Leben

In Vino Verena Wenn Positivität toxisch wird

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Immer schön positiv bleiben!

(Foto: VMD/privat)

"Sei mal nicht so negativ!", "Good vibes only!" oder: "Don't worry, be happy!": All dies sind leere Phrasen, die hinter dem Phänomen "Toxische Positivität" stecken. Unsere Kolumnistin über gutgemeinte Ratschläge und mit einem Appell: kein schlechtes Gewissen wegen echter Gefühle!

Immer wieder höre ich Sätze wie die Folgenden: "Jetzt sei mal nicht so negativ drauf, Verena!", "Du musst positiv denken!" oder, wenn ich über meinen schlecht gelaufenen Lockdown-Tag sprechen möchte: "Och, nö, bitte: Good vibes only!". Ich habe es lange unterdrückt offen zu sagen, was ich empfinde, wenn ich derlei gutgemeinte Ratschläge erhalte. Weil ich weiß, dass sie nicht böse, sondern aufmunternd gemeint sind. Aber ganz ehrlich: Diese nett gemeinten Worte lösten in mir nicht nur lange ein Schamgefühl aus, sie machten mich regelrecht aggressiv.

Vielleicht, liebe Leserinnen und Leser, haben Sie schon mal etwas von toxischer Positivität gehört. Der Begriff steht für meist lieb gemeinte Motivations-Parolen, die letztlich oft nichts anderes sind als warme Worte und leere Phrasen. Nicht nur für Menschen, die wie ich an einer Depression leiden, sondern für alle, für die das Leben (manchmal) psychisch belastend ist, sind derlei Parolen zu einer ausschließlich positiven Einstellung das pure Gift.

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Ein schöner Spaziergang hilft zwar nicht immer, aber oft.

(Foto: imago images/Westend61)

Längst bin ich darüber hinaus, mich über Leute zu ärgern, die mir raten, meine Depression mit einem schönen Waldspaziergang zu kurieren. Weil es Leute sind, die sich nicht im Geringsten vorstellen können, wie es ist, mit zugezogenen Vorhängen zu leben und jeden Tag weiterzumachen, obschon die Dunkelheit im Inneren jeden Funken Licht verzehrt wie ein gefräßiges Monster. Mittlerweile lache ich über Ratschläge, doch mal andere Musik zu hören, lebensfrohe, am besten deutsche Schlager. Ich bin sogar der festen Überzeugung, dass das ausschließliche Dauer-Hören von deutschem Schlager die Birne weichspült.

"Lache jeden Tag!"

Toxische Positivität ist nichts, was nur Leuten widerfährt, deren Psyche angeschlagen ist. In den sozialen Medien, besonders bei Instagram, hat sich das Motivations-Blabla wie eine Seuche ausgebreitet. Ständig stolpert man über Posts wunderschöner, lächelnder Frauen, die mit ihrer Goldrand-Kaffeetasse in der Hand den Tag willkommen heißen, Coaches, die Glücksseminare anbieten und Sprüche-Seiten mit Zitaten wie: "Lache jeden Tag!" oder: "Enjoy you life every day!" Ich enjoye mein Life aber leider nicht every day, denke ich mir dann, fast angewidert von derlei Glücksklee-Klischee.

Klassische erste Reaktion: Das schlechte Gewissen steigt auf, die Scham und das Grübeln, warum man verdammt nochmal nicht so funktioniert wie die anderen superglücklichen Menschen mit ihren frisch gewaschenen Haaren und ihren herrlich positiven Tagesabläufen. Und in der eigenen Küche stapelt sich der Abwasch und man denkt allen Ernstes darüber nach, den Kaffee mit der Milch, die schon flockt, herunterzuschütten, weil man all seine Hoffnung, auch nur halbwegs in die Gänge zu kommen, gerade in dieses kleine Schlückchen Koffein steckt.

Hach, ja, diese undankbaren Menschen! Wie können die nur immer so negativ drauf sein? Schließlich ist doch gerade der erste Schnee gefallen, man hat (noch) Arbeit und gesund ist man auch (noch). Man könnte genauso gut an einem schlimmen Tumor erkranken und nächste Woche tot sein, also verdammt nochmal, Verena, jetzt reiß dich gefälligst zusammen, strahle wie ein Honigkuchenpferd und sei mal ein bisschen dankbarer für das, was du alles hast.

"Look on the bright side of life"

Und hier liegt er, der Irrglaube dieser toxisch positiven Dauergrinser: nicht dankbar genug zu sein. Natürlich bin ich dankbar. Natürlich weiß ich zu schätzen, was ich alles habe, aber das ändert nichts an meinen Gefühlen. Menschen sind lustig, glücklich und gutgelaunt. Sie sind aber auch traurig, einsam, miesepetrig oder ängstlich. All diese Gefühle zu unterdrücken, führt am Ende nur dazu, dass sie, statt zu verschwinden, nur noch intensiver werden.

Optimismus ist eine tolle Sache. Aber jeder Mensch hat ein Recht auf seine unangenehmen Gefühle, auf die Palette all seiner Emotionen. Menschen, die sich einsam fühlen oder Angst haben, die Miete nicht bezahlen zu können, hilft es nicht, ihnen zu sagen: "Das wird schon wieder!" Oder: "Look on the bright side of life". Das mag im ersten Moment gutgemeint sein, aber es sind nichts anderes als Plattitüden - Luftblasen.

Stattdessen sollte man den Zuspruch anders formulieren wie: "Manchmal ist wirklich einfach alles beschissen. Das ist normal. Das gehört zum Leben dazu. Und es ist vollkommen okay und absolut verständlich, dass du Angst hast oder gerade schlecht drauf bist. Lass uns gemeinsam überlegen, was wir jetzt am besten tun könnten, damit es dir besser geht."

Alle Gefühle gehören zu uns!

In höchstem Maße toxisch positiv sind auch Sprüche wie: "Dont worry, be happy". Ich habe den gleichnamigen Song von Bobby McFerrin immer gehasst. Ja, ich gestehe mir dieses Gefühl ein, ich unterdrücke es nicht, ich h a s s e diesen Song! Gerade in Zeiten des Lockdowns erlebe ich, wie beispielsweise Menschen in den sozialen Medien von ihrer Community ausschließlich positive Stimmung einfordern: "Kein Platz für Negativität" steht dann auf ihren Instagram-Kanälen. Wenn ich derlei Nonsens lese, verfatze ich mich direkt. Ich habe keine Lust, mir meine schlechten Gefühle schlechtreden zu lassen, denn sie sind - im Gegensatz zu all diesen toxischen, positiven Mantras, vor allem eines: echt.

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Wer hat eigentlich damit angefangen, Gefühle wie Trauer, Angst oder Traurigkeit so zu negieren? All diese Emotionen mögen unangenehm sein, aber sie haben ihre Daseinsberechtigung. Psychologen warnen eingehend davor, diesen Gefühlen die Aufmerksamkeit abzusprechen, die sie verdienen.

Ich wünsche Ihnen ein Wochenende mit vielen guten Gefühlen und Gedanken. Sollte es Ihnen passieren, dass Sie bei einem Entspannungsbad oder beim Staubsaugen plötzlich weinen, weil Sie einfach die Schnauze voll haben von Menschen, die an Ihnen herumzerren: Nur zu! All Ihre Gefühle gehören zu Ihnen! Sie sind weder schlecht noch weniger optimistisch, wenn Sie nicht mit einem Dauergrinsen durch die Botanik rennen und statt Schlager auch mal "Rage Against the Machine" hören.

Quelle: ntv.de