Leben
Wer noch nie in Südtirol war, hat was verpasst: Die Dolomiten sind an Schönheit kaum zu übertreffen.
Wer noch nie in Südtirol war, hat was verpasst: Die Dolomiten sind an Schönheit kaum zu übertreffen.(Foto: © Driesner)
Samstag, 07. Juli 2018

Die Gipfel der Genüsse (1): Von Berlin nach Südtirol

Von Heidi Driesner

Wer von Deutschland mit dem Auto in seinen Italienurlaub fährt, brettert meist auf der Autobahn über die österreichisch-italienische Staatsgrenze am Brenner bergab und verpasst eines der schönsten Fleckchen Erde. Schade, denn es geht auch anders.

Seit mich der Südtiroler TV-Koch Markus Holzer in seine Heimat "gelockt" hat, sind die Dolomiten mein Urlaubs-Traumziel. Lässt sich zwar nicht jedes Jahr verwirklichen, aber 2018 war es endlich wieder so weit: Innichen im Pustertal - ich komme! Weil allein verreisen langweilig ist, habe ich meine Schulfreundin Tina überredet, mitzukommen. War aber nicht so schwer! Wir haben von der dritten Klasse bis zum Abitur gemeinsam die Schulbank gedrückt, sehen uns aber heutzutage durch die räumliche Trennung eher selten. Sie verdrehen jetzt sicher die Augen, weil Sie sich vorstellen können, was da für ein Gequassel im Auto losgegangen ist. Stimmt schon, war aber lustig, doch manchmal war Tina ganz still und ein bisschen blass um die Nase. Und das kam so.

Der "Murtalerhof" in Stadl ist beliebt bei Bikern und Autotouristen.
Der "Murtalerhof" in Stadl ist beliebt bei Bikern und Autotouristen.(Foto: © Driesner)

Startpunkt meiner Reise ist Berlin, in Dresden gabele ich Tina auf. In diesem Jahr will ich nicht wie bisher über den Brenner fahren, sondern über die Tauernautobahn bis in die Steiermark. Im Nachhinein stellt sich das als die viel schönere Strecke heraus, die außerdem mäßiger befahren ist. Wir wollen nämlich in Stadl an der Mur bei Hansi im "Murtalerhof" übernachten, denn schließlich sind wir nicht auf der Flucht, sondern im Urlaub. Warum also die ganze Strecke von Berlin bis Innichen in einem Ritt erledigen, wenn es mit einem kleinen Umweg auch anders geht? Bei Hans Lassacher jr., seiner Schwester Katrin und dem ganzen Team vom "Murtalerhof" sind wir gern gesehene Gäste und genießen die vorzügliche Wildküche. Auch das Murauer Bier ist lecker, schmeckt nicht nur mir, sondern auch etlichen Bikern und einer Rentnertruppe. Tina bleibt beim Weißwein, ist in Österreich aber immer auf der Suche nach Marillenbrand – "nur zum Verschenken". Na klar! Nach der langen Autofahrt ist Beine vertreten angesagt und so pilgern wir durchs Dorf, finden ein Schild mit "Urlaub auf dem Bauernhof" und verheißungsvollen Verkaufsangeboten für Brot, Speck, Wurst, Säften – und Edelbrand bei Paul Pichler. Ab gehts in den Keller; Tina und ich verkosten und verkosten ... Paul kostet mit. Um es abzukürzen: Wir haben den Weg zurück wieder gefunden (es waren nur ein paar hundert Meter), mit allerhand Flaschen kostbaren Inhalts beladen, bei strömendem Regen und trotzdem kichernd. Die Marillen und Zwetschgen in den verschlossenen (!!!) Flaschen haben übrigens den Urlaub überlebt. Sind ja auch alles Geschenke ...

Das "Wildererpfandl" im "Murtalerhof" stellt uns am Abend wieder her. Wir sinken in die Betten, umgeben von viel Zirbenholz und frischer Bergluft. Obwohl der "Murtalerhof" zentral in der Ortschaft und direkt am Murradweg liegt, umfangen uns Ruhe und ländliche Idylle. Dieser Radweg gilt als einer der schönsten Fluss-Radwanderwege Österreichs. Er beginnt dort, wo die Mur ihren Ursprung hat, im Nationalpark Hohe Tauern im Salzburger Lungau, und endet im steierischen Wein- und Thermenland bei Bad Radkersburg. Wohlgemerkt: Hier wird geradelt; Mountainbiker rümpfen natürlich die Nase über ausgebaute Radwege.

Durch die Gurktaler Alpen gegurkt

Wir fahren nicht nur Serpentinen rauf und runter, sondern auch durch liebliche Täler.
Wir fahren nicht nur Serpentinen rauf und runter, sondern auch durch liebliche Täler.(Foto: © Driesner)

Am nächsten Morgen nehmen wir nach einem ausgiebigen Frühstück Abschied von Stadl und den Lassachers und machen uns auf den Weg nach Italien. Ist nicht mehr weit, knapp 200 Kilometer. Wir nehmen uns also Zeit und beherzigen den Tipp, den Weg durch die Gurktaler Alpen zu nehmen und über die Turracher Höhe zu fahren. Der Alpenpass zwischen der Steiermark und Kärnten ist nicht allzu hoch, nur 1783 Meter, aber hübsch anzusehen. Am mittendrin gelegenen See lässt es sich gut verschnaufen. Tina und ich lassen für ein Stündchen die Seele baumeln. Die Gegend mit etlichen Hotels für große und kleine Geldbeutel, urigen Hütten und eleganten Chalets ist vermutlich zu Ferienzeiten recht überlaufen, doch Anfang Juni ist hier auf dem Hochplateau alles noch sehr ruhig; nur ab und zu knattern Biker auf der gut ausgebauten Asphaltstraße vorbei. Überhaupt: Es sind mehr Motorradfahrer unterwegs als Autofahrer, mal in überschaubarer Zahl, mal in ziemlich großen und daher langgezogenen Gruppen.

Viele Hotels auf dem Hochplateau der Turracher Höhe stehen in Seenähe.
Viele Hotels auf dem Hochplateau der Turracher Höhe stehen in Seenähe.(Foto: © Driesner)

Vor allem im Winter dürfte die Turracher Höhe gefragt sein, denn dank ihrer Höhenlage zählt sie zu den schneesichersten Skigebieten Österreichs. 14 Lifte bringen die Mutigen hoch zu den zahlreichen Abfahrten an den bis zu 2400 Meter hohen Bergen. Die Pisten erstrecken sich über 43 Kilometer. Kulinarische Genüsse, für die die Turracher Höhe ebenfalls gerühmt wird, müssen wir uns versagen: Wir sind noch satt vom Frühstück im "Murtalerhof"! Auch die Wanderschuhe bleiben unausgepackt, obwohl die Wälder ringsum ziemlich verlockend sind: Die Turracher Höhe zählt zu den größten geschlossenen Zirbenwaldflächen Österreichs. Aber wir wollen ja noch weiter - und zwar am besten abseits der Autobahnen: Gegend gucken! Auf der Straßenkarte finde ich eine dünn eingezeichnete Straße durch das Gail- und das Lesachtal. Super! Wir erhoffen uns beschauliches Fahren entlang eines Flüsschens namens Gail. Erst einmal aber verfahren wir uns heillos um Villach herum: Navi und Straßenschilder wollen uns ständig auf irgendwelche Autobahnen zwingen, was wir ja nicht wollen. Auf der Suche nach Nebenstraßen Richtung Italien weist irgendwann ein Schild darauf hin, dass es hier nach Slowenien geht.

Geil! Aber wo ist das Gailtal?

An einer unscheinbaren Abzweigung finden wir dann tatsächlich die richtige Straße nach Sillian in Osttirol, dem letzten österreichischen Ort vor dem italienischen Südtirol. Aber von wegen Tal! In relativ konstanter Steigung schraubt sich mein C3 in etlichen, teils ziemlich engen Kehren die Serpentinen rauf - und irgendwann so ähnlich wieder runter, dann wieder bergauf, nur um erneut bergab zu rollen. Es ist alles dabei - von zwei Spurbreiten bis nur zu einer Autobreite, von guter Straßensicht bis zur Hoffnung, es möge jetzt keiner um die Felsecke biegen! Das ist die Stelle, an der Tina jegliche Kommunikation einstellt. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Schulfreundin inzwischen nicht bedauert, sich auf das Abenteuer mit mir eingelassen zu haben. Im Unterschied zu ihr liebe ich Bergfahrten, doch meine letzte Hochgebirgsfahrt am Steuer eines Autos ist nun auch schon eine Weile her. (Dafür zeigt Tina mir später beim Wandern, was eine Harke ist.) Aber auf meine "Citrone" ist Verlass, auf mich natürlich auch, und so atmet Tina zum Glück weiter. Zumal zwischen den Abschnitten "fernab jeglicher Zivilisation" immer wieder kleine Bergdörfer auftauchen. Als wir wirklich unten sind und Sillian erreichen, meint Tina leise aufatmend: "Ist eigentlich eine sehr schöne Gegend." Und das stimmt, ich kann diese Strecke nur empfehlen! Es macht Spaß, ich werde sie wieder fahren (ohne den Irrweg um Villach herum), aber das nächste Mal mache ich Rast in mindestens einer der einladenden Dorfgaststätten. Und Essen und Trinken sind ja hierzulande immer wieder wahre Genüsse; für Autofahrer natürlich ohne "Marillenbrand". Dass man hier in den kleinen Dörfern auch Urlaub machen kann, verkünden viele Schilder mit Hinweisen auf Höfe oder Pensionen. Inzwischen weiß ich, dass wir offenbar auf der Karnischen Dolomitenstraße, der österreichischen Bundesstraße 111, gefahren sind. Vermutlich brauche ich mal 'ne neue Straßenkarte!

Der erste Blick von unserem Hotelbalkon auf Innichen und ein paar Dolomiten-Berge.
Der erste Blick von unserem Hotelbalkon auf Innichen und ein paar Dolomiten-Berge.(Foto: © Driesner)

Von Sillian ist es nur noch ein Katzensprung bis nach Innichen, unserem Urlaubsziel. Wir kommen zur besten Zeit im "Leitlhof" an: Marende! Denn inzwischen haben wir auch richtig Hunger. Die Südtiroler Marende, eine herzhafte Jause am Nachmittag, besteht traditionell aus Südtiroler Speck, Schüttelbrot und einem Glas Wein. Im Vier-Sterne-Superior-Hotel "Leitlhof" ist der Imbiss zwischen 15 und 17 Uhr reichhaltiger, denn da stehen auch noch Pizza, Käse, diverse Salate und süße Sachen auf dem Buffet. Der echte Südtiroler isst fünf Mal am Tag: Frühstück, Neindern (um 9 Uhr), Mittagessen, Marende und Abendbrot. Geschuldet ist das der körperlich anstrengenden Arbeit der Bergbauern, die schon vor 5 Uhr im Stall sind und erst am Abend vom Feld kommen.

Auch abends schön anzusehen: Der Leitlhof ist das einzige Hotel in Innichen in Hanglage.
Auch abends schön anzusehen: Der Leitlhof ist das einzige Hotel in Innichen in Hanglage.(Foto: © Driesner)

Wir dagegen packen nur die Koffer aus, paddeln durch den Pool mit herrlichem Panoramablick - und freuen uns auf das erste Abendmenü im Hotelrestaurant. So wie sich die Südtiroler Landschaft alpin und mediterran zugleich präsentiert, vereint die Küche hier das Beste beider Kulturen: Leichtes und Deftiges ergänzen sich vortrefflich. Vom "Leitlhof"-Küchenchef Hermann Patzleiner habe ich Ihnen ein Knödelrezept mitgebracht. Geknödelt wird immer in Südtirol, denn keine Spezialität dieses Landstrichs ist so vielseitig wie Knödel. Es gibt sie als Vorspeise in einer kräftigen Fleischbrühe, als Hauptspeise zu Kraut, als Beilage zu Braten oder als süßes Dessert. Ganz Clevere bringen sich Pilz-, Speck- und andere Knödel vakuumverpackt aus dem Urlaub mit.

Südtiroler Speckknödel

Zubereitungszeit: 45 Minuten
Garzeit: 20 Minuten

Zubereitung:

Zutaten (4 Pers):

150 g schnittfestes Weißbrot oder Knödelbrot
40 g Zwiebel
1 EL Butter
80 g Südtiroler Speck, in feine Würfel geschnitten
2 Eier
2 EL Mehl
100 ml Milch
1 EL Petersilie oder Schnittlauch, fein geschnitten
Salz
1 EL Schnittlauch, fein geschnitten
2 l Fleischsuppe

Das Weißbrot in kleine Würfel schneiden. Die in feine Würfel geschnittene Zwiebel in Butter dünsten, über das Brot geben und vermischen. Das Mehl und den Speck untermengen. Die Eier, die Milch, die Petersilie und das Salz verrühren, über das Brot geben und alles gut vermengen. Die Masse ca. 15 Minuten ziehen lassen, Knödel formen und im Salzwasser halb zugedeckt sieden lassen. Die Speckknödel in einer kräftigen Fleischsuppe servieren und mit Schnittlauch bestreuen.

Mein Tipp: Wer keinen Südtiroler Speck hat, nimmt einen anderen mild geräucherten Rohschinken.

Viel Spaß wünscht Ihnen Heidi Driesner. Und verpassen Sie Südtirol nicht!

Teil 2: Wie die Hanghühner

Teil 3: Teigwerke mit schmackhaftem Inhalt

Quelle: n-tv.de