Leben
Wenn am Morgen die Sonne über Innichen aufgeht, färben sich die Kalkfelsen rosa.
Wenn am Morgen die Sonne über Innichen aufgeht, färben sich die Kalkfelsen rosa.(Foto: ©Driesner)
Samstag, 21. Juli 2018

Die Gipfel der Genüsse (3): Teigwerke mit schmackhaftem Inhalt

Von Heidi Driesner

Wo heute bunte Wiesen und steile Berge zum Wandern einladen, knabberten sich einst drei Meter große Dinos die Bäuche voll, ehe ihr Lebensraum für 200 Millionen Jahre im Meer versank. Ihre versteinerten Spuren sind noch heute zu sehen.

Es ist dieser plötzliche Wechsel zwischen den schroffen, hellen Felsen und sanften, grünen Wiesen, der die Wunderwelt der Dolomiten für Naturliebhaber so anziehend macht. Verantwortlich für das bizarre Aussehen sind die unterschiedlich harten Gesteinsschichten sowie die abwechslungsreichen Hebungen und Senkungen der Gesteinsblöcke. "Wer die weiten, freundlichen Täler und blumenreichen Pässe dieser Berge besucht, der fühlt sich durch die mächtigen Dolomitriffe weder bedrückt noch beängstigt, sondern erfreut sich der lieblichen Landschaft, in der die 'Berge des Lichts', die Dolomiten, gleich riesigen weißen Monumentalbauten die Gegend überragen", schrieb der österreichische Rechtsanwalt Theodor Christomannos (1854-1911). Der aus einer griechisch-türkischen Familie stammende Christomannos ließ sich in Meran nieder, war begeisterter Bergsteiger und gilt als Pionier des Südtiroler Fremdenverkehrs.

Touristisch leider sehr überlaufen, aber dennoch schön: der Pragser Wildsee vor dem Seekofel-Massiv.
Touristisch leider sehr überlaufen, aber dennoch schön: der Pragser Wildsee vor dem Seekofel-Massiv.(Foto: ©Driesner)

Wie recht der Mann hat! Während unserer Kraxelei bleiben Tina und ich immer wieder stehen (zu meinem Glück!) und genießen den Blick ins Tal. Kaum zu glauben, aber die hohen Berge der Dolomiten sind nichts anderes als ein versteinertes Korallenriff. Wo wir zwei heute stehen, schwappten vor Millionen von Jahren die Wellen des Urmeers Tethys. Noch weniger zu glauben ist: Auch Dinosaurier schwankten hier einst durch die Gegend! Was sich noch vor ein paar Jahren kaum ein Paläontologe vorstellen konnte, ist heute in natura und in Museen zu bewundern: Spuren von Dino & Co. im Gestein. Nicht nur in den zerklüfteten Sextner Dolomiten, in denen Tina und ich unser "Unwesen" treiben, sind die Riesenfußstapfen zu finden, sondern auch in anderen Massiven der Dolomiten-Gebirgsgruppe. Man muss nur erkennen, dass die seltsamen, in Stein gemeißelten Löcher einst Dinosaurier auf ihren prähistorischen Spaziergängen im Schlamm hinterließen. Weil das für Laien trotz möglicherweise großer Fantasie und Kreativität nicht ganz einfach ist, werden Wanderungen und Trekkingtouren mit fachlicher Bergführung angeboten.

Die Mutter aller Echsen

Das "Dolomythos"-Museum in Innichen sollte man nicht verpassen.
Das "Dolomythos"-Museum in Innichen sollte man nicht verpassen.(Foto: ©Driesner)

Vor reichlich 30 Jahren entdeckte Vittorino Cazzetta die ersten Dinosaurier-Spuren in den Dolomiten; den bislang letzten spektakulären Fund machte 1999 Michael Wachtler: Er fand ein relativ gut erhaltenes Reptilienskelett. Diese kleine Echse, zu Ehren Wachtlers "Megachirella wachtleri" benannt, ist der Urahn von Schlangen, Eidechsen, Geckos und Leguanen und sollte ihr Geheimnis erst 19 Jahre nach ihrer Entdeckung preisgeben, nämlich Anfang dieses Jahres: Bisher wurde das Fossil auf ein Alter von 170 Millionen Jahren datiert. Doch ein internationales paläontologisches Forscherteam an der kanadischen Universität Alberta hat nun dank neuer Untersuchungsmethoden die Urechse genauer bestimmt: Sie ist über 240 Millionen Jahre alt – und damit das älteste Reptil der Welt.

"Megachirella wachtleri" erweist sich nun als der "missing link" für die Erforschung, wie sich Schlangen und Eidechsen während der Jahrmillionen entwickelt haben. Die Sensation war so überraschend, dass Ende Mai weltweit Medien darüber berichteten und Michael Wachtler über seine Südtiroler Heimat hinaus bekannt machten. Das Fachmagazin "Nature" widmete "Megachirella wachtleri" eine Titelseite und veröffentlichte die Studie der Wissenschaftler, die herausfanden, dass es sich bei dem Fossil um ein Schuppenkriechtier und nicht wie bisher angenommen um eine Schuppenechse handelt. Wie die italienische Nachrichtenagentur Ansa schrieb, könnte der Fund Erkenntnisse über Schlangen, Eidechsen und andere kleine Reptilien, die heute existieren, völlig revolutionieren, weil deren Entstehung um mindestens 75 Millionen Jahre zurückdatiert werden muss. Das Fossil deute darauf hin, dass es erste Exemplare bereit vor 255 Millionen Jahren gab - damit hätten die Tiere das größte Massenaussterben in der Erdgeschichte überlebt.

Der aus Innichen stammende 59-jährige Michael Wachtler entdeckte noch viele andere Fossilien, diverse Kristalle und neue Pflanzenarten – und die größten neuzeitlichen Goldfunde der Alpen. Im Wachtler-Museum "Dolomythos", sehr schön in der Fußgängerzone in Innichen gelegen, fühlen wir uns ein bisschen wie in "Jurassic Park". Da stehen originalgetreue Nachbildungen der Dinos herum, sind viele Original-Fundstücke in Vitrinen und Schaukästen zu bewundern. Eine etwas genervte junge Mutter, die sich offensichtlich mehr um die Ausstellungsstücke als um ihre quirligen beiden Kinder sorgt, atmet erleichtert auf, als sie das "Schatzgräberfeld" entdeckt: In dem großen Sandkasten sind Versteinerungen und Edelsteine oder auch Haifischzähne vergraben. Sogar echtes Gold soll drin sein! Im Nu sind die kleinen Hobby-Archäologen am Buddeln. Laut Schild darf jedes Kind zwei Fundstücke mit nach Hause nehmen. Das lockt ungemein! 30.000 bis 40.000 Besucher erfreuen sich jährlich an den Ausstellungsstücken im "Dolomythos". Auch Tina und ich sind begeistert und lernen eine Menge Wissenswertes in Filmen über die Entstehung der Dolomiten und die Dinosaurier der Alpen. Andere Filme erzählen über den Krieg in den Bergen, über die Heilkräfte der Natur oder die Sagen der Dolomiten.

Wenn die Alpen glühen

Auch wenn man noch so oft Urlaub macht in den Dolomiten und eine Unmenge an Eindrücken in sich aufnimmt – es ist doch immer nur ein kleines Stück dieser fantastischen Bergwelt. Dolomiten sind nicht gleich Dolomiten; sie bestehen aus neun großen und kleineren Berggruppen, die alle mit Eigenheiten und Schönheiten überraschen, sei es die Marmolata als höchster Berg (3342 Meter) und zugleich letzter Gletscher der Dolomiten, der Seekofel mit dem Pragser Wildsee oder "meine" Sextner Dolomiten mit dem Naturpark "Drei Zinnen", seit 2009 UNESCO-Welterbe. Die Dolomiten erstrecken sich über insgesamt fünf italienische Provinzen: Belluno, Pordenone, Udine, Trient sowie die Autonome Provinz Bozen-Südtirol. Drei Sprachen werden hier miteinander verbunden - Italienisch, Deutsch und Ladinisch. Das Ladinische ist eine alte Sprache, die vor 2000 Jahren aus dem Rätischen und Volkslatein entstanden ist, und heute nur noch in fünf Tälern rund ums Sellamassiv gesprochen wird - und außerdem in jedem Tal ein bisschen anders. Seit Inkrafttreten der erweiterten Autonomie 1972 für Südtirol wird allerdings eine Menge zur Sprachpflege getan. Im Grödner- und im Gadertal zum Beispiel ist Ladinisch neben Italienisch und Deutsch dritte Amtssprache.

Almenrausch: Wenn die Alpenrosen, eine Azaleenart, blühen, schimmern die Hänge rosa.
Almenrausch: Wenn die Alpenrosen, eine Azaleenart, blühen, schimmern die Hänge rosa.(Foto: ©Driesner)

Im 18. Jahrhundert hießen die Dolomiten noch die "Bleichen Berge" wegen ihrer fahlen Färbung durch das Kalkgestein; ihren neuen Namen haben sie dem französischen Geologen Déodat de Dolomieu zu verdanken, der das Gestein 1789 beschrieb. Diesen Kalkalpen ist ein besonderes Lichtspiel im Wechsel des Sonnenlichts eigen, das Tina und ich fast täglich von unserem Hotel-Balkon aus bewundern: Die bleichen Berge nehmen durch die auf- oder untergehende Sonne eine intensive Rosa- bis Rotfärbung an, die schon seit Jahrhunderten die Menschen in ihren Bann zieht und von den Ladinern "Enrosadira" genannt wird. Nur wenige Minuten dauert dieses Wunder an – man darf es nicht verpassen!

Glückliche Kühe an der Klammbachalmhütte.
Glückliche Kühe an der Klammbachalmhütte.(Foto: ©Driesner)

Unser Urlaub dauert zum Glück länger als das Alpenglühen, doch auch 16 Tage sind einmal vorbei. Wir sind mehr oder minder steile Bergpfade rauf- und runtergeklettert, haben sanfte Kühe auf sattgrünen Wiesen bestaunt und eine Menge über Milch und Käse in der Toblacher Schaukäserei erfahren, haben unzählige seltene Blumen bewundert und fotografiert, Südtiroler Speck und Wein und viele andere Genüsse in ausreichender Menge geschluckt und für zu Hause gekauft, haben in Museen und in Boutiquen gestöbert, viel Sonne, manchmal Regen und auch Hagel überstanden, tief und fest geschlafen und niemals Pflaster oder Kopfschmerztabletten gebraucht.

Verschnaufen bei Markus Holzer an der "Jora"-Hütte - bevor die hungrigen Wanderer kommen.
Verschnaufen bei Markus Holzer an der "Jora"-Hütte - bevor die hungrigen Wanderer kommen.(Foto: ©Driesner)

Wir haben überall liebenswerte Menschen kennengelernt und ihrer oft schweren Arbeit Achtung entgegengebracht. Ein letztes Mal laufen wir ein Stück den "Haunold" hoch bis zur "Jora"-Hütte von Markus Holzer, der inzwischen sein drittes Buch veröffentlicht und dessen Frau Johanna den dritten Sohn bekommen hat. Das nenne ich mal eine fruchtbare Arbeitsteilung! Dann heißt es Abschied nehmen von unserem Wander-, Bike-, Wellness- und Gourmethotel "Leitlhof" (im Winter auch noch Skihotel)  – natürlich mit einer regionalen Spezialität: Schlutzkrapfen. Es gibt eine Unmenge dieser gefüllten Nudeln in Süd- und Osttirol sowie im benachbarten Kärnten, und je nach verwendeten Mehlsorten, Füllungen, Formen oder Region heißen sie Kasnudeln, Schlickkrapfen, Schlipfkrapfen oder Schlutzkrapfen. Schon um 1485 berichtete Paolo Santonino, Kanzleichef  beim Patriarchen von Aquileia, über seine Reisen durch das Tal der Drau über die von "fleißigen Frauen gefertigten Teigwerke mit schmackhaftem Inhalte". Diese ziemlich sättigenden Teigtaschen waren viele Jahre in der feinen Küche als zu bäuerlich verpönt, heute haben sie die Genusswelt längst wieder erobert.

Südtiroler Schlutzkrapfen

Zubereitungszeit: 60 Minuten
Garzeit: 3 bis 4 Minuten

Zubereitung:

Zutaten (4 Pers):

Teig:
150 g Roggenmehl
100 g Weizenmehl
1 Ei
50-60 ml lauwarmes Wasser
1 EL Öl
Salz
Füllung:
150 g gekochter Spinat (ca. 300 g frischer)
50 g Zwiebel
½ Knoblauchzehe
1 EL Butter
100 g Topfen (Quark)
1 EL Parmesan, gerieben
1 EL Schnittlauch
1 Msp. Muskatnuss
Pfeffer aus der Mühle
Salz
Außerdem:
Geriebener Parmesan, braune Butter, Schnittlauchröllchen

Die beiden Mehlsorten vermischen, kranzförmig auf ein Nudelbrett geben und salzen. Das Ei mit lauwarmem Wasser und dem Öl verquirlen, in die Mitte des Mehlkranzes gießen und von innen nach außen zu einem glatten Teig verkneten. Den Teig zugedeckt 30 Minuten ruhen lassen.

Den Spinat fein hacken, Zwiebel und Knoblauch in der Butter dünsten, Spinat hinzugeben und etwas auskühlen lassen. Den Topfen, Parmesan und Schnittlauch dazugeben und mit Muskatnuss, Salz und Pfeffer würzen und gut verrühren.

Den Teig mit der Nudelmaschine dünn austreiben. Den Teig möglichst schnell verarbeiten, damit er nicht austrocknet. Mit einem runden, glatten Ausstecher Blätter von etwa 7 cm Durchmesser ausstechen. Die Füllung mit einem kleinen Löffel in die Mitte geben. Den Rand mit Wasser anfeuchten und den Teil halbmondförmig zusammenfalten. Sofort mit den Fingern die Ränder andrücken.

Die Schlutzkrapfen in Salzwasser kochen und anrichten. Mit Parmesan bestreuen und mit brauner Butter und Schnittlauch servieren.

Guten Appetit und einen schönen Urlaub wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Teil 1: Von Berlin nach Südtirol

Teil2: Wie die Hanghühner

Quelle: n-tv.de