Essen und Trinken

Umdenken lohnt sich Wir entscheiden auf dem Teller

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Seit 20 Jahren basteln Catherine King und Wayne Adams an ihrem schwimmenden Traumhaus mit Garten und Tanzfläche.

(Foto: © Taehoon Kim, Raus aufs Land, Gestalten 2018)

Urban Gardening in New York City, Selbstversorgung in Schweden, Bio-Bienen in der Fränkischen Schweiz und glückliche Schweine in Potsdam - dahinter stehen Menschen mit Ideen und Leidenschaft. Ihre Rezepte und Geschichten machen Lust auf Selbstversuche.

Bin ich geworden, was ich immer werden wollte? Und vor allem: Bin ich glücklich damit? Irgendwann im Leben fragt sich das wohl jeder. Die Gründe, etwas Neues, anderes beginnen zu wollen, sind vielfältig: die eigene Unzufriedenheit, die Kinder sind aus dem Haus, Krankheit oder ein Schicksalsschlag. Nicht immer folgt der Fragestellung die Tat, denn zum Loslassen gehört eine ganze Menge Mut. Wer es wagt, ist nicht immer erfolgreich. Mal fehlt das Geld, mal die Erfahrung oder das Durchhaltevermögen; Bürokratie oder Katastrophen werden zu Stolpersteinen. Die TV-Programme sind voll mit Sendungen über Aussteiger, gern gesehen vor allem von jenen, bei denen der Wunsch, aus der Reihe zu tanzen, ein Traum geblieben ist. Man muss aber nicht auswandern, um "anders" zu werden. Manchmal genügt ein Schritt, ein Umdenken.

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Raus aufs Land: Das neue Landleben
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Da wird der Fleischesser zum Vegetarier oder Veganer, der konventionelle Landwirt zum Bio-Bauern oder der Stadtmensch hat die Nase voll vom Beton und zieht aufs Dorf. Das Buch "Raus aufs Land" zeigt solche Menschen, die ihre Lebensentwürfe aus diesem Grund umkrempeln: bewusster essen und nachhaltiger leben. Die Frage nach der Herkunft unserer Nahrungsmittel lässt sie ihren Traum von der Selbstversorgung  verwirklichen. Sie alle eint der Wunsch, mitten in der Natur und im Wechsel der Jahreszeiten zu leben, Lebensmittel selbst zu ernten und vom Acker auf ihren und unseren Tisch zu bringen.

Nestwarme Hühnereier, üppige Beete, eingemachtes Obst und Gemüse, duftendes Brot – selber machen macht mehr Spaß als selber zu kaufen. Und wer seinen Traum nicht "im Großen" verwirklichen kann, der zieht Tomaten auf dem Balkon oder kämpft um einen Schrebergarten am Rande der Stadt. Mitunter wird noch über die Besitzer dieser kleinen Parzellen die Nase gerümpft – ich schätze mal, darunter sind all jene, die bisher keinen Garten abbekommen haben. In Berlin stehen über 14.000 Bewerber auf den Wartelisten der reichlich 700 Gartenvereine – und warten jahrelang auf ein Stückchen Grün. Die neue "Generation Kleingarten" hat längst den Ruf des Spießigen verloren: Die da heute in der Erde buddeln sind jünger, gebildeter und wohlhabender als die Kleingärtner vergangener Jahrzehnte.

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Cecilie Dawes erzählt in "Raus aufs Land", wie und warum Food Studio gegründet wurde.

(Foto: ©Sebastian Dahl, Raus aufs Land, Gestalten 2018)

256 Seiten in "Raus aufs Land" dokumentieren, wie sich der Traum vom einfachen Leben in und mit der Natur verwirklichen lässt. Wenn auch die wunderschönen Bilder Sehnsucht nach Idylle wecken – ein solches Leben ist kein "Urlaub auf dem Bauernhof". Hier hat der Schäfer nicht nur "Stündchen" (sie seien ihm aber gegönnt), sondern vor allem Arbeit. Auch darüber berichtet das überaus inspirierende Buch, über Leidenschaft und Einsatz vom südafrikanischen Cape Point bis Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern.

Erschienen ist "Raus aufs Land" im Berliner Die Gestalten Verlag und hat nicht von ungefähr den Untertitel "Vom Bauernhof auf den Tisch". Mitherausgeberin Cecilie Dawes ist Botschafterin für nachhaltige Ernährung und Gründerin von Food Studio -  einer immer größer werdenden Community in Norwegen, die sich unter dem Motto "Food Empathy" für einen bewussteren Umgang mit unseren Lebensmitteln und der Umwelt einsetzt. "Als Verbraucher bekommen wir die Folgen unseres Verhaltens oft genug zu spüren", schreibt Dawes im Vorwort. "Aber nur wenige machen sich klar, dass wir den größten Einfluss mit den Entscheidungen haben, die wir Tag für Tag auf unserem Teller treffen."

Schlemmerkommune und schwimmendes Traumhaus

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Molly Peterson will, dass wir neu über unseren Fleischkonsum nachdenken.

(Foto: © Mike und Molly Peterson, Raus aufs Land, Gestalten 2018)

Die Gemeinschaft Gleichgesinnter ist längst dabei, eine weltweite Bewegung zu werden, die Großmütter und junge Bauern, Imker und Algensammler, Köche und Bäcker, Food-Aktivisten und Blumenzüchter vereint. Sie erzählen in "Raus aufs Land" ihre teils ungewöhnlichen Geschichten. Allein die Aufzählung, aus welchen Ländern die Protagonisten kommen, macht neugierig: Norwegen, Schweden, Italien, Deutschland, Schweiz, Österreich, Belgien, Großbritannien, Thailand, Südafrika, USA, Australien und  Kanada. "Tausche Air Force gegen Alpakafarm", sagte Alvina Maynard vor ein paar Jahren und aus der Soldatin wird eine leidenschaftliche Vertreterin der Slow-Fashion-Bewegung in Kentucky. Pelle und Linnéa Holst verlieben sich in eine halb verfallene Hütte von 1832 und schaffen es mit wenig Eigenkapital und großzügiger Unterstützung von Freunden und Familie, daraus einen Hof mit Obst, Gemüse und Beeren zu machen. Inzwischen weiß schon ihre dreijährige Tochter, welche Pilze man essen darf.

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Auch ein Rezept für hausgemachten Ziegenkäse gibt es im Buch.

(Foto: ©Sunny Forest/stock.adobe.com, Raus aufs Land, Gestalten 2018)

Der Belgier Stefaan Hancke bewahrt als Pferdefischer eine vom Aussterben bedrohte Tradition an der Nordseeküste. Seit 2013 gehört diese Art des Krabbenfangs zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe. In Australien tauschen Iain und Kate Field Schreibtisch und Arztkoffer gegen eine Farm mit 100 Kaschmirziegen auf Tasmanien. Mike und Molly Peterson bewirtschaften erfolgreich die Heritage Hollow Farms im US-Bundesstaat Virginia und erinnern sich an ihre Anfänge: "Wir waren selbst überrascht, dass wir auf einmal Landwirte waren." Mette Helbæk und Flemming Hansen ziehen 2016 in den Wald an das Ufer des Sees Halla in Südschweden und schaffen mit "Stedsans in the Woods" eine Schlemmerkommune. In der Küche ohne Strom wird gekocht, was im Permakulturgarten wächst oder im Wald gesammelt wird. Ein reiner Selbstversorgungshof ist Stedsans nicht, das ist nicht nur in Schweden kaum möglich. Denn sonst müsste man auf Kaffee, Schokolade und Wein verzichten.

Die wohl abgefahrenste Idee setzt das Künstlerehepaar Catherine King und Wayne Adams um: Die Kanadier bauen ein schwimmendes Haus aus Treibgut, in dem sie bis heute völlig autark und im Einklang mit der Natur in der Cypress Bay leben. Ihr Traumhaus hat alles, was sie dazu brauchen: Garten und Gewächshaus, Räucherei und Leuchtturm. Sonnenkollektoren liefern Strom. Selbst eine Tanzfläche vor dem Haupthäuschen fehlt nicht.

Gesicht zeigen

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Wer bei "Meine kleine Farm" kauft, weiß, welches Tier im Glas steckt.

(Foto: ©Marcus Werner, Raus aufs Land, Gestalten 2018)

Insgesamt 41 Unternehmungen werden vorgestellt, die alle uns und unseren Planeten ein bisschen entlasten und gesünder machen wollen, davon sieben aus dem deutschen Sprachraum. Da ist das Berliner Startup "Meine kleine Farm", mit dem Dennis Buchmann und seine Mitstreiter für ethische Tierhaltung und ein respektvolles Miteinander kämpfen. Ihre Botschaft ist so schlicht wie eindrucksvoll: Iss weniger Fleisch, und dieses mit Respekt! Deshalb ist zum Beispiel auf den Wurstgläsern das Gesicht des dafür geschlachteten Tieres zu sehen. Außerdem informiert das Etikett über den jeweiligen Zuchthof und den Ort der Schlachtung. Sehr zu empfehlen ist auch die Website. Ich bin ein ganzes Stück schlauer geworden, hatte als Berlinerin noch nichts von dieser Online-Metzgerei gehört und kann sogar meine Bestellung persönlich vor Ort abholen. Wenn das nichts ist!

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Würde statt Stall: Im Potsdamer SauenHain leben die Schweine das ganze Jahr im Freien.

(Foto: ©Potsdamer Sauenhain, Raus aufs Land, Gestalten 2018)

Eine ähnliche "Sauerei" macht sich in der brandenburgischen Landeshauptstadt breit. Auf den rund zehn Hektar des Potsdamer SauenHains suhlen sich glückliche Schweine im Schlamm oder wuseln durchs wilde Grün, haben noch nie einen Stall von innen gesehen. Herren über dieses Bilderbuchszenario sind Axel Penndorf und Clemens Strohmeyer, die 2015 ihren 9-to-5-Job gegen Wind und Wetter eingetauscht haben. Das besonders hochwertige Fleisch verkauft der SauenHain im eigenen Online-Shop.

In Gräfenberg in der Fränkischen Schweiz erfüllt sich Michael Mutscher seinen Traum von einem maximalen grünen Lifestyle: Er legt sich ein paar Bienenvölker zu und aus dem gelernten Gärtner wird ein Bio-Imker. Mutscher weiß sein Glück zu schätzen: Der Naturpark Fränkische Schweiz gehört zu den wenigen Regionen, wo der Honig für seine Reinheit das begehrte Biozertifikat verliehen bekommt. Was dem Mutscher seine Bienen, das sind dem Wölfel seine Kirschen. Die Obstgärten von Friedrich Wölfel liegen 30 Kilometer nordöstlich von Nürnberg. Wölfels Leidenschaft gilt der Süßkirsche und er ist dabei auf ganzer Linie mit den Mönchen des Benediktinerklosters Weißenohe, die im 11. Jahrhundert den Grundstein zur langen Tradition des Obstanbaus in der Region legten. Auch Friedrich Wölfel steigt noch höchstpersönlich mit einem Korb bewaffnet in die Äste.

Einfach mit Anspruch

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Der Familienbetrieb "Forsthaus Strelitz" punktet mit Zutaten aus Garten, Wiese, Wald und See.

(Foto: ©Daniel Cramer, Raus aufs Land, Gestalten 2018)

"Eine spezielle Philosophie haben wir nicht", sagt Wenzel Pankratz aus Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern. "Wir arbeiten einfach mit dem, was wir haben." Dieses Credo ist anspruchsvoller als es klingt. Die einfachen Zutaten des Küchenchefs stammen alle aus der unmittelbaren Umgebung seines Hofrestaurants "Forsthaus Strelitz". Im Garten gedeihen Kräuter, Gemüse und Obst. Auf dem Hof leben Hühner, Schafe, Enten, Schweine, Gänse und Bienen. Gäste natürlich auch; denen stehen acht Schlafgemächer in der umgebauten Scheune zur Verfügung. Was Pankratz nicht selbst anbauen oder züchten kann, kommt von einer Handvoll Erzeuger in der Nachbarschaft. Der Mann mit dem Rauschebart gehört zu den führenden Köpfen der "Naturköche", einer Bewegung junger Köche in Deutschland, die bewusst unkompliziert kochen, um die saisonalen und regionalen Besonderheiten ihrer Zutaten gebührend zu zelebrieren.

Aus Österreich wird in "Raus aufs Land" Milchbauer Alois Mauracher vorgestellt. Seine Kühe grasen auf der Mannerstätter Alm in Tirol; Wildkräuter und Bergluft schenken der Milch und dem Käse daraus einen außergewöhnlich guten Geschmack. Der Schweizer Bruno Augsburger wiederum ist nicht nur passionierter Pilzsammler, sondern auch Fotograf. Und so bannt er Pilze und Wildnis auf seinen Reisen durch Schottland, Island, Kanada und Alaska auf Bilder. 

In "Raus aufs Land" gibt es auch etliche Rezepte zum Nachmachen, sogar hausgemachte Butter und Ziegenkäse. Und falls Sie noch nicht Ihr "wildes Paradies" gefunden haben: Die Rezepte funktionieren auch in einer Großstadt-Küche. 

Bulgursalat mit frischen Kräutern von Stephen Barber

Zutaten für 4 Personen:

1 Tasse Bulgur (Weizenschrot)
2 Zweige frischer Rosmarin
2 Zweige frischer Thymian
abgeriebene Schale und Saft von 1 Zitrone oder Limette
3-4 gehackte Frühlingszwiebeln
1/4 Tasse gehackter Koriander
3/4 Tasse gehackte Minze
1/4 Tasse gehackter Schnittlauch
1/2 Tasse glatte Petersilie
1/8 Tasse getrocknete und gehackte Kirschen
1/8 Tasse Sultaninen
Kerne von 1 Granatapfel
1/4 Apfel, gewürfelt
30 ml plus ein Schuss gutes Olivenöl
Salz und frisch gemahlener Pfeffer zum Abschmecken

Zubereitung:

1. In einem mittelgroßen Kochtopf den Bulgur mit 2 Tassen Wasser sowie Rosmarin, Thymian, Salz und Pfeffer vermischen und zum Kochen bringen.

2. Die Hitze reduzieren und alles 15 - 20 Minuten leicht köcheln lassen, bis der Bulgur gar ist und das gesamte Wasser aufgenommen hat.

3. Die Kräuterzweige entfernen. Die abgeriebene Zitronen- oder Limettenschale und einen Spritzer Olivenöl zugeben und den Bulgur mit einer Gabel auflockern. Auf Zimmerntemperatur abkühlen lassen.

4. Anschließend den Bulgur zusammen mit den restlichen Kräutern, den Sultaninen, getrockneten Kirschen, Granatapfelkernen, Apfelwürfeln sowie dem Zitronen- oder Limettensaft in eine mittelgroße Schüssel geben und 30 ml Olivenöl unterrühren. 
Abschmecken und servieren.

Viel Spaß beim Lesen und Nachkochen wünscht Ihnen Heidi Driesner. Und wer weiß, vielleicht packt Sie ja auch die Sehnsucht nach dem "wilden Landleben"?

Quelle: ntv.de