Leben

In Vino Verena Wenn Aktivismus in Hass umschlägt

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Wenn fremde Menschen andere belehren ...

Selbsternannte Bildungsaktivist:innen, die Shitstorms für Personen initiieren, die es in ihren Augen "verdient" hätten: Auch unsere Kolumnistin wurde aktivistisch ermahnt. Über Menschen, die im Kampf für eine bessere Gesellschaft ihre Follower aufstacheln und so den Hass im Netz schüren.

Samstag, 01:05 Uhr, mitten in der Nacht. Eine neue Nachricht poppt auf: "Hey, ich kann verstehen, dass man normal seinen Tag leben will, dennoch hat sich heute der Tag von Hanau gejährt und ich finde es schon sehr respektlos den Betroffenen gegenüber." (…) Gemeint ist, wer auf Social Media keinen Trauerbeitrag gepostet hat. Und weiter: "Vielleicht reflektierst du das und kannst beim nächsten Mal angemessen reagieren. Wer sich nicht äußert, ist Teil des Problems."

Okay, denke ich, weil ich mich nicht politisch geäußert habe, bin ich also "Teil des Problems"? Ich lasse die Nachricht sacken und schlafe eine Nacht drüber. In meinem Kopf flattern die Gedanken: Da ist also eine wildfremde Person, die mich belehrt und "respektlos" findet, über mein Leben schwadroniert und meint zu wissen, wie man sich zu verhalten habe, um in dieser Gesellschaft als guter Mensch zu gelten. Ich könnte diese Person ignorieren und mir einen frischen Salat zubereiten, denn ich bin wirklich ein sehr guter Salat-Zubereiter, aber dann antworte ich doch, und zwar, dass ich schon ein wenig schockiert darüber bin, mit welcher Impertinenz sich dieser Moralapostel erhebt und einfach wildfremde Menschen als "respektlos" bezeichnet.

Und jetzt, liebe Leserinnen und Leser, sitzen Sie hoffentlich gut, weil ich Sie sonst nämlich freundlicherweise darum bitten müsste. Die Person schreibt mir zurück und - entschuldigt sich. Alles sei ein Irrtum und ich gar nicht gemeint gewesen. Alles klar, passiert. Doch dann, ich habe Ihnen an anderer Stelle schon einmal berichtet, dass ich eine vorzügliche Detektivin wäre, beginne ich zu recherchieren. Ich lese mich immer tiefer und tiefer in die Materie ein und was ich erfahre, ist - ich kann es nicht anders sagen - wie ein Brandbeschleuniger für die Spaltung der Gesellschaft.

Shitstorms und Belehrungen für "die gute Sache"

Es ist mir wichtig, zu betonen, wie froh ich bin, dass es immer mehr Menschen gibt, die nicht mehr die Schnauze halten. Die laut sagen, dass gewaltig etwas schiefläuft in unserer Gesellschaft. Die ihre Stimme gegen Gewalt, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus, Hass im Netz und vieles mehr erheben. Ich selbst kämpfe gegen Mobbing und die leider immer noch allgegenwärtige Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Problemen. Meine größte Bewunderung und mein zutiefst empfundener Respekt gelten all jenen, die sich jeden Tag dafür einsetzen, dass unser Miteinander, unsere Gesellschaft - die ganze Welt besser wird. Aktivisten und Aktivistinnen haben es nicht leicht. Sie werden bedroht, belächelt, angefeindet und mit Hass im Netz überzogen.

Also, Verena, wo ist jetzt das Problem? Ich sage es Ihnen und Sie können mich gern eines Besseren belehren, sollten Sie meinen, ich befinde mich auf dem Holzweg. Ich mache Ihnen dann auch gerne einen Salat. Die Person, die mir, egal ob unbeabsichtigt oder nicht, die oben zitierte Nachricht schickte, rechtfertigt ihre moralinsaure Rüge damit, doch für eine "gute Sache" zu kämpfen.

Mehr noch: Ich erfahre von selbsternannten Bildungsaktivist:innen, die im Kampf für Gerechtigkeit Shitstorms initiieren - reihenweise. Es sind Leute, die teils Hunderttausende Follower:innen haben, die sie gezielt aufstacheln, sich umzuschauen wie eine Internet-Stasi und Leute anzuschreiben, um sie zu belehren. Wer ermahnt wird, soll bitte am besten "einfach eingestehen", einen "Fehler" gemacht zu haben und sich im besten Falle bei der belehrenden Person öffentlich bedanken. Denn die "kostenlose Bildungsarbeit" sei sehr kräftezehrend.

Viele Menschen, die von den Helfer:innen der Bildungsaktivist:innen belehrt oder gar mit einem Shitstorm überrannt werden, entschuldigen sich reflexhaft. Mea culpa. Managements geben ganze Erklärungen ab. Man bemüht sich um Schadensbegrenzung, bedankt sich für den wertvollen Input der Bildungsaktivist:innen und gelobt Besserung, denn man möchte, wie ich erfuhr, keineswegs als Rassist bezeichnet werden, weil man am Montag oder Dienstag oder Mittwoch nicht medienwirksam gesagt hat, wie beschissen man es findet, dass Menschen Opfer von Rassismus werden. Und wer schweigt, der macht sich eben gemein mit Rassisten.

Ich habe über Rassismus geschrieben, ich hasse Nazis, meine Familie gehört zu den katholischen Sorben, einer westslawischen Ethnie. Wir kommen aus dem Spreewald. Es gibt Leute, die besorgt fragen, ob die Sorben denn überhaupt "richtige Deutsche" sind. Ich weiß, wie es sich anfühlt, angefeindet zu werden. Manchmal aber bin ich schwach und müde von all dem Hass. Und weil ich nicht explizit über Hanau schreibe, bin ich "ein Teil des Problems"? Na Halleluja!

Hass im "Namen für die gute Sache"

Aber passen' Se auf, es wird noch schlimmer: Manche Shitstorm-Initiator:innen, die ihre Follower auffordern, auf Profile von Personen zu gehen, die es in deren Augen verdient haben, eine "Abreibung" verpasst zu bekommen (sorry, aber das ist auch nichts anderes als Hass im Netz und Cybermobbing!) regen sich doch tatsächlich darüber auf, wenn die shitstormgefluteten Personen die Kommentarfunktion ausschalten. Das sei sowas von "undemokratisch".

Zwischen den Jahren habe ich es am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, von einem Shitstorm überrollt zu werden. Wie eine Lawine war er plötzlich da. Und er tobte drei Tage lang. Tausende Leute kommentierten auf meinem Profil. Sie beleidigten mich, sie beleidigten meinen verstorbenen Vater, manche wünschten mir den Tod. Aber wenn ich die gemeinen Kommentare, die sich unter Beiträgen zu Themen wie Depression oder Mobbing befanden, lösche, bin ICH undemokratisch?

Allein der Gedanke, dass man den Hass "im Namen für die gute, richtige Sache" zu erdulden habe, ist das Undemokratischste, das ich seit Langem gehört habe. Und das Dümmste. Frei nach dem Motto: "Hey, ich bin Bildungsaktivist:in, ich leiste kostenlose Aufklärungsarbeit. Wenn du an diesem oder jenen Tage nichts auf Social Media gepostet hast, zählst du leider zu denen, die zur Spaltung unserer Gesellschaft beitragen. Ich sage dir jetzt, wie du dich öffentlich zu äußern hast. Machst du das nicht, bist du 'ein Teil des Problems'. Du musst sofort laut sagen, wie schlimm du die Erderwärmung findest, ansonsten bist du ein Klimaleugner."

Mit dem Finger wird auf Leute gezeigt, die sich "nicht richtig" verhalten haben. Ich frage mich: Was soll das für eine Bildungsarbeit sein, die andere moralisch unter Druck setzt, von wegen: Du musst dich umgehend geläutert zeigen, sonst bist du ein schlechter Mensch. Ein Nazi. Ein Rassist. Ein Sexist. Und überhaupt: Die Ursache allen Übels. Und jetzt bedanke dich gefälligst für den verbalen Einlauf. Du darfst nämlich eines nicht vergessen: Ich bin im Recht, ich kämpfe gegen Diskriminierung, Hass und Ungerechtigkeit.

Das Wichtigste: zuhören!

Aber: Hass bekämpft man nicht, indem man sich mit ihm gemeinmacht. Ungerechtigkeit bekämpft man nicht, indem man sich moralisch erhebt, einen Kreuzzug auf Social Media startet und vermeintliche Ignoranten missioniert, anprangert oder sonst wie abrasiert.

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Wir werden diese Gesellschaft nicht zu einer besseren machen, wenn wir aufeinander losgehen. Ein Wort zu meiner eigenen Shitstorm-Erfahrung: Ja, es war schlimm, ja, es hat mich verletzt, hilflos und wütend gemacht. Ich habe eine Kolumne über einen Komiker geschrieben. Der Komiker und ich hatten und haben unterschiedliche Meinungen. Aber am Ende dieser für beide Seiten unschön verlaufenen Geschichte haben wir miteinander geredet. Nur er und ich. Es war ein Gespräch auf Augenhöhe und voller Respekt. Jeder hörte dem anderen zu. Das ist das Wichtigste: Zuhören. Manchmal kamen wir auf keinen gemeinsamen Nenner, aber das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass man miteinander spricht. Dass man einander die Hand reicht und sich in die Augen schauen kann.

Liebe Bildungsaktivist:innen, Ihr seid stark, mutig und furchtlos. Aber man gewinnt niemals Menschen für eine Sache, indem man sie - in welcher Art auch immer - unter Druck setzt, sie maßregelt oder der Lächerlichkeit preisgibt. Auch ich denke ehrlicherweise öfter bei so manchem: Was für ein Idiot! Dem sollte man ob seiner Ignoranz vor den Bug schießen. Doch eine ersehnte Gerechtigkeit, die man durch Unrecht durchzusetzen versucht, ist auch nur wieder Unrecht.

Quelle: ntv.de

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