Leben

Die Dinge des Lebens Zuhören - die verloren gegangene Tugend

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Die erste große Liebe muss man nicht immer erklären können!

(Foto: imago images/Everett Collection)

Zuhören, was ein anderer sagt, das ist wichtig. Aber einfach mal einer "Platte" zuhören - wann hat man das zum letzten Mal getan? DJs ausgenommen. Wann hat man sich das letzte Mal Zeit genommen für ein Cover, einen Text, die Danksagungen am Ende des Booklets? Genau ...

Neulich las ich in der Los Angeles Times einen Artikel, der mich augenblicklich wehmütig machte. Randall Roberts schrieb einen riesigen, wirklich langen und sehr guten Text über die Kunst des Zuhörens. Es ging um Schallplatten. Als Teaser diente ein Foto des jungen Clint Eastwood, der auf dem Fußboden lümmelte und eine Schallplatte, fast träumerisch, in den Händen hält. Sofort hatte ich Bilder im Kopf.

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Wieder im Kommen - eigentlich nie weggewesen: Vinyl.

(Foto: imago images/Shotshop)

Wie man früher in einen - oft dunklen und verrauchten - Plattenladen ging, in seiner eigenen oder einer fremden Stadt, denn das bedeutete eben auch fremdere Schallplatten. Und wie man dort Stunden verbrachte, in Platten "reinhörte", wie man sich entscheiden musste, damit es nicht zu teuer wird. Wie man aus dem Plattenladen hinaustorkelte, musikbeseelt, und sich wunderte, dass es bereits dunkel war. Wie man seine Einkäufe vorsichtig auf dem Fahrrad nach Hause fuhr, ohne dass die am Lenker bammelnde Plastik(!)tüte in die Speichen geriet. Wie man vorsichtig die Zellophanhülle von der Platte abpulte, um das Cover nicht zu beschädigen. Das Knistern, wenn das Vinyl aus der Pappe gezogen wurde oder aus der Schutzhülle, die ja auch noch da war. Ich erinnere mich daran, dass ich auf keinen Fall gestört werden wollte, wenn ich dann die Kopfhörer aufsetzte, um mich dem vollkommenen Musikgenuss hinzugeben. Im elterlichen Kinderzimmer wurde das Schild "Betreten verboten für Eltern und kleine Brüder" an die Tür gehängt, in der ersten eigenen Wohnung wurden die Lautsprecher dann - so laut es eben ging - aufgedreht. Man war für eine Weile nicht ansprechbar, man war weg. Nicht auf dieser Welt, denn die Musikgötter sprachen zu einem.

Und dann Stille im Kopf, nachdenken: Wann hat man das zum letzten Mal gemacht, zugehört? Ohne dabei etwas anderes zu tun. Also nicht einen Podcast beim Joggen oder ein Hörbuch beim Bügeln, oder laute Musik im Auto zum Mitbrüllen, damit man auf der Fahrt in den Urlaub wach bleibt, sondern dieses meditative "Sich-Ausblenden" aus Raum und Zeit, nur ich und die Musik. Und die Geschichten, die dahinter stehen.

Meine Eltern flogen 1980 nach London und fragten, was sie mir mitbringen könnten. Ich wusste, dass sie einen Schottenrock im Auge hatten, ich jedoch wollte Schallplatten, und zwar "Flesh and Blood" von Roxy Music, Fischer-Z "Going Deaf For A Living" und ACDC "Back In Black". Ich kann mich nicht mehr erinnern, warum sie mir die Platten unbedingt aus London mitbringen sollten, ob es die bei uns (noch) nicht gab, auf jeden Fall erinnere ich mich an die Preisschilder darauf, in Pfund, und den Aufkleber des Plattenladens. Ich bin noch immer gerührt bei der Vorstellung, wie meine Eltern in London in einen Plattenladen gingen mit meinem Zettel - sie waren eher Klassik- und Crooner-Fans - bevor mein Vater dann etwas später seine Liebe zu Supertramp und Womack & Womack entdeckte, und bevor meine Mutter gestand, dass sie eigentlich schon immer in Charles Aznavour verliebt war. Ich habe die Platten noch, bis auf ACDC, die ich in einem Anfall von Großzügigkeit einem Cousin schenkte, und ich weiß noch, wie ich auf dieses Vinyl achtete, auf Partys, zu denen man Schallplatten mitbrachte oder bei Umzügen, wo mir dann später mein orangefarbener Plattenspieler geklaut wurde.

Saving All My Love

Ich erinnere mich an Ronny, der kam eines Tages zu spät zur Schule, 10. Klasse, weil er erstmal in einen Plattenladen musste, der natürlich nicht vor 10 Uhr aufmachte. Er hatte das Album "Thriller" von Michael Jackson gekauft. Er strahlte, und es war ihm total egal, was die Lehrer sagten, er platze vor Stolz, als wäre er an dem Ding selbst beteiligt gewesen. "Das ist der heißeste Scheiß" ließ er uns Streber, die auf ihren Plätzen saßen, wissen. Ronny sollte Recht behalten. Es sah so aus, als würde Michael Jackson die Musikwelt auf den Kopf stellen. Wir wissen inzwischen, wie der King of Pop endete, aber damals war das wirklich was ganz Großes.

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Ein Ass im Ärmel oder 'ne Platte im Hosenbund - ein DJ muss immer vorbereitet sein.

Zu meinem 19. Geburtstag schenkte mir jemand das erste Album von Whitney Houston. Auf dem Cover eine junge schwarze Göttin in einer Art griechischem Gewand, auf der Rückseite Whitneys ganzer Körper in voller Schönheit in einem weißen Badeanzug, den Blick in die Ferne gerichtet, stolz und der Zukunft entgegen. So fühlte ich mich auch damals: Ich hatte immerhin einen weißen Badeanzug, zu meiner Abifeier trug ich ein Kleid, das entfernt an ein griechisches Gewand erinnerte, nur dass es schwarz war und auf der Klassenreise in Paris auf einem Markt günstig erworben wurde. Ich hatte wahrlich nicht viel mit Whitney Houston gemeinsam, sie war drei Jahre älter als ich und sie konnte definitiv besser singen. Und doch fühlte ich mich ihr so verbunden, so nah, dass mir alle ihre Schicksalsschläge vorkamen wie die einer guten Freundin und ich mit ihr litt. Es noch tue, wenn ich heute an sie denke. In ihrem Hit "Greatest Love Of All" singt sie: "No matter what they take from me/ they can' t take away my dignity/ Because the greatest love of all/ Is happening to me/ I found the greatest love of all/ Inside of me/ The greatest love of all/ Is easy to achieve/ Learning to love yourself/ It is the greatest love of all." Nichts davon ist so eingetroffen, man hat ihr ihre Würde genommen, und sich selbst hat sie wohl nie besonders geliebt.

Fly Me To The Moon

Einer meiner Mitschüler war ein Musiktalent, ein Ass, ein Künstler, ein Genie. Er dichtete Songs um, schrieb neue, manche für mich. Wir standen bei ihm um den Flügel herum, hatten uns schick gemacht - zumindest was wir dafür hielten - und sangen Frank Sinatra-Songs. Ein paar Jungs fanden sich total Rat Pack-mäßig und stritten sich regelmäßig, wer jetzt Dean Martin sein durfte (so genial tanzen wie Sammy Davis jr. konnte eh keiner), die coolen Mädchen wollten wie Shirley sein. Shirley MacLaine: Sie durfte mit den Typen abhängen, ohne die Freundin von einem sein zu müssen, sie war süß und witzig. Die anderen Mädchen wollten eh Grace Kelly sein. Gähn, keine Frau, die wirklich ernstgenommen werden wollte, wollte damals ernsthaft Prinzessin werden. Anyway: Mein Mitschüler von damals ist heute super erfolgreich. Damals dachten wir, wir wären die einzigen, die ersten, die diese Musik von damals für uns wiederentdeckt hätten. Mein Bruder, vier Klassen unter mir, dachte vier Jahre später dasselbe. Dass wir diese Musik bereits von unserem Vater eingeimpft bekamen, war uns damals nicht klar und auch egal.

Diese Stars, diese Bands, diese Musiker - sie gehörten zu einem. Es war so wichtig sagen zu können, welche Musik man hörte, denn dann wusste man, mit wem man es zu tun hatte. Schwer zu sagen, was diese Anfänge meiner Plattensammlung über mich sagen, welche Schublade für mich offen stand, ich weiß nur, dass sie mir noch heute wichtig sind, diese Künstler und deren Musik, und dass wir jetzt zu Hause vier Plattenspieler haben. Das Gute in der heutigen Zeit ist, dass es dieses Schubladendenken nicht mehr so krass gibt, man darf einen sehr weit gefassten Musikgeschmack haben, ohne ausgelacht zu werden.

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Ja, ich würde nach seiner Pfeife tanzen.

Als ich Jahrzehnte später Will Smith zum Interview traf, war er für mich noch immer "The Fresh Prince of Bel Air" und nahm mir meinen Hinweis darauf überhaupt nicht übel. Denn etwas Fresh Prince steckt noch immer in dem Schauspieler und Rapper, und ganz anders als andere Schauspieler redet er ausgesprochen gerne über die alten Zeiten, selbst wenn er Promo für einen neuen Film machen soll. Ich war sehr froh danach, denn in mir ist immer noch ein bisschen "Summertime" hängen geblieben

Es war damals ja so, dass man nicht nur ein Stück kaufte, einen Song. Sondern ein Album. Da hatten sich irre Zeichner Gedanken über das Cover gemacht, super Location-Scouts Bäume mitten in der Wüste gesucht, damit die besten Fotografen Fotos davon machen konnten und mega Bands für immer mit einem "Joshua Tree" in Verbindung gebracht werden können. Da ließ sich keiner lumpen und engagierte die teuersten Super-Models (die für weniger als 10.000 Dollar am Tag gar nicht erst aufstanden), damit sie durch ihre Videos huschten und da gab sich ein wirklich kreativer Mensch Mühe mit der "Story hinter dem Album". Und jeder las das! Weil jeder seinem Star und allem, was dazu gehörte, möglichst nah sein wollte.

Heute shazamt man ein Lied und kauft es. Ab in die Playlist. Manchmal wundert man sich dann, was da so alles drauf ist. Mir fallen 1000 Cover und 1000 Geschichten ein, von Künstlern, die bereits tot sind und One-Hit-Wundern, von Bands, die noch heute auftreten und Bands, die sich schon vor 30 Jahren aufgelöst haben.

Was ich nur sagen wollte, war: Schließt mal ab zu Hause, macht das Handy aus, zündet euch 'ne fette Sportzigarette, äh, Kerze an, und ab aufs Sofa. Hört mal wieder richtig zu. Euren Liebsten sowieso, und einer Lieblings-Platte. Die haben meist mehr zu sagen als man denkt.

Quelle: ntv.de