Leben

Männer? Die Kolumne. Übernehmt Verantwortung!

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Schlimm, so eine brennende Küche. Vor allem, wenn es nicht in den eigenen Zuständigkeitsbereich fällt...

(Foto: imago/allOver)

Schon mal von "Mental Load" gehört? Nein? Dann wird es aber höchste Zeit: Weitestgehend unbeachtet von uns Männern leiden viele Frauen darunter, der CEO der eigenen Familie zu sein. Unser Autor will, dass sich das ändert.

In der "Zeit" gibt es eine Rubrik, die ich mit großem Interesse verfolge. Sie heißt "Er sagt - Sie sagt" und stellt jede Woche ein Paar vor, das davon erzählt, wie es das gemeinsame Leben auf die Reihe bekommt. Das ist deshalb so spannend, weil er und sie getrennt voneinander befragt werden - und die Antworten teilweise so unterschiedlich ausfallen, dass ich mich am Anfang regelmäßig gefragt habe, ob vielleicht irgendjemand aus Versehen die Paare durcheinandergebracht hat. Während er in den allermeisten Fällen davon überzeugt ist, dass die Hausarbeit annähernd gleichberechtigt verteilt ist, klagt sie so gut wie immer über den Stress, sich um vieles alleine kümmern zu müssen. "Mental Load", mentale Belastung, heißt das Phänomen, mit dem sich vor allem Frauen teilweise bis zum Burnout herumschlagen müssen und das die Vorstellung von einer gleichberechtigten Partnerschaft allzu oft noch ad absurdum führt.

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Anderen bei der Arbeit zusehen macht Freude. Nur: Wie fühlt sich wohl der Arbeitende dabei?

(Foto: imago/Panthermedia)

"Wer hat wann Geburtstag und braucht welches Geschenk? Wann ist der Elternabend, der Ausflug, der Stammtisch, der Basar und wo muss welcher Kuchen gebacken und welcher Snack mitgebracht werden? Wann wurde das Training nochmal verschoben und wie war das noch mit dem eigenen Betriebsausflug? Wer nimmt die Kinder an dem Abend und an dem Vormittag danach, wie sieht es eigentlich mit der Urlaubsplanung aus und was gibt es heute zum Abendessen?" Die Bloggerin Lisa beschreibt auf "StadtLandMama", woran sie an einem normalen Tag so alles denken muss. Ich habe noch keine Kinder, fühle mich aber trotzdem ertappt: Wer von unseren gemeinsamen Freunden Geburtstag hat, weiß nur meine Freundin - ich verlasse mich darauf, dass sie mir rechtzeitig Bescheid gibt.

Ähnlich wie mit der vergessenen Mandarine aus meiner letzten Kolumne steckt dahinter kein böser Wille, sondern vielmehr die Irrungen und Wirrungen einer gesellschaftlichen Transformationsphase: Früher ging der Mann arbeiten, während die Frau den Haushalt führte. So klar sind die Rollen - zum Glück - schon länger nicht mehr abgesteckt, theoretisch darf heute jeder machen, worauf er oder sie Lust hat. Die Realität sieht freilich häufig genug trotzdem noch ganz anders aus: Obwohl viele Frauen nach der Geburt ihres ersten Kindes wieder arbeiten gehen, bleibt die Hauptlast im Haushalt weiterhin Frauensache.

"Wie der gestresste CEO einer Firma"

Ich habe schon die Protestmails vor meinem inneren Auge, die nach dieser Kolumne in meinem Postfach landen werden: "Bei uns läuft das ganz anders. Sie muss mir einfach nur sagen, wenn sie Hilfe braucht, dann bin ich sofort zur Stelle!" Das stimmt wahrscheinlich sogar und klingt auf den ersten Blick gar nicht mal so schlecht, ist aber für unsere Partnerinnen ein rotes Tuch. Zu Recht, denn hinter dem harmlos scheinenden Hilfsangebot steckt das Selbstverständnis, dass die Frau für die komplette Familienorganisation verantwortlich ist und wir Männer lediglich Hilfstätigkeiten übernehmen - und auch das nur, wenn wir vorher klare Anweisungen bekommen.

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Stockfotos, ein Quell ewiger Freude. Hier - nur leicht überzeichnet - zu sehen: überforderte Geschäftsfrau und Mutter

(Foto: imago/blickwinkel)

"Wie sich das anfühlt?", fragen zwei schreibende Mütter auf "Familienleben.ch". Antwort: "Als wäre ich der gestresste CEO einer Firma. Denn am Ende des Tages ist es nicht das Rausbringen des Mülls oder das Schmieren der Schulbrote, das die Arbeitsbelastung ausmacht, sondern […] das ständige Denken und Planen, also die Organisation hinter dem Familienalltag." Ich habe in meiner Laufbahn nur einmal unter einem Chef gearbeitet, der - wohlgemerkt freiwillig - der Meinung war, er müsste neben dem großen Ganzen auch noch im operativen Geschäft mitmischen: Es war furchtbar, der Mann stand jeden Tag mit einem Bein im Burnout.

Was ich damit sagen will? Zum einen, das wir endlich aufhören müssen, Hausarbeit abzuwerten: Einen Haushalt zu führen ist im Zweifel nicht weniger anstrengend, als ein Unternehmen zu führen - auch wenn es dafür kein Geld gibt. Vor allem aber: Mentale Belastung entsteht weniger durch die anfallende Arbeit an sich als vielmehr durch das Gefühl, die komplette Verantwortung allein tragen zu müssen. Und daran kann jeder Mann, Freund und Lebensgefährte ohne große Anstrengung etwas ändern. Etwas mehr Aufmerksamkeit würde schon reichen.

Der gute Wille zählt

Klar, bis zur völligen Gleichberechtigung wird es wohl noch ein Weilchen dauern, aber die Darmstädter Soziologieprofessorin Cornelia Koppetsch hat in einem Interview mit dem "Tagesspiegel" bereits vor einigen Jahren herausgefunden, dass in einem ersten Schritt vor allem der gute Wille zählt: "Frauen empfinden das Arrangement, dass sie in der Regel mehr - und zwar viel mehr - Hausarbeit machen, so lange als gerecht, wie sie den Eindruck haben, dass der Mann ohne Aufforderung auch mal mit anpackt. Erst wenn diese symbolische Gegenleistung ausbleibt, der Mann sich gewissermaßen nicht mehr bemüht, fängt sie die Rechnung an."

Damit können wir doch arbeiten und uns im besten Falle langsam, aber sicher dem Zustand einer egalitären Beziehung annähern, den moderne Paare verbal ohnehin schon längst für sich beansprucht haben. Es ist nie leicht, verkrustete Muster aufzubrechen, aber wenn wir einer Studie der Boston Consulting Group Glauben schenken, sind wir schon längst dabei: Die Unternehmensberatungsfirma hat im vergangenen Jahr 6500 Angestellte in 14 Ländern befragt und herausgefunden, dass sich Frauen ab 45 zweieinhalb Mal so häufig um den Haushalt kümmern wie ihr Partner. Bei unter 35-Jährigen ist das nur noch eineinhalb Mal so oft der Fall. Männer ändern sich nie? Von wegen!

Quelle: n-tv.de