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Interreligiöse Ehe in Israel Vom Partner mit der falschen Religion

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Die Promi-Hochzeit von Lucy Aharish and Tsahi Halevi hat die Debatte erneut angeheizt.

REUTERS

Traditionell sind Juden keine Ehen mit Nichtjuden erlaubt, deshalb lehnen viele Menschen in Israel diese Verbindungen bis heute ab. Interreligiöse Paare bekommen das jeden Tag zu spüren, manchmal nur als Missbilligung, oft als Diskriminierung.

Im Sommer 2014 entscheidet sich Motti Pisanti mit seiner Familie, von Belgien nach Israel zurückzukehren. Mehr als zehn Jahre lang lebte er in der Heimat seiner nicht-jüdischen Ehefrau, die er während ihres Auslandsstudiums an der Universität von Tel Aviv kennen- und lieben gelernt hatte. Fasziniert von Kultur, Land und Leuten, wollte auch Nicole wieder die lässige Atmosphäre in Netiv HaAsara genießen. Dieser Moshav liegt an der Grenze zum Gazastreifen und ist eine genossenschaftlich organisierte, ländliche Siedlungsform, deren Güter sich sowohl in Kollektiv- wie auch in Privateigentum befinden.

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Motti und Nicole Pisanti passen nicht in das jüdische Familienschema.

(Foto: privat)

Im jüdischen Staat sind Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Religionen offiziell nicht erlaubt, also heirateten Motti und Nicole in Brüssel und gründeten dort eine Familie. Doch der immer aggressiver werdende Antisemitismus in Belgien, hauptsächlich durch muslimische Einwanderer, führte schließlich zur Entscheidung, wieder nach Israel zu gehen.

Allerdings herrschte bei ihrer Rückkehr gerade Krieg. In der siebenwöchigen Militäroperation kämpften die israelischen Streitkräfte gegen die radikal-islamische Terrororganisation Hamas. Als sie am Flughafen von Tel Aviv ankamen, erhielt nur Motti eine Gasmaske. "Meine Frau und die Kinder gingen leer aus, weil sie damals noch keine israelischen Staatsbürger waren," erzählt er. "Wir hatten keine andere Wahl und mussten drei zusätzliche Gasmasken kaufen."

Jüdische Mutter als Maßstab

Laut verschiedenen Organisationen sind etwa fünf bis zehn Prozent der Ehen in Israel interreligiös. Dem israelischen Innenministerium zufolge gibt es etwa 100.000 Paare mit einem nichtjüdischen Partner. Um interreligiöse Ehen zwischen einer jüdischen und nichtjüdischen Person bei ihrer Immigration nach Israel zu unterstützen, wurde das Rückkehrgesetz inzwischen geändert. So wird jedem erlaubt, der mindestens einen jüdischen Großelternteil- oder Ehepartner hat, nach Israel einzuwandern und je nach Status auch die Staatsbürgerschaft zu erhalten. Das religiöse Gesetz aber definiert eine jüdische Person ausschließlich darüber, ob sie eine jüdische Mutter hat.

"Es ist interessant, dass das bürokratische System im Staat Israel prinzipiell Einwanderer, die nur einen jüdischen Vater haben, akzeptiert. Sie dürfen bei den israelischen Streitkräften dienen und können auch Steuern zahlen," sagt Motti. "Aber wenn sie heiraten wollen, dann müssen sie sich einer streng jüdisch-orthodoxen Konvertierung unterziehen."

Wer in Israel zum Judentum übertreten möchte, muss eine religiöse Lebensweise nachweisen, was die meisten Nichtjuden ablehnen. Andere Möglichkeiten des Übertritts zum jüdischen Glauben werden vom Oberrabbinat nicht anerkannt. Daher werden Kinder, die von Frauen geboren wurden, die den konservativen oder reformierten Weg in Israel wählten, offiziell nicht als jüdisch betrachtet.

Anfeindungen und Diskriminierung

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Vivian und Waleed werden sowohl von Juden, als auch von Arabern angefeindet.

(Foto: privat)

Auch wenn Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten ist und seine Menschen vielem gegenüber sehr aufgeschlossen und tolerant sind, gibt es immer noch einige, die interreligiösen Ehen kritisch gegenüberstehen. Traditionell sind Juden keine Ehen mit Nichtjuden erlaubt, deshalb lehnen viele diese Paare ab.

Diese Anfeindungen musste auch Vivian aus Zürich erfahren. Die Tochter von Holocaustüberlebenden war überzeugtes Mitglied von HaShomer Hazair (hebräisch: der junge Wächter. Eine sozialistisch-zionistische Jugendorganisation). In den 80er- Jahren wanderte sie nach Israel aus und wollte ihren Beitrag für den jüdischen Staat leisten. Als Neueinwanderin traf sie den muslimischen Araber Waleed aus Jaffa und beide verliebten sich ineinander. Trotz der deutlichen Missbilligung von beiden Seiten heirateten sie und gründeten eine Familie.

Heute sind sie eines von nur wenigen Hundert jüdisch-arabischen verheirateten Paaren, die in Israel leben. Im Alltag werden Vivian und Waleed ständig von rechten Israelis angefeindet, in deren Überzeugung Mischehen das Ende des jüdischen Staates bedeuten. "Unsere Ehe wird in der israelischen Gesellschaft kaum toleriert", sagt Vivian. "Doch auch viele Muslime stehen uns feindlich gegenüber." Auch wenn die arabisch-muslimische Gesellschaft der Palästinenser eine Heirat mit jüdischen Frauen befürwortet, gibt es doch nicht wenige, die so eine Verbindung ablehnen. Viele betrachten die Juden immer noch als Feinde. "Unsere Kinder wachsen mit beiden Kulturen auf," sagt Waleed "und sollen ihre Identität nicht verstecken."

Gefahr und heftige Debatten

Dass es lebensgefährlich sein kann, Kind einer Mischehe zu sein, zeigt das Schicksal des Filmregisseurs Juliano Mer-Chamis. Als Sohn einer jüdischen Mutter und arabisch-christlichen Vater lernte er schon von Geburt an die Ablehnung von beiden Seiten kennen. Er setzte sich schon früh für den Friedensprozess ein und gründete 2006 das sogenannte "Freedom Theater" in Jenin, um "kulturellen Widerstand für den sozialen Wandel" in den besetzten palästinensischen Gebieten zu erzeugen. Als er im April 2011 das Freiheitstheater verlassen wollte, wurde er von den Kugeln eines fanatischen Moslem tödlich getroffen.

Die Frage der Mischehe wird wieder intensiver diskutiert, nachdem das israelische Bildungsministerium ein Buch der Schriftstellerin Dorit Rabinyan verboten hatte. "Wir sehen uns am Meer" erzählt die Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen einem arabischen Mann und einer jüdischen Frau.

Ein regelrechtes Erdbeben erzeugte jedoch die Schlagzeile über die Hochzeit der israelisch-arabischen Nachrichtensprecherin und Muslima, Lucy Aharish, mit dem aus der Serie Fauda bekannten israelisch-jüdischen Schauspieler Tzachi Halevy. Aus weiten Teilen der Gesellschaft bekam das Paar viel Zuspruch, aber vor allem rechte Politiker kritisierten die Verbindung öffentlich. Einige riefen dazu auf, die jüdische Assimilation zu stoppen, andere machten sich sogar für ein Verbot solcher Eheschließungen stark.

"Die meisten aufgeklärten Menschen in Israel hoffen auf ein baldiges Ende dieser rechtskonservativen Regierung", sagt Motti Pisanti, "und das bald wieder ein Wind der liberalen Kultur durch unser Land weht. Denn wenn der Staat selbst nicht handelt, müssen wir hoffen, dass die demokratische Öffentlichkeit in Israel stark genug bleibt, um Mischehen vor Diskriminierungen zu schützen."

Wie die meisten Israelis ist Motti sehr patriotisch, doch nicht nationalistisch. "Hier gibt es eine florierende jüdisch-israelische Kultur in Literatur, Kino, Theater, Wissenschaft und Medien. Es ist für unseren Staat und seine Gesellschaft ein großes Plus, das Menschen aus anderen Ländern hier leben können und zu unserer Kultur etwas beitragen. Dazu gehört auch das Recht heiraten zu können, ohne das jemand zu einer Religion konvertieren muss, an die man nicht glaubt."

Quelle: n-tv.de

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