Leben
Auf dem Weg zum Helm-Gipfel lohnt sich überall das Stehenbleiben: Die Rundumsicht ist überwältigend.
Auf dem Weg zum Helm-Gipfel lohnt sich überall das Stehenbleiben: Die Rundumsicht ist überwältigend.(Foto: ©Driesner)
Samstag, 14. Juli 2018

Die Gipfel der Genüsse (2): Wie die Hanghühner

Von Heidi Driesner

Grenzenlos wandern - das bietet das heutige Europa zwischen Norditalien sowie Süd- und Ostösterreich. Die berühmten Südtiroler Messner und Ötzi kennt ja wohl jeder, wer aber ist dieser Olperl, nach dem ein ganzer Wanderweg benannt ist?

Spätestens am Abend, wenn ich ins Bett sinke und die Füße nicht mehr spüre, fällt mir der blöde Witz über die Hanghühner mit den verschieden langen Beinen ein. So schlimm ist es nach Berg rauf und Berg runter in den Dolomiten um meine Extremitäten zwar nicht bestellt, aber ein wenig rundgelaufen komme ich mir schon vor. Und wandern kann man unentwegt in Südtirol, glattweg bis zum Umfallen! Die Hotels und Pensionen tun eine ganze Menge, damit es ihren mehr oder weniger wanderfreudigen Gästen im Pustertal gut geht. In unserem Urlaubsdomizil Innichen befinden sich Tina und ich genaugenommen im Hochpustertal. So wird der östliche am Oberlauf der Drau gelegene Teil des Pustertals genannt, das sowohl Osttirol in Österreich als auch Südtirol in Italien durchzieht. Im Hochpustertal sind wir noch gar nicht weit drin in diesem schönen Südtirol; die gesamte Fläche ist immerhin 7400 Quadratkilometer groß. Innichen ist nur wenige Kilometer von der österreichische Staatsgrenze entfernt. Im Europa der offenen Grenzen spürt man sie gar nicht, diese Abgrenzungen; man fährt, wandert oder bikt ungehindert und nach Herzenslust. Und das bleibt hoffentlich so!

Die Wanderwege in Südtirol sind gut ausgeschildert.
Die Wanderwege in Südtirol sind gut ausgeschildert.(Foto: ©Driesner)

Nirgendwo im Hochpustertal ist die Aussicht so schön wie am "Helm". Der reichlich 2400 Meter hohe Berg des Karnischen Hauptkamms, über den die unsichtbare grüne Grenze zwischen Italien und Österreich verläuft, bietet eine tolle Rundumsicht über die Bergwelt Süd- und Osttirols und vor allem auf die Sextner Dolomiten mit Dreischusterspitze und Rotwand. Paraglider schätzen den Helm als erstklassigen Flugberg und Tina und ich bewundern viele Male die bunten Gleitschirme hoch oben am Himmel. Die geschichtsträchtige Hütte auf der Bergspitze allerdings ist heutzutage verlassen und eine Ruine, soll aber wiederhergestellt werden. Wer Hunger oder Durst hat, kehrt gerne in der "Hahnspielhütte" ein; auch wir ruhen uns auf dem Rückweg mal bei Aperol Sprizz, mal mit Radler oder Cappuccino aus. 

Den Weg zu den diversen Gipfeln um uns herum beginnen Tina und ich ganz bequem mit Bergbahnen, und das während unseres Urlaubs so gut wie jeden Tag. Liftgesellschaft und etliche Hotels, darunter auch unser "Leitlhof", versüßen den vorsaisonalen Touris nämlich ihren Aufenthalt mit der Aktion "Drei-Zinnen-Frühlingswochen": Vier Bergbahnen im Gebiet sind kostenlos! Auf den Helm kommt man entweder mit der Panoramakabinenbahn von Sexten oder der Kabinenbahn von Vierschach aus, zur Rotwand ebenfalls mit einer Kabinenbahn und zum Hausberg von Innichen, dem Haunold, mit dem Sessellift. Und bei jeweils 19 Euro für eine Berg- und Talfahrt mit den Kabinenbahnen ist das schon eine ganz schöne Einsparung. Seit dem 10. Juni allerdings ist Schluss mit dem unentgeltlichen Transport, dann ist nämlich Sommersaison. Doch auch dann können Schlaue sparen; so gibt es die Drei-Zinnen-Mountain-Card, bei der das Bike inklusive ist, oder Ermäßigungen für Kinder und Senioren.

Die Bergstation der 2014 eröffneten Kabinenbahn zum Stiergarten sieht ein bisschen wie ein Ufo aus.
Die Bergstation der 2014 eröffneten Kabinenbahn zum Stiergarten sieht ein bisschen wie ein Ufo aus.(Foto: ©Driesner)

Die Kabinenbahn zum "Stiergarten" ist bei der Frühlingsaktion nicht dabei, die leisten wir uns eben, denn auf den schönen Almenberg wollen wir keinesfalls verzichten. Auch der Fun-Bob muss extra bezahlt werden, aber den Spaß für 9,30 Euro (Kinder 6,50) pro Talfahrt müssen wir natürlich mitmachen - streckenweise laut kreischend. Auf dieser längsten Sommerrodelbahn Südtirols saust man auf einer Aluminiumschiene und mit einem Tempo bis zu 40 km/h kurvenreich von der Haunold-Hütte bis runter nach Innichen. Der Höhenunterschied auf den fast zwei Kilometern Länge beträgt rund 315 Meter. Die Geschwindigkeit muss jeder selbst regulieren und man sollte bremsen und "Gas geben" tunlichst nicht verwechseln. Die Neigung in den Kurven (bis zu 40 Prozent) ist nicht zu verachten; dass mir mitunter der Schweiß auf der Stirn steht, liegt garantiert nur am Wetter.

Zwei Bergsteiger und ein Schlingel

Ein Spaß für Groß und Klein, wenn Olperl in seinem Versteckt grunzt und pfeift.
Ein Spaß für Groß und Klein, wenn Olperl in seinem Versteckt grunzt und pfeift.(Foto: ©Driesner)

Zwar sind wir mit Wanderschuhen, Trekkingstöcken und Rucksack gut gerüstet für alle Wetterlagen, doch wir ungeübten Großstädter wollen ja nicht übertreiben und so beginnen wir ganz klein direkt an der Bergstation der Helm-Bahn: auf dem neuen 1,5 Kilometer langen Rundwanderweg  "Olperls Bergwelt", der seit Sommer 2017 eine Menge Spaß und Wissenswertes bietet.  Der Weg startet mit einer Kinderalm und kleinen Häuschen zum Hineinkriechen (zu klein für uns), führt über Erlebnispunkte und tolle Ausblicke auf die Bergwelt ringsum. Man braucht nur etwa eine Stunde und der Höhenunterschied beträgt schlappe 80 Meter. Infotafeln erzählen über Olperls beste Freunde, die alpinen Tiere. Wer will, kann auf Barfußpfaden zwölf verschiedene Naturmaterialien unter den Sohlen spüren, unter anderem weiches Moos und harte Kiesel, Lärchenholz und Steinplatten. Highlight ist natürlich der Schlammgraben, vermutlich nicht so sehr für die Eltern, doch im frischen Quellwasser werden die Füße danach wieder sauber. Tina und ich - wir halten uns da raus. Etliche Mütter und Väter erweisen sich nicht als Spaßbremsen und gönnen sich und ihren Kindern das Vergnügen. Wir zwei amüsieren uns derweil wie Bolle an Olperls Behausung, in dessen Dunkel das geheimnisvolle Wesen mit großen Kulleraugen leuchtet und uns mit Grunzen und Pfiffen erschreckt, wenn wir durchs Fenster hineinrufen. Auch die Kinder machen große Augen, wenn man ihnen vom quirligen Olperl erzählt, das alle Tiere liebt, die Menschen gerne mit gutmütigen Streichen neckt und sich am liebsten mit den Beeren aus dem Wald den Bauch vollschlägt: Olperl ist weder Mensch noch Tier, sondern ein grüner Puschel und Produkt eines findigen menschlichen Geistes.

Bruneck ist ein beschauliches kleines Städtchen - ein Besuch lohnt sich.
Bruneck ist ein beschauliches kleines Städtchen - ein Besuch lohnt sich.(Foto: ©Driesner)

Keine Erfindungen sind zwei andere, noch viel bekanntere Südtiroler: Reinhold Messner und Ötzi. Beide sind für sich genommen ein Superprogramm, falls es mal regnet. "Es gibt höhere Berge, aber keine schöneren", sagt Messner, einer der weltbekanntesten Bergsteiger, über seine Heimat. Der gebürtige Brixener hat seine Liebeserklärung sozusagen zu Stein werden lassen und an sechs bemerkenswerten Standorten Museen eingerichtet, die in der Summe das Messner Mountain Museum (MMM) ergeben. Wir kommen nicht überall hin, aber zumindest bis nach Bruneck. In dem beschaulichen Städtchen thront hoch über der Stadt ein Schloss, das das "Ripa" beherbergt: tibetisch "ri" für Berg und "pa" für Mensch. Dieses Messner-Museum ist also vor allem der Lebensweise der Bergbewohner gewidmet.

In der Südtiroler Landeshauptstadt macht ein anderer Bergsteiger von sich reden: der Mann aus dem Eis. Seit 1998 ist die 5000 Jahre alte Gletschermumie aus den Ötztaler Alpen im Bozener Archäologiemuseum für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Mythos ist ungebrochen, wer rein will zu Ötzi, muss Schlange stehen. Zufällig entdeckt wurde Ötzi 1991 von einem Nürnberger Ehepaar während ihrer Bergwanderung, weil der stark abtauende Gletscher die bisher verborgene Mumie freigab. So wie ganz Südtirol Jahrzehnte lang Zankapfel der Mächtigen war, entbrannte auch um den gefrosteten Leichnam ein österreichisch-italienisches Tauziehen. Hat zum Glück nicht so lange gedauert wie der explosive Streit um Südtirol, ist dafür mehr kurios. Der Gletscher, auf dem der Steinzeitmann gefunden wurde, liegt auf der Grenze zwischen dem österreichischen Bundesland Tirol und der italienischen Provinz Südtirol. Als Grenze festgelegt wurde einst die Wasserscheide, was ziemlich ungenau war, weil vom Gletscher überdeckt. Obwohl Ötzi auf der österreichischen Seite aus dem Eis geholt wurde, ergab 1991 eine genaue Vermessung, dass das eisige Grab 92,56 Meter auf italienischem Gebiet liegt. Also wurde Ötzi aus Innsbruck nach Bozen gebracht. Den Spitznamen "Ötzi" hat die Gletschermumie übrigens von einem österreichischen Journalisten bekommen. Ziemlich irreführend ist allerdings die Titulierung als "Frozen Fritz" im englischen Sprachraum, wo doch Ötzi nun ein Italiener ist. Allerdings: Sollte der Gletscher weiter abtauen, rutscht die Fundstelle möglicherweise wieder in österreichische Hoheit. Den 200.000 Besuchern, die Ötzi alljährlich im Bozener Museum bestaunen, dürfte das ganze Hickhack ziemlich egal sein.

Dessert-Buffet im "Leithof": Die Entscheidung fällt sehr schwer!
Dessert-Buffet im "Leithof": Die Entscheidung fällt sehr schwer!(Foto: ©Driesner)

Nebenbei bemerkt: Außer Museum und Mumie lässt sich so manches in Bruneck und Bozen bestaunen - und frau kann außerordentlich gut shoppen ... Beladen mit diversen Tüten - Papiertüten! Umweltschutz ist in Südtirol eine Herzenssache - und gesättigt von vielen Eindrücken, aber dennoch hungrig erreichen Tina und ich unseren "Leitlhof". Marende verpasst! Und das ist auch gut so, da haben wir wenigstens Platz im Magen für das Abendbrot-Menü, das täglich aus mindestens fünf Gängen besteht. Das muss man erst mal schaffen! Und die Küchenmannschaft um Hermann Patzleiner hat es in unseren 16 Urlaubstagen fertiggebracht, sich nicht ein einziges Mal zu wiederholen. Auch das muss man erst mal schaffen! Sehr beliebt, nicht nur bei den Kindern, sind die unzähligen Dessert-Varianten, unter anderem die leckeren gebackenen Apfelspalten:

Südtiroler Apfelküchlein

Backzeit: 2 – 3 Minuten
Backtemperatur: 180 Grad

Zubereitung:

Zutaten (4 Pers):

2 Äpfel
125 g Mehl
1/2 Zitrone (Saft)
1/8 l Milch oder Bier
2 Eigelb
½ Pä Vanillezucker
1 EL Öl
2 Eiweiß
1 Prise Salz
1 EL Zucker
Backfett
3 EL Zucker
1 EL Zimt zum Wälzen

Die Äpfel schälen, die Gehäuse entfernen und in ½ cm dicke Spalten schneiden. Mit Zitronensaft beträufeln und 10 Minuten ziehen lassen.

Für den Backteig das Mehl in eine Schüssel geben und mit der Milch oder dem Bier glattrühren. Eigelb, Vanillezucker und Öl einrühren. Das Eiweiß mit dem Salz aufschlagen, mit dem Zucker zu Schnee schlagen und unter den Backteig ziehen.

Die Apfelspalten mit einer Gabel in den Backteig tauchen und im heißen Fett hellbraun backen. Den Zucker mit Zimt vermischen und die Apfelküchlein darin wälzen.

Tipp: Im "Leitlhof" gibt's Vanillesauce und Zimthalbgefrorenes dazu.

Viel Erfolg beim Ausprobieren wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Teil 1: Von Berlin nach Südtirol

In einer Woche folgt der dritte und letzte Teil "Die Gipfel der Genüsse: Teigwerke mit schmackhaftem Inhalt".

Quelle: n-tv.de