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Der ruhige Fluss der Liebesehe, viele Paare haben ihn, schätzen ihn aber nicht.
Der ruhige Fluss der Liebesehe, viele Paare haben ihn, schätzen ihn aber nicht.(Foto: imago/Westend61)
Freitag, 21. September 2018

Therapeut rät zu Freundschaft: "Verliebtheit hat mit Liebe nichts zu tun"

Langjährige Beziehungen gelten heutzutage als seltene Ausnahmefälle. Das liegt vor allem daran, dass viele Paare der Verliebtheit hinterherjagen, sagt Paartherapeut Holger Kuntze. Und dabei nicht merken, dass sie längst lieben.

n-tv.de: "Lieben heißt wollen" ist der Titel Ihres Buchs. Heißt das, viele Menschen haben nicht genug Willen, dass ihre Partnerschaft gelingt? Oder ist es nicht so einfach?

Holger Kuntze: Nein, das ist sehr schwierig. Aktuell kommen viele Paare zu mir, die in meiner Wahrnehmung eine gute und stabile Beziehung haben. Sie beklagen aber, dass ihnen das Gefühl fehlt. Denen sage ich: "Das, was Ihnen fehlt, gibt es gar nicht. Das ist in der Verliebtheit zu finden, mit Liebe hat es aber nichts zu tun."

Inwiefern ist das nicht das Gleiche?

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Neurologisch und physiologisch betrachtet, spielen sich diese beiden Gefühle in vollkommen anderen Hirnregionen ab und sind mit ganz verschiedenen Botenstoffen verbunden. Verliebtheit ist ein evolutionärer Ausnahmezustand, der mit Kampf, Angst, Achterbahnfahren oder Kokainkonsum gleichzusetzen ist. Es kommt zu Aktivitäten in der Stammhirnregion. Adrenalin und Dopamin werden ausgeschüttet. Das sind sogenannte laute Botenstoffe, die ordentlich in unser Körperempfinden reinknallen. Verliebtheit lässt sich nicht auf Dauer haben, weil der Körper das runterreguliert. Liebe ist das, was folgt: im Großhirn, im Vorderlappen. Passend zu dem Gefühl von "Ankommen" und "Sich-sicher-Fühlen" werden Serotonin, das Bindungshormon Oxytocin und auch das Glückshormon Endorphin ausgeschüttet und das sind leise Botenstoffe, die wir körperlich kaum bemerken. Das sind zwei völlig verschiedene Zustände. Wir haben die Unterscheidung einfach vergessen.

Bisher ging es in Beziehungsratgebern häufig darum, das Gefühl der Verliebtheit zu verlängern. Da wurde empfohlen, neue Dessous zu kaufen oder sich als Paar zu Date-Nights zu verabreden, um das Kribbeln zu erhalten. Was ist daran falsch?

Daran ist nichts falsch. Aber wenn man das alles gemacht hat, landet man wieder an dem gleichen Punkt. Es ist schön, wenn es drei oder fünf Jahre länger kribbelt. Aber wenn man 300 Mal im Swinger-Club war, 300 Stunden Pornos geschaut, Partnertausch gemacht und alle Dessous durch hat, landet man wieder an dem gleichen Punkt.

Paare, die lange zusammen sind, glauben oft, dass sie sich aus einer unguten Beziehungssituation nur durch eine Trennung befreien können. Sie schlagen etwas anderes vor, was?

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Die Alternative ist, sich anzuschauen, was man gemeinsam hat und das auch wertzuschätzen. Ich habe immer wieder Paare bei mir, die mit genau diesem Thema kommen. Es ist einfach nicht mehr aufregend. Für diese Paare ist es unglaublich erleichternd, wenn man ihnen sagt, dass das gar nicht nötig ist. Es bewirkt eine extreme Veränderung, wenn die Leute begreifen, dass sie das, was sie zu Beginn der Therapie als Langeweile benennen, auch als Sicherheit, Ruhe, Ankunft sehen können. Dadurch verändert sich auch der Rahmen, wie man auf die Beziehung schaut. Die gleichen Paare gehen raus und sagen, alles ist okay.

Geht es also darum, einen nicht so optimalen Zustand umzuinterpretieren?

Nein, es ist schon vorher ein super Zustand. Wenn aber die Gesellschaft permanent sagt, der Normalzustand ist Aufregung, Achterbahn-Fahrt, Bacardi-Werbung, dann erlebt man seinen eigenen ruhigen Fluss als nicht super. Natürlich kommen auch Paare mit Kommunikationsproblemen zu mir, streitende Partner, Paare, die kaum noch Sex haben. Und natürlich muss man an diese Problembereiche ran. Es geht ja nicht darum, einen Status quo zu erhalten, der für beide nicht in Ordnung ist. Das soll auch nicht schöngeredet werden. Aber sehr viele kommen auch in einer stabilen Beziehung, die gut ist und glauben, dass daran etwas falsch ist. Wenn die das wertschätzen können, bekommt ihre Beziehung eine andere Qualität.

Sie beschreiben für eine Beziehung den Dreiklang aus Leidenschaft, Gemeinschaft und Freundschaft. Leidenschaft lässt sich ja eher der Verliebtheit zuordnen. Was meinen Sie auf ein Paar bezogen mit Gemeinschaft und Freundschaft?

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Gemeinschaft kennen die meisten schon aus der Verliebtheit. Wir ziehen zusammen, verbringen den Urlaub gemeinsam, bringen den Müll runter und entscheiden uns für Kinder. Das sind klassische Verhandlungsthemen, die immer wieder erweiterbar sind. Die Freundschaft ist eine Zuwendung, die empathisch loyal das Beste für den anderen will. Das bedeutet nicht, dass wir uns gut verstehen und über Politik, Sport, gesellschaftliche Themen oder Humor miteinander gut klarkommen. Sondern im altmodischen Sinn heißt Freundschaft: Ich möchte, dass du wächst, dass du groß bist und die schönste deiner Seiten leben kannst und ich dich darin unterstütze. Wenn der Partner einen Segelschein machen will, bekommt er die Freiheit und die Zeit, das zu tun. Und zwar als geschenkte Zeit als Ausdruck meiner Liebe, nicht als Zeitbudget, dass gegen ein anderes Zeitbudget verhandelt wird. Wenn ich diese Seite anspreche, sind viele Paare nackt. Sie haben keine Erfahrung damit.

Aber Paare kommen natürlich auch um das Aushandeln nicht herum, oder?

Natürlich gibt es Verhandlungsthemen, nicht nur "Müll runterbringen" oder "Kinder abholen". Auch komplexere Bereiche wie "Heiraten oder nicht", "Kinder oder nicht" sind Verhandlungsthemen. Aber dann muss man auch hören, was der andere sagt. Paare glauben ja Kommunikation diene dem Zweck, so lange zu reden, bis man das Ergebnis bekommt, was man sich wünscht. Kommunikation bedeutet aber, die Dinge auf den Tisch zu legen. In großer Wahrhaftigkeit zu sagen, wo man steht, seine Ängste und Bedenken zu äußern und vom anderen die Rückmeldung zu bekommen: Ich sehe und verstehe dich, auch wenn ich das vielleicht anders sehe. Ich akzeptiere das und wir schauen, wo wir damit hinkommen. Und viele vermischen Verhandlungsthemen. Man kann aber nicht Müll runterbringen mit Sexualität verhandeln, das geht nicht. Hinzu kommt: Viele Themen lassen sich besser lösen, wenn sie nicht verhandelt werden, sondern auf der Freundschaftsebene besprochen werden.

Gibt es Konstellationen, in denen Ihr Ansatz nicht funktioniert?

Natürlich, da muss man ehrlich sein. Bevor man sich damit beschäftigt, was man tun kann, damit sich eine Partnerschaft stabilisieren kann, muss man schauen, ob diese Beziehung überhaupt zu retten ist. Es gibt klassische Persönlichkeitsstörungen wie ausgeprägter Narzissmus, Borderline, Passiv-aggressiv oder Suchtthemen, wo andere Dinge im Vordergrund stehen als die Beziehung. Wenn man dieser Persönlichkeitsstörung im anderen begegnet, ist die Beziehung meist nicht zu retten, weil die Störung stärker ist. Es gibt aber auch lebensbiografische Faktoren. Wenn jemand seine Vorstellung von Familie schon gelebt hat und der andere hat einen Kinderwunsch, dann sollte man ehrlich sein. Es ist nicht sinnvoll, fünf oder sieben Jahre zu warten, weil man noch "nachdenken" muss. Offenbar ist das Thema längst durch und der andere sollte sich einen Partner suchen, der auch Kinder will. Außerdem sollte sich jeder fragen: Bin ich grundsätzlich jemand, der eher Nähe oder eher Distanz sucht? Mache ich Dinge mit mir selbst aus? Will ich überhaupt mit jemandem zusammenleben? Darüber muss man offen sprechen und ernsthaft schauen, ob das zusammenpasst. Ansonsten operiert man an Stellen, um die es gar nicht geht, während das Fundament der Beziehung gar nicht vorhanden ist.

Spricht also doch vieles für die Vernunftehe?

Ich mag den Begriff nicht, weil er die Liebe vernachlässigt. Ich plädiere für den ruhigen Fluss der Liebesehe als Gegenmodell zur allgemeinen Verliebtheitssucht. Das dabei auch ein bisschen mehr Anteile von Vernunft drin sind, mag sein. Es gibt viele Argumente dafür, dass diese Beziehungen langfristig stabiler sind. Als 20-Jähriger weiß man das noch nicht. Aber als 30- oder 35-Jähriger hat man die Erfahrung, dass sich verlieben nicht automatisch heißt, dass man sich auch lieben kann. Das voneinander zu trennen, ist wichtig. Wenn jemand ein guter Liebhaber oder netter Unterhalter ist, sagt das ja noch nichts über seine Rolle als Vater oder Alltagsgefährte aus. Das hat nichts miteinander zu tun. Der kollektive Irrsinn ist, dass die Stärke der Verliebtheit etwas über die langfristige Stabilität einer Beziehung sagen soll. Das ist aber nicht so. Das Beste wäre vielleicht: Wir verlieben uns ineinander und es gelingt uns dann auch, in der langfristigen Partnerschaft miteinander zu sein, obwohl wir nicht mehr verliebt sind. Und ich möchte einfach Paare darauf hinweisen, dass dann das Schöne erst beginnt und nicht das Problem.

Mit Holger Kuntze sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de