Leben

Versprechung statt Vertrauen Sind arrangierte Freundschaften die Zukunft?

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Wir finden im Leben gerade einmal sechs Menschen, die wir echte Freunde nennen, sagt Psychotherapeut Wolfgang Krüger.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Freunde zu finden ist nicht leicht. Die US-Amerikanerin Ari Honarvar wagt deshalb ein Experiment: Neun Frauen versprechen sich die Freundschaft - ohne sich vorher zu kennen. Die platonische Variante der arrangierten Ehe wird für die Gruppe zum Erfolg, hat allerdings auch ihre Tücken.

Wie findet man neue Freunde? Was im Kindergarten, in der Schule, Uni oder Ausbildung wie von ganz alleine passiert, braucht im Erwachsenenalter weitaus mehr Planung und Geduld. Dabei war es doch eigentlich noch nie so leicht, neue Menschen kennenzulernen - ganz besonders in Städten. In Sportvereinen tummeln sich Gruppen von Gleichaltrigen, haufenweise Bars laden zu spontanen Gesprächen an der Theke ein und bei Facebook und Instagram sind potenzielle Freunde nur einen Klick entfernt. Doch wer schon einmal alleine in eine neue Stadt gezogen ist, mag die Tücken kennen: Ins Gespräch zu kommen, ist nicht schwer. Dann aber bleibt es oft beim Smalltalk, im Alltag verliert man sich wieder aus den Augen und ohnehin haben sich die meisten Freundesgruppen schon vor Jahren gebildet.

So erging es auch der US-Amerikanerin Ari Honarvar, als sie 2008 mit Partner und Baby nach San Diego in Kalifornien zog. In Buchclubs und bei Tangostunden hatte sie kein Glück und sogenannte "Matchmaker"-Veranstaltungen, auf denen Unbekannte zu Freunden werden sollen, fühlten sich für die junge Frau an, als sei sie "auf dem merkwürdigsten Blinddate gewesen".

Wie Honarvar ergehe es vielen Menschen in einer für sie fremden Umgebung, beobachtet die Soziologie-Professorin Rebecca G. Adams von der University North Carolina. Denn je mehr sich die äußeren Bedingungen ändern, so Adams, desto schwieriger wird es, die drei Bedingungen für eine feste Freundschaft zu erfüllen: Nähe, wiederholte Interaktionen und ein Umfeld, das Menschen ermutigt, sich zu öffnen und einander zu vertrauen.

"Als ich mich in der Freundschaftswüste des modernen Lebens abmühte, begann ich mich nach etwas zu sehnen, von dem ich nicht wusste, dass es überhaupt existiert", schreibt Honarvar auf Twitter über ihre Anfangszeit in Kalifornien. Was sie meint, ist das Konzept der arrangierten Freundschaft. In der "Washington Post" erzählt die gebürtige Iranerin, wie sie es geschafft hat, in einer neuen Umgebung Freunde zu finden.

"Habe einfach auf meinen Instinkt gehört"

So habe sie nach unzähligen gescheiterten Bekanntschaften viel über arrangierte Ehen nachgedacht. Honarvar lebte bis zu ihrem 14. Lebensjahr in der Islamischen Republik Iran. Dort gibt es einige solcher Ehen. Viele davon, so schreibt sie, entwickelten sich zu guten und dauerhaften Beziehungen. Der Gedanke der Autorin und Journalistin mag skurril klingen - assoziiert man arrangierte Hochzeiten doch häufig eher mit Zwang als mit einem Bündnis aus Liebe. Was Honarvar aber vielmehr meinte, ist das Festlegen eines Rahmens, in den die neue Beziehung gegossen wird. Durch die Ehe entstehe automatisch eine Struktur, auf die man sich stützen könne und ein Versprechen, Spaß und Intimität zuzulassen, um die Beziehung aufrechtzuerhalten. Schlüsselelemente nennt es die Kalifornierin.

Vor drei Jahren dann setzte Honarvar die Idee in die Tat um. Auf Partys sprach sie Frauen an, die ihr auf den ersten Blick sympathisch erschienen. Wie sie die Fremden ausgewählt habe, möchte einer ihrer Instagram-Follower wissen. Ihre Antwort: "Ich habe einfach auf meinen Instinkt gehört." Honarvar fragte die Frauen, ob sie an einem Experiment teilnehmen wollen und hatte Glück - "Sie alle sagten ja." Zu neunt setzten die sich Unbekannten das erste Schlüsselelement um und feierten eine Art Verpflichtungszeremonie. Dabei war es wichtig, schreibt Honarvar, dass wir uns schon zu Beginn sagten, welche Eigenschaften wir an dem anderen schätzen. Von da an trafen sich die Frauen regelmäßig entweder zu zweit oder in kleineren Gruppen. Sogar die Pandemie haben die arrangierten Freundschaften überlebt, resümiert Honarvar in der Zeitung. "Im Gegensatz zu vielen anderen Freundschaften."

Gerade in Krisenzeiten können solche arrangierten Beziehungen ein Weg aus der Einsamkeit sein, sagt auch Psychotherapeut Wolfgang Krüger im Gespräch mit ntv.de. Der Experte für Freundschaften macht allerdings eine große Einschränkung: "Wir müssen uns unbedingt bewusst sein, dass das keine Herzensfreundschaften sind." Bei dem von Honarvar geschilderten Konstrukt handele es sich eher um "soziale Dörfer". "Ansonsten tut man so, als wären echte Freundschaften beliebig", erklärt Krüger. In Wahrheit sei es genau das Gegenteil: "Bei Herzensfreundschaften sind wir ausgesprochen wählerisch."

Im Schnitt entstehe aus 20 Bekanntschaften nur eine echte Freundschaft. Es dauere mindestens ein Jahr, bis man einem neuen Freund wirklich intime Dinge erzähle. "Das ist wie in der romantischen Liebe", erklärt der Experte. "Meist sind wir bei Freundschaften sogar noch strenger."

Oder doch eher "inszenierte Veranstaltung"?

Ganz reibungslos verlief der Weg zur Freundschaft auch im Experiment von Honarvar nicht. So bedeutete Freundschaft zunächst für jeden etwas anderes. Die eine wünschte sich jemanden, auf die sie sich in schweren Zeiten verlassen kann, während die andere eine Freundin für Freizeitaktivitäten suchte, schreibt die junge Frau. "Wir versuchten, alle Wünsche zu vereinen." Erfolgreich machte das Experiment für die Frauengruppe vor allem eine gute Kommunikation bei Missverständnissen oder Streitigkeiten. Dass Sprechen hilft, ist keineswegs neu. Es sich in guten Zeiten zu versprechen, allerdings schon. "Sich auf einen Rahmen zu verlassen, hilft uns, unser Handeln zu steuern", schreibt Honarvar.

Krüger ist ein wenig skeptischer. "Ich kann anstelle von Vertrauen und Annäherung Rituale setzen", sagt er. "Ich muss mir aber bewusst sein, dass das eher wie eine inszenierte Veranstaltung ist." Mit Freundschaft per se habe das noch nichts zu tun. Menschen zusammenzubringen, könne immer dazu führen, dass tiefere Gefühle entstehen - besonders in Krisensituationen. Die Frage sei aber, "ob das auch hält", mahnt der Experte.

Bei Honarvar und ihren neuen Freundinnen hat es gehalten. So zumindest beschreibt es die Journalistin auf Twitter: "Das Experiment hat mir einige der wichtigsten Menschen in meinem Leben gebracht." Trotz vieler Herausforderungen sei ihre Verbindung unverwüstlich. Sie haben gemeinsam Trennungen überstanden, berufliche Probleme gemeistert und schließlich habe eine neu gewonnene Freundin ihr Haus geputzt, als bei der jungen Frau aus San Diego Borreliose diagnostiziert wurde.

Kulturelle Unterschiede

Krüger, der das Buch "Freundschaft: Beginnen, verbessern, gestalten" geschrieben hat, kann sich noch einen anderen Grund für den Erfolg des Experiments der Amerikanerinnen vorstellen. So bräuchte es auf der einen Seite eine gewisse Kontaktbereitschaft, die in Kalifornien vielleicht eher gegeben sei als in Stuttgart. Auf der anderen Seite "ist der Begriff vom Herzensmensch, wie wir ihn kennen, etwas typisch Europäisches". In anderen Kulturen lerne man sich zwar häufig schneller kennen und ist offener. Dafür sind viele aber auch viel reservierter und skeptischer, was persönliche Dinge angeht.

"Wir in Deutschland hingegen brauchen länger, um Vertrauen aufzubauen", sagt der Psychotherapeut. "Dafür haben wir aber in tiefen Freundschaften den Wunsch, unser Herz auszuschütten." So reden beispielsweise zwei Drittel aller Frauen mit ihren Freundinnen über Sexualität und Eheprobleme.

Für Ari Honarvar ist das Experiment geglückt. Deswegen arbeitet die Autorin bereits an einem Webinar über arrangierte Freundschaften, damit die Suche nach Freunden auch für andere nicht mehr so kompliziert ist. Sie ist überzeugt: "Dieses Experiment ist reproduzierbar."

Honarvar könnte recht haben. So helfen Freundschaftsexperimente wie diese mit Sicherheit gegen Einsamkeit. Vielleicht führen sie auch zu spannenden Bekanntschaften und Erlebnissen. Mit ihnen echte und lebenslange Freundschaften zu finden, wäre allerdings ein großer Zufall. Denn die haben, so Krüger, "einen Seltenheitswert wie Diamanten".

Quelle: ntv.de

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