Leben

Ausstellung "WIR! SIND! HIER!" Shoah-Überlebende in Berlins Abgeordnetenhaus

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Endlich sind die Opfer im Fokus. Und sie haben mehr als eine Vergangenheit, sie haben eine Zukunft.

(Foto: Ann Katrin Warter/ IMAGO)

Überlebende des Holocausts, ihre Nachfahren, ihre Gedanken: Eine Ausstellung im Berliner Abgeordnetenhaus anlässlich von 80 Jahren "Wannseekonferenz" richtet den Blick vor allem nach vorn. Und gibt den Opfern endlich ein Gesicht.

"WIR! SIND! HIER!" ist ein im wahrsten Sinne des Wortes großes, fotografisch-künstlerisches "Dennoch!" Hier werden Überlebende der Shoah und ihre Nachfahren auf eine bisher nicht gekannte Art und Weise präsentiert. Anlass ist der 80. Jahrestag einer Konferenz am Berliner Wannsee, die dem wunderschönen See und Naherholungsgebiet der Hauptstädter seit eben 80 Jahren einen bitteren Beigeschmack verleiht: Die Wannseekonferenz am 20. Januar 1942.

An diesem Tag beschlossen 15 Männer die weiteren Zuständigkeiten der bereits angelaufenen Ermordung der europäischen Juden - beim Frühstück am Berliner Wannsee. Während diese 15 Täter zentrales Element des Erinnerns sind, werden ihre Opfer zumeist - wenn überhaupt - nur entpersonalisiert genannt. Sie waren bisher einfach nur "die Opfer". Diese Opfer haben aber Namen. Und einige überlebten ihre systematisch geplante Vernichtung trotz aller Widrigkeiten.

Spaß und Gelächter bei der Planung des Bösen

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Peter Brent mit Enkelin Serena

(Foto: Susanna Kraus/ IMAGO)

Ein paar dieser noch lebenden Personen stellt das Projekt vor: Ihre Namen sind Eva Szepesi, Yisrael Abelesz oder Dr. Peter Brent zum Beispiel. Brent, lange und erfolgreich Anwalt, erzählt: "Ich war fast 50 Jahre glücklich verheiratet, bevor meine Frau Daphne starb. Ich habe drei Söhne und sechs Enkelkinder. Mit Serena - sie ist Anwältin - bin ich auf dem Porträt zu sehen. Als wir für die Aufnahme in Berlin waren, besuchten wir die Gedenkstätte 'Haus der Wannseekonferenz'." Es bleibt Brent unbegreiflich, "wie eine gebildete, kultivierte und intelligente Gruppe von Menschen in der Lage war, solch grausame, völkermörderische Pläne zu schmieden, zumal in einer Urlaubsatmosphäre, bei Essen und Cognac in idyllischer Umgebung. Man kann und mag sich nicht vorstellen, wie viel Spaß und Gelächter am Tisch herrschte, während sich das Böse entwickelte."

Am 80. Jahrestag der Wannseekonferenz eröffnete der Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin, Dennis Buchner, in der Wandelhalle des Parlaments, die Kunstinstallation. Sie zeigt den symbolischen Konferenztisch und das Dokument, das penibel auflistet, aus welchen Ländern Europas die elf Millionen Menschen stammen, die man möglichst effizient ermorden wollte. Die Stühle der Täter sind leer - um den Konferenztisch herum stehen nun jedoch einige derer, die nach dem Willen der Täter schon längst tot sein sollten. Sie blicken auf die leeren Stühle und das Protokoll, das ihre Ermordung vorsieht.

Aus Opfern werden Überlebende, werden Gesichter

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Fotografin, Schauspielerin, Bewahrerin: Susanna Kraus.

(Foto: Kolja Eckert)

Seit Bekanntwerden der Protokolle wurde intensiv über die fünfzehn Teilnehmer geforscht. Stets standen sie im Vordergrund. Die anderen "Beteiligten" waren immer nur "die elf Millionen zu ermordenden Juden" oder "die sechs Millionen Ermordeten". Seit vielen Jahren holt der Historiker Julien Reitzenstein in wissenschaftlichen Büchern, aber auch mit Initiativen zur Gedenkkultur jene aus der Anonymität, die bisher als "die Opfer" galten, und gibt ihnen ihre Namen und Identitäten zurück.

Manche derjenigen, die nicht zu den sechs Millionen Ermordeten gehörten, leben noch unter uns. Und ihnen müssen wir zuhören, damit "so etwas" nie wieder passiert. Diese Überlebenden sind nämlich von einer unglaublichen Lebendigkeit - genau, wie ihre Nachfahren. Nun stehen sie hinter den Stühlen derjenigen, die ihre Ermordung für richtig hielten.

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Nick Cave - er kam "einfach so hereinspaziert".

(Foto: Susanna Kraus)

Susanna Kraus hat die Überlebenden für die Ausstellung fotografiert. Und das nicht mit irgendeiner Kamera, sondern mit der auf der Welt einzigartigen Imago-Camera. Sie sagt über das Projekt: "Bis jetzt sind es nur acht Überlebende, die wir porträtieren konnten, aber es werden noch mehr. Wir konnten einige während der Lockdowns nicht nach Berlin holen, aber das wird nachgeholt." Das klingt nach einem sehr lebendigen Vorhaben, trotz des Hintergrunds: "Wir müssen das jetzt machen, in ein paar Jahren ist die Gelegenheit vorbei, dann wird es keinen einzigen Zeitzeugen mehr geben", so Kraus.

Die weltweit nur einmal existierende, begehbare IMAGO-Camera war ganz sicher die beste Wahl für dieses Projekt: Sie fertigt lebensgroße Ganzkörperporträts auf speziellem Umkehrfotopapier an. Auch dadurch wirken die Überlebenden bemerkenswert präsent. Vielleicht auch deswegen, weil die Porträtierten selbst auf den Auslöser der Kamera drücken und somit bestimmen können, wie sie sich zeigen wollen.

Das kann übrigens jeder machen, der in Berlin ist: Prominente von Nick Cave über Wim Wenders und Ulrich Tukur bis zur Familie von nebenan pilgern in die Prinzenstraße am Moritzplatz und lassen sich im IMAGO-Studio ablichten. "Das funktioniert gut, alles über Mundpropaganda", lacht Susanna Kraus. "Aber ich hatte auch echt harte Jahre, und Corona hat natürlich auch hier im Studio Spuren hiterlassen. Aber jetzt geht es wieder bergauf. Leute, die für so etwas einen Sinn haben, die kommen irgendwann hierher." Sie strahlt. Das machen die meisten Kunden auf den Porträts übrigens nicht - irgendwie nötigt diese riesige, begehbare Kamera den Menschen einen gewissen Respekt und Seriosität ab.

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Eine begehbare Kamera - einmalig auf der Welt ....

(Foto: IMAGO)

Das hat Kraft

Und damit zurück ins Abgeordnetenhaus: Mit Kraus wurde das fotografische Konzept für die Porträts von "WIR! SIND! HIER!" entwickelt. Sie erzählt ntv.de, dass es am wichtigsten war, mit dem fotografischen Konzept die Hoffnung zu zeigen, nicht die Vergangenheit, und auf das Leben zu verweisen: "Wir wollten Bilder gegen das Vergessen schaffen, Bilder, die man nicht so einfach übersieht. Bilder, die haften bleiben, die man nicht zuklappen kann. Ein Zeitdokument."

Das hat funktioniert: Zu sehen sind die (Ur-)Großväter und -mütter neben (Ur-)Enkeln auf zwei Meter mal 60 Zentimeter großen analogen Schwarzweiß-Portraits, kein Hintergrund, keine räumliche Zuordnung. Menschen von Kopf bis Fuß, zusammenstehend in diesem engen, hohen Format - das hat Kraft.

Neben den bestehenden Gedenkstätten und wissenschaftlichen Zugängen vermittelt diese Installation nun einen sehr emotional-visuellen Zugang zu den Ereignissen am Wannsee vor 80 Jahren - und was sie im 21. Jahrhundert für viele unter uns Lebenden bedeuten. Nach der Premiere im Berliner Parlamentsgebäude reist die Installation dann in alle Welt. Dabei werden weitere Überlebende porträtiert und die Installation so laufend ergänzt. Am Ende der Reise kehrt "WIR! SIND! HIER!" nach Berlin zurück und soll dort ab dem 8. Mai 2025, dem 80. Jahrestag des Kriegsendes, dauerhaft zu sehen sein. Ein grandioses Zeitzeugnis: Die letzten Überlebenden und ein Perspektivwechsel bei der Betrachtung der Shoah - und nicht die Täter, sondern die von ihnen Verfolgten stehen endlich im Mittelpunkt.

Mehr über die Imago Camera können Sie hier nachlesen.
Mehr zu "WIR!SIND!HIER!" finden Sie hier.

Quelle: ntv.de

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