Leben

In Vino Verena Über Depressionen in Zeiten von Corona

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Schon ohne das Coronoavirus ist die Welt nicht immer gut zu ertragen.

Die Corona-Krise ist für Menschen mit psychischen Erkrankungen eine enorme zusätzliche Belastung. Unsere Kolumnistin schreibt schonungslos über ihre Depression. Ihre Botschaft an jeden, dessen Seele leidet: Du bist nicht allein!

Nicht lange fackeln, direkt raus damit: Etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden an psychischen Erkrankungen. Ich bin einer davon. Nicht erst seit der Corona-Krise, aber jetzt in Zeiten von Ausgangsbeschränkung und Kontaktverbot macht mich diese Ausnahmesituation - Achtung, Galgenhumor! - noch verrückter, als ich es eh schon bin.

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen
  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Aus Erfahrung weiß ich, was mit psychischen Erkrankungen und neuen, depressiven Schüben oft einhergeht: das große (Ver-)Schweigen. Schließlich will man als leidende Seele nicht noch zusätzlich zur Last fallen. Erst recht nicht in Zeiten wie diesen. Doch "Menschen mit psychischen Erkrankungen", so die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), "leiden angesichts der Corona-Pandemie verstärkt unter sozialer Isolation und Ängsten".

Meine Psyche und ich, wir beide sind permanent im Zwiegespräch. Ihr Frühwarnsystem ist top, sie appelliert rechtzeitig: "Du mutest dir zu viel zu, ruh dich aus!" Und weil sie immer dann kommt und Alarm schlägt, wenn ich gerade voller Tatendrang an den schönsten Projekten arbeite, sage ich Getriebene zu ihr: "Halt die Schnauze! Ich muss das fertig machen!" Dabei ist es das Wichtigste überhaupt, die eigenen Warnsignale nicht zu ignorieren.

Meine Psyche und ich, wir haben schon die größten Klippen umschifft, wir hatten etliche Lecks, aber auch stets gutes Flickzeug. Über Depressionen reden: Vielen Erkrankten fällt das schwer. Denn dann müsste man nämlich unter anderem zugeben, ein/e Meister/in der Scharade zu sein, während man sich gleichzeitig verflucht, weil man schon wieder den Frohsinn verloren hat.

Wenn die gewohnte Struktur wegbricht

Am schlimmsten sind die Selbstvorwürfe. "Wieso kannst du in dieser so schweren Zeit nicht einfach nur dankbar sein? Reiß' dich mal'n bisschen zusammen! Die Welt hat gerade andere Probleme! Tausende sind bereits tot. Du bist nicht tot, du bist am Leben!" "Ja, aber ich fühle mich gerade wie erloschen", flüstere ich kleinlaut und verzweifle an der eigenen Dünnhäutigkeit.

Liebe in Zeiten von Corona: wie schön! Depressionen in Zeiten von Corona: oh nein, bloß nicht! Und weil es Millionen Menschen ähnlich geht wie mir, ist der erste Schritt zurück ans Licht, offen zu sagen, dass es einem gerade jetzt eben nicht gut geht! Dass man über die Klopapier-Witze nicht mehr lachen kann. Dass man all jene beneidet, die in Homeoffice-Zeiten ein Quell der Kreativität sind, während man selbst mit mistigen Socken, an denen getrocknetes Eigelb klebt, und mit fettigen Haaren nicht einfach nur durchhängt, sondern sich nicht mehr aufraffen kann, das Bett zu verlassen. Von diesem aus öffne ich den Coronavirus-Liveticker von n-tv.de. Jeden Tag mehr Infizierte und Tote und ich - verheult und halb versteinert.

Ich kenne meine depressiven Episoden nur zu gut und habe gelernt, mit ihnen zu leben. Was mir und vielen Menschen mit psychischen Erkrankungen hilft: Struktur. In Zeiten von Corona ist diese nun größtenteils zusammengebrochen. Das ist herausfordernd und belastend zugleich. Jobs liegen auf Eis. "Mensch, jammere nicht, endlich Zeit, sich auszuruhen." Aber es geht nicht, ich paddele wie eine Wahnsinnige! Das Leben hat mich umgeboxt, aber ich werde nicht kentern! Ich versuche, mich aufs Atmen zu konzentrieren, während es im Inneren dunkel geworden ist. Doch da ist auch dieser unerschütterliche, von Vater geerbte schwarze Humor in mir. Ich denke, ja, okay, dann isses halt dunkel, zum Atmen brauchste ja kein Licht, obschon so'n bisschen frische Photosynthese im Herzen nicht schaden könnte.

Tausend Stimmen im Kopf, nicht geschafft, zu duschen

Nachmittags raffe ich mich auf und gehe ins Bad. Ich sage zu meinem Spiegelbild: Heute wird es besser! Dann gehe ich in die Küche, schalte die Kaffeemaschine an, schaue aus dem Fenster, flechte meine Haare, ziehe mich an, trinke einen Kaffee, um sofort danach den Zopf wieder zu lösen, mich auszuziehen und zurück ins Bett zu legen. Die Gedanken kreisen und kreisen und ich denke an Bud Spencer und wie sehr ich mir wünschte, eine von ihm verpasst zu bekommen. Ruhe im Karton.

Über Depressionen zu reden, ich kann nur betonen, wie wichtig das ist. Nicht verzagen. Sich über kleine Schritte freuen. Zu wissen, dass man mit seinem mentalen Problemen nicht allein ist, hilft und schafft ein wenig Gemeinschaftsgefühl.

So fühlen sich die Zeilen, die der Blogger und Autor Carsten Dress kürzlich über seine Depression schrieb, mehr vertraut als beängstigend an: "Ich habe Depressionen (…). Das äußert sich manchmal so, dass es einer immensen Kraftanstrengung bedarf, überhaupt den Weg aus dem Bett zu finden. Manches Mal sitzt man auf der Couch, quält sich durch die tausend Stimmen im Kopf, die dir mal sagen, was du alles zu tun hast und mal, was du alles nicht kannst - und wenn man gefühlt einen Augenblick später bei nächster Gelegenheit auf die Uhr blickt, sind plötzlich acht Stunden vergangen und man möchte sich ins Maul boxen, weil man in all dieser Zeit keine Artikel geschrieben hat, nicht einkaufen war, nicht das Geschirr gespült hat - und manchmal nicht einmal geschafft hat zu duschen."

Die DGPPN schreibt in ihrer Pressemitteilung vom 26. März 2020: "Gerade in der jetzigen Situation sind sie (Menschen mit psychischen Erkrankungen) auf Behandlungskontinuität und besondere Unterstützung angewiesen. Um diese trotz Corona-Pandemie zu garantieren, haben viele Kliniken und Praxen bereits alternative und innovative Behandlungsmethoden wie Telefon- und Videosprechstunden sowie Online-Interventionen in die Behandlung und Therapie aufgenommen."

Wieder gesunden: Hilfen für mehr Seelenheil

Oberste Devise: Behutsamkeit mit sich selbst, Sport und gute Ernährung. Das Handy länger auslassen und Social Media runterfahren. Exzessiven Medienkonsum vermeiden, nicht jede einzelne Nachrichtensendung zur aktuellen Lage schauen! Auf Reset drücken und akzeptieren, jetzt gerade nicht kreativ oder produktiv zu sein. Sich ausruhen. Geduldig mit sich sein! Nicht die Sorgen und Ängste in sich reinfressen, sondern offen ansprechen. Depressionen sind keine Peinlichkeit. Die Situation annehmen und akzeptieren. Sich auf Positives konzentrieren! Und abends, wenn die Depression am meisten Ballett macht, decke ich sie liebevoll zu und behandle sie wie eine nette Verwandte. Denn eines ist stärker als jede meiner depressiven Episoden: Hoffnung. Wenn die psychischen Beschwerden anhalten: professionelle Hilfe suchen.

Hinweis:

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf www.diskussionsforum-depression.de Erfahrungsaustausch. Das Forum wird fachlich moderiert. Menschen, die sich in einer seelischen Notlage befinden, erhalten unter 08 00 11 10 11 sowie 08 00 11 10 222 Beistand. Der Anruf ist kostenlos, 24 Stunden am Tag ist jemand erreichbar.

Quelle: ntv.de