Leben

"Queen of Polka-Dots" Yayoi Kusama trotzt dem Wahnsinn

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Yayoi Kusama verschmilzt mit ihrer Kunst.

(Foto: Ota Fine Arts, Victoria Miro & David Zwirner)

Punkte, überall Punkte. Endlos gespiegelt. In den fantastischen Installationen von Yayoi Kusama verlieren sich weltweit Millionen. Die 92-Jährige, die seit 34 Jahren in einer psychiatrischen Klinik lebt, ist ein Superstar. Das wurde sie nicht ohne Höhen und Tiefen. Davon erzählt die erste deutsche Kusama-Retrospektive im Berliner Gropius Bau.

Bunte Lichtkugeln spiegeln sich und die Besucher ins Unendliche, ändern dabei sanft ihre Farben. Das Universum ist zum Greifen nah. Auch bezaubernd: Knallpinke Tentakeln mit schwarzen Punkten ragen meterlang aus dem Boden des renaissanceartigen Lichthofs. Umschlingen die Betrachter, scheinen weiter zu wachsen. Beide seltsam schönen Kunst-Installationen hat Yayoi Kusama extra für den Gropius Bau in Berlin geschaffen.

Die japanische Künstlerin ist eine der "wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen. Sie hat eindeutig Kunstgeschichte geschrieben. Sie ist eine Künstlerin, die vorausgedacht hat", sagt Stephanie Rosenthal - die Gropius-Bau-Direktorin hat die Schau kuratiert. Die Ausstellung verdeutlicht Kusamas Pionierrolle, zeichnet ihren Weg chronologisch nach. Von ihren Anfängen in Japan, ihrem Ankommen in der Kunstwelt in Amerika und im Besonderen in Europa. Mit ihrer Rückkehr nach Tokio in den 70ern ist sie erstmal Geschichte. Als Yayoi Kusama jedoch 1993 den japanischen Pavillon auf der Kunst-Biennale in Venedig gestaltet, avanciert sie unaufhaltsam zum Weltstar, der sie bis heute ist.

Und das, obwohl Yayoi Kusama seit 1977 in Tokio in einer psychiatrischen Einrichtung lebt. Von hier aus geht sie täglich zu Fuß in ihr nahe gelegenes Atelierhaus. Dort hat Rosenthal die Künstlerin getroffen. Als Kusama sie sah, "hat sie die Arme hochgerissen und 'Berlin, Berlin' gerufen", erzählt Rosenthal. "Das war rührend. Die Bilder im letzten Raum der Ausstellung sind teilweise 2021 entstanden. Sie hat klare Anweisungen gegeben, wie wir die hängen sollen." 62 dieser Bilder, einer Serie, an der sie seit 2009 arbeitet, hängen dicht an dicht. Die Farben scheinen zu pulsieren, amorphe Formen schieben sich ineinander.

Liebe, Unendlichkeit, Obsession

Yayoi Kusama legt die Leinwände flach vor sich auf den Tisch und bearbeitet sie zunächst mit einer Farbe. Danach fügt sie mit einem Pinsel andere Farben oder mit einem schwarzen Marker obsessive Muster hinzu. Platt, plakativ und einfach nur grellbunt, mögen manche denken. Dabei belegt gerade diese Serie, wie unendlich Kusamas Schaffensprozess ist. Inzwischen gibt es 700 solcher Bilder in unterschiedlichsten Formaten. Für die Künstlerin ist Kunst Heilung. In Zeiten der Pandemie erst recht. Sie glaubt an die Kraft der Kunst, bearbeitet unermüdlich Themen wie Liebe, Unendlichkeit, Wiederholung, Obsession und Ewigkeit.

270 Arbeiten aus acht Jahrzehnten versammeln sich jetzt im Gropius Bau und versuchen ihr Werk auf den Punkt zu bringen. Eben diese Punkte ziehen sich durch den surrealen Kosmos von Yayoi Kusama und sind ihr künstlerischer Zellkern. Schon 1953 malte sie einen roten Kreis auf einen himmelblauen Grund. "Ich zeichne, weil ich mich nicht in Worten ausdrücken kann", erklärt Kusama. Für ihre All-Over-Polkadots ist sie weltberühmt. Mit ihnen übersät sie nicht nur Leinwände, sondern auch Phalli, überdimensionierte Tentakel, riesige Blumen und Kürbisse, alltägliches wie Teekessel, Zigaretten, Bücherregale, Kleidungsstücke und sogar Menschen. Gerne wird sie als die "Queen of Polka-Dots" bezeichnet.

In Matsumoto, wo sie 1929 geboren wurde, besaßen ihre Eltern eine Samengärtnerei. Kusamas Liebe zu Blumen, überhaupt zur Natur, mag hier begründet sein. Es sind keine ärmlichen Verhältnisse, in denen sie mit ihren drei älteren Geschwister aufwächst, aber doch unglückliche Zeiten. Schon als Zehnjährige hat sie in einem Blumenfeld das Gefühl, dass "ich von der Umgebung verschlungen werde". Für ihre Mutter muss die kleine Yayoi dem Vater hinterherspionieren. Er hat Affären und sie erwischt ihn mehr als einmal beim Sex. In diesen Erfahrungen sieht die Künstlerin ihre "Abneigung und Faszination gegenüber dem nackten Körper". Als Schülerin näht sie ab 1941 für das japanische Militär zwangsweise Fallschirme. Obwohl sie ein Opfer der autoritären Zeiten ist, findet sie ihren eigenen Weg. Die Kunst ist Flucht. Mit ihrer Mutter schließt sie den Deal, dass sie auf die Kunstschule in Kyoto gehen darf, wenn sie zudem eine Schule für Etikette besucht. Letztere hat sie nie von innen gesehen.

Malen, nicht heiraten

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New York infinity-nets - die Aufnahme ist von 1961

(Foto: Yayoi Kusama)

Mit ihren ersten Ausstellungen wird Kusama klar, wie schwer es Künstlerinnen in ihrer Heimat haben. Männer dominieren die Gesellschaft, das Land ist sehr konservativ. Sie will malen, nicht heiraten. Nach einem Briefwechsel mit der US-amerikanischen Malerin Georgia O'Keefe wagt sie 1958 den Sprung ins Ungewisse, verbrennt alle bisher entstandenen Bilder und geht nach New York. Sie ist sehr arm, aber hat den Willen und die Vision, es zu schaffen. In einem Interview beschreibt sie einen Traum von einem Fliegengitter - diese Netze integriert sie fortan in ihre Bilder. Wie besessen arbeitet sie an ihren Infinity-Net-Paintings. Bis zu drei Meter lange Leinwände bemalt sie in Dauerschleife. Yayoi Kusama versucht beharrlich ihre eigene Welt zu erschaffen. Magisch, fast hypnotisch kommen diese Arbeiten daher.

Die Kunstszene in New York ist Anfang der 60er-Jahre männerdominiert. Kunst von Frauen wird nur in Gruppen-Ausstellungen gezeigt. Doch Kusama setzt sich und ihre Arbeiten mysteriös in Szene und hat langsam Erfolg. Ihre Unsicherheiten im Kopf bleiben und sie muss sich nach einem Sprung aus dem Fenster wegen Depressionen behandeln lassen. 1965 bringt ihr der erste Infinity-Room endlich Aufmerksamkeit: ein Boot mit ausgestopften Stoffphalli umgeben von einer Tapete, auf der sich dieses Boot als Sequenz wiederholt. Zudem setzt sie sich nackt in dieses Boot und lässt sich fotografieren. Die weichen Phalli könnten auch Korallen oder Tentakel sein. Offensichtlich inspiriert sie andere Künstler: Claes Oldenburg fängt an, softe Skulpturen aus Stoff zu schaffen und bei Andy Warhol taucht bald nach ihrer Show seine berühmte Kuh-Tapete auf.

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Radikale Performance: "Anti-War" nacktes Happening mit Fahnenverbrennung auf der Brooklyn Bridge 1968.

(Foto: Yayoi Kusama )

Die zierliche Japanerin rockt die US-amerikanische Avantgarde-Kunstszene mit Nackt-Happenings, in denen sie sich für Frieden und Homosexualität einsetzt. Galerieräume verwandelt sie in eine einzige Kunsterfahrung. 1965 entsteht ihr erster geschlossener Spiegelraum, in der Betrachter sich unendlich spiegelt. Dieser Wow-Effekt ist auch heute noch faszinierend und bei Instagram unter dem Hashtag "infinityroom" zu bestaunen. Licht und Spiegel machen die Installationen elegant und so irrsinnig instagramable. Der Hype ist ungebrochen.

Kusama selbst ist Bestandteil jeder Ausstellung, sie schreibt sich als Künstlerin in ihren Kunstwerken ein. Verschmilzt mit ihrer Kunst und den Räumen. Im Gropius Bau ist sie auf großformatigen Fotos sehr präsent. "Wenn wir uns die Selfie-Kultur anschauen, dann würde ich sagen, dass Kusama das damals schon gemacht. Das hatte nichts mit Narzissmus zu tun, man soll ich in ihrem Werk verlieren", erklärt Stephanie Rosenthal.

In den 60er-Jahren wird Yayoi Kusama auch in Europa bekannt. Sie stellt von Stockholm und Amsterdam über Bern und Essen bis nach Turin aus. Malerei, Skulptur, Performance, Collage, Installationen, Filme, eine Zeitschrift, ihr eigenes Fashionlabel - sie macht irgendwie alles. Eine Zeit lang betreibt sie sogar ihre eigene Transportfirma. Irgendwann wird alles zu viel, sie kann es nicht mehr stemmen. Ihre Aktionen werden populistischer, der Respekt vor Kusama als Künstlerin geht verloren.

Rise like a Phoenix

1973 kehrt sie schließlich nach Japan zurück. Doch hier ist sie nach all den Nackt-Aktionen in den USA eine skandalöse Frau. Ihre radikalen Performances mit dem eigenen Körper waren zu provokant. Es gab keine Gnade - Kusama muss wieder bei null anfangen. 1977 weist sie sich selbst in eine psychiatrische Klinik ein, in der sie bis heute lebt. Fast 20 Jahre lang war Yayoi Kusama von der Kunstwelt komplett vergessen.

Ein Retrospektive in New York 1989 zeigt sie in neuem Licht. Yayoi Kusama ist zurück, wandelt ihre Traumata erneut in Produktivität. Seither überzieht sie die ganze Welt mit Punkten. Sie sind so was wie ihr Schutzschild. "Werden Sie eins mit der Ewigkeit. Löschen Sie Ihre Persönlichkeit aus. Werden Sie Teil Ihrer Umgebung. Vergessen Sie sich selbst", fordert sie auf. Sie bezeichnet das als Selbstauslöschung und Verschmelzung mit dem Universum - eines Universums, das mit Installationen, Infinitiy-Rooms und Bildern andere Menschen glücklich macht.

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Für Yayoi Kusamas Kunst werden inzwischen Millionen bezahlt. Wo immer ihre Kunst gezeigt wird, stehen Menschen geduldig an, um ein Teil des Kusama-Kosmos zu werden. 2012 hat sie Taschen für Louis Vuitton sinnlicher gemacht und ein paar Kleidungsstücke entworfen. In Tokio wird sie seit 2017 mit einem eigenen Museum geehrt. "Ihren Wahnsinn zu managen, zeugt von gesundem Menschenverstand", resümiert Stephanie Rosenthal. Dabei hat Kusama schwindelerregend schöne Kunst produziert. In Berlin kann das Publikum jetzt in vier Spiegelräumen in die Unendlichkeit entschwinden. Vorteil der Pandemie: kein langes Anstehen. Dank der Zeitfenstertickets bleibt viel Ruhe, sich mit dem hypnotischen Universum von Yayoi Kusama zu verbinden.

"Yayoi Kusama. Eine Retrospektive". Bis zum 15. August im Gropius Bau in Berlin. Tickets bitte online buchen und negativen Corona-Schnelltest mitbringen.

Quelle: ntv.de

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