduzieren können, ist in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen worden. So stellten Forscher des Max-Planck-Instituts in einer weltweit einzigartigen Studie, dem ReSource-Projekt, fest, dass regelmäßiges mentales Training die Hirnstruktur ändert - und so, je nachdem, was geübt wird, die Fähigkeit verbessert, aufmerksam oder empathisch zu sein.

Dass mentales Training auch das Stresslevel deutlich reduziert, wurde ebenfalls im Rahmen der Forschungen am Max-Planck-Institut nachgewiesen. Teilnehmer der Studie schütteten in einem Test, bei dem sie einer stressigen Leistungssituation ausgesetzt waren, bis zu 51 Prozent weniger des Stresshormons Cortisol aus als solche, die nicht meditiert hatten.

Boris Bornemann, Psychologe und Meditationstrainer, war am ReSource Projekt beteiligt und wurde am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften zu Meditation und ihrer Wirkung auf die Regulation des autonomen Nervensystems promoviert. Er beschäftigt sich seit zwölf Jahren mit dem Thema. Zweimal täglich widmet er jeweils eine halbe Stunde der Meditation, ist ihretwegen nach Indien, Sri Lanka, in die USA und Großbritannien gereist und sagt, das mentale Training habe ihn gelassener, stressresistenter und ja, auch glücklicher, gemacht.

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Gerade jetzt, wo viele durch die Corona-Pandemie unter Angst und Anspannung leiden, könnten Menschen von einer Meditationspraxis profitieren, sagt Bornemann. So trainierten sie dadurch beispielsweise, besser mit Unsicherheit und Zukunftssorgen umzugehen. "Durch das Meditieren lerne ich, mich mehr auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren und nicht in Katastrophen-Szenarien zu verlieren", sagt Bornemann.

Ein Moment Ruhe

Auch Fähigkeiten wie Selbstliebe und Fürsorge werden durch mentales Training verbessert. Beim Meditieren werden Stresshormone abgebaut, und unser parasympathisches Nervensystem wird aktiviert. Das macht uns ruhiger, entspannter und feinfühliger. "Zudem ist eine Einheit für sich schon eine Ruhepause. Man kann dabei aus dem Getriebensein für einen Moment aussteigen, das hat einen regelrechten Urlaubseffekt", sagt Bornemann. "Beim Meditieren wird uns auch bewusst, dass wir in jedem Moment eine Wahl haben, dass wir frei handeln können. So können wir aus antrainierten Mustern ausbrechen und uns für neue, produktive Verhaltensweisen öffnen."

Dies funktioniert auch mit digitalen Hilfsmitteln. Bornemann hat der Meditationsapp "Balloon" seine Stimme geliehen und führt durch rund 200 verschiedene Übungen mit Titeln wie "Mit Angst umgehen" oder "Kleine Naschbremse". Die App soll einen effektiven und unkomplizierten Weg bieten, das eigene Leben durch Meditieren zu verbessern und kann im Monats- oder Jahresabo gebucht werden. Eine Auswahl von Einheiten ist zudem gerade kostenlos verfügbar, um Menschen den Umgang mit der Corona-Krise zu erleichtern.

Eine App kann zwar keinen Meditationslehrer ersetzen - doch in dieser Zeit ist sie ein hilfreicher Weg, mit einer eigenen Praxis zu beginnen. "Zumindest hat man durch die App ein pädagogisch gut strukturiertes Programm und wird angeleitet", sagt Bornemann. "Und man kann die Übungen so legen, dass sie gut in den Alltag passen." Schon zehn Minuten täglich können reichen, um einen positiven und beruhigenden Effekt festzustellen und sich nach einigen Tagen schon weniger gestresst zu fühlen, sagt er.

Quelle: ntv.de