Keine getrennten WeltenÄrztin verbindet Bund und Botox
Von Anna Kriller
Passen Krieg und Schönheit zusammen? Oder ist das eine sogar nötig, um die Freiheit für das andere zu haben? Militärmedizinerin Dr. Sophia Wilk-Vollmann kämpft sowohl an der Front als auch gegen Falten, vor allem aber für unsere Gesellschaft.
Als Soldatin im Krieg, als Oberärztin in der Notfallmedizin und als ästhetische Medizinerin in der eigenen Praxis: Was nach Gegensätzen klingt, ist für Dr. Sophia Wilk-Vollmann Alltag. Sie wechselt zwischen internationalen Einsätzen, Rettungswagen und Botoxbehandlungen in ihrer Praxis in Berlin. Doch statt Widersprüchen sieht sie vor allem Zusammenhänge. In ihrem Buch "Kampfzonen - Eine Militärärztin zwischen Krieg, Körper und Schönheit" erklärt Wilk-Vollmann, warum Bundeswehr und Botox keine Gegensätze sein müssen, hinterfragt gängige Schönheitsideale und verdeutlicht, wie schnell Menschen urteilen.
So passiere es der Medizinerin regelmäßig, dass ihre unterschiedlichen Arbeitsbereiche auf Irritation stoßen. "Im zivilen Umfeld glaubt man mir oft die Soldatin nicht, im militärischen Umfeld sorgt eher die ästhetische Medizin für Verwunderung", sagt Wilk-Vollmann im Interview mit ntv.de. Natürlich sei die Dringlichkeit bei einem Notfallpatienten eine andere als bei jemandem, der sich für eine Lippenkorrektur interessiere. Was diese Situationen aber verbinde, sei der Mensch dahinter, erklärt sie: "In beiden Fällen begegnen mir Menschen mit Bedürfnissen, Sorgen, Erwartungen oder Leid. Die Aufgabe als Ärztin besteht für mich darin, diese Menschen zunächst ernst zu nehmen, bevor ich beginne, ihre Beweggründe zu bewerten."
Die Notfallmedizin habe sie dabei gelehrt, wie verletzlich Menschen sein können. Die ästhetische Medizin hingegen, wie vorsichtig man mit Urteilen sein sollte. Genau das wünscht sie sich auch für den Umgang innerhalb der Gesellschaft miteinander. "Wir glauben zu wissen, welches Leiden legitim ist und welches nicht", erklärt Wilk-Vollmann. "Verständnis haben wir oft für die sichtbare Verletzung, für den Unfall oder die Kriegswunde. Schwieriger wird es bei den Dingen, die man nicht sehen kann: Scham, Einsamkeit, psychische Belastungen oder das Gefühl, sich im eigenen Körper fremd geworden zu sein."
"Unterschiedliche Kapitel derselben Geschichte"
Die Medizinerin erzählt in ihrem Buch darum Geschichten von Menschen, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben: Soldatinnen und Soldaten im Einsatzgebiet, Notfallpatienten und Menschen, die sich für eine ästhetische Behandlung entscheiden. "In allen drei Bereichen geht es um Verletzlichkeit und Identität", erklärt Wilk-Vollmann. "Als Notfallmedizinerin begegne ich Menschen in Ausnahmesituationen. Als Soldatin beschäftige ich mich mit der Frage, was wir als Gesellschaft schützen wollen. Und in der ästhetischen Medizin begegne ich Menschen oft an einem sehr sensiblen Punkt zwischen Selbstbild, Zugehörigkeit und dem Wunsch, mit sich selbst im Reinen zu sein."
Für sie selbst seien ihre verschiedenen Arbeitsgebiete darum nie ein Widerspruch. Sie erlauben ihr vielmehr, Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen zu begleiten und die Gesellschaft aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. "Die Notfallmedizin beschäftigt sich häufig mit dem Überleben. Die Bundeswehr mit dem Schutz der Rahmenbedingungen, die ein freies Leben ermöglichen. Und die ästhetische Medizin mit der Frage, wie Menschen dieses Leben erleben und gestalten möchten. Für mich sind das keine getrennten Welten, sondern unterschiedliche Kapitel derselben Geschichte."
"Kriege kämpfen wir für die Gelmodellage"
"Die spannendere Frage ist für mich deshalb nicht, warum eine Soldatin Botox spritzt, sondern warum wir glauben, dass das ein Widerspruch sein muss", sagt Wilk-Vollmann. Nehme man es nämlich genau, ist das Spritzen von Botox, die Möglichkeit dazu und auch, dass wir überhaupt darüber diskutieren können, ob ästhetische Medizin angebracht ist, nur die Folge davon, dass Menschen für die Freiheit unserer Gesellschaft kämpfen.
In Kriegsgebieten gebe es nur das Nötigste: In der Wüste "gibt es keine Auswahl, keine Bequemlichkeit, keinen Raum, über die Ethik deines Essens oder das Tierwohl nachzudenken. Du nimmst, was du bekommst. Weil Fleisch ein Luxusgut ist, isst du es, wenn du es angeboten bekommst", schreibt Wilk-Vollmann in ihrem Buch. Wieder in Deutschland "kommst du zurück in diese Gesellschaft des Überflusses. Alles ist verfügbar und steht in den übervollen Regalen zur Auswahl. Vegan, vegetarisch, Bio. Ich kann mich damit auseinandersetzen, weil ich nicht ums Überleben kämpfe. Die Spitze der moralischen Pyramide steht nur zur Diskussion, wenn die Basis erfüllt ist."
Selbst trägt Wilk-Vollmann als Soldatin übrigens keine manikürten Fingernägel, schreibt sie in ihrem Buch. "Mit Gelmodellage kämpfen sich keine Kriege, aber Kriege kämpfen wir für die Gelmodellage. Jeder Tag in den klobigen Tretern ist ein Tag für meine Vorstellung von Frau. Oder Frauen. Oder dem, was jeder gern sein möchte."
