Panorama

"Geht 'ne dicke Frau zum Arzt"Nicole Jäger über Fett, Furcht und Verständnis

25.04.2026, 16:14 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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Das Gewicht kann ein Problem sein. Muss aber nicht. (Foto: nj official)

Starkes Übergewicht ist gesundheitsgefährdend. Aber man wird nicht stark übergewichtig, weil alles super ist, das hat viele Ursachen. Es sind 1000 Dinge, die zu Übergewicht führen. Über ein paar davon spricht Comédienne Nicole Jäger mit ntv.de.

"Geht 'ne Frau zum Arzt ..." So fangen viele Witze an. Oder auch nicht. In Nicole Jägers Fall ist es so, dass sie eher nicht zum Arzt ging, weil sie sich dort sehr lange, sehr viele dumme Sprüche anhören musste. Sprüche, die ihr Gewicht thematisierten, die ihr das Gefühl gaben, weniger wert zu sein, ihr bedeuteten, dass es eventuell auch okay wäre, wenn sie der Gesellschaft – und den Krankenkassen – nicht mehr so auf der Tasche liegen würde. Mit ihren dennoch mutmachenden Erfahrungen steht die Comédienne auf der Bühne. Sie wirkt selbstbewusst, sagt aber auch, dass es sie Überwindung gekostet hat, die Einladung auf einen Ärztegipfel anzunehmen, denn die Erfahrung ist meist die gleiche: "Schwierig. Als übergewichtiger Mensch beim Arzt ist es generell nicht so leicht, als Frau auch nicht, als übergewichtige Frau erst recht nicht", erzählt sie ntv.de. "Ich glaube aber an die ganz große Kraft der Selbstermächtigung."

Nicole Jäger ist kein Opfer, auch nicht in der Rolle der Patientin, "denn jeder hat ein Recht darauf zu sagen 'Mir geht es nicht gut, ich bin krank'", findet sie. Und nicht alles, was man hat, hat mit dem Gewicht zu tun. Im Regelfall hat es nichts damit zu tun. "Das heißt, man kann übergewichtig und zeitgleich krank sein. Das muss man erstmal auch für sich wissen, weil dieser internalisierte Hass, der bei einem selbst schon beginnt, einfach da ist", so Jäger.

Aber hat nicht jede und jeder ein Recht darauf, dass einem geholfen wird? Grundsätzlich natürlich ja! "Aber: Wir haben mit vielen Vorurteilen zu tun. Wir haben es mit einer Medizin zu tun, die in vielen Bereichen theoretisch sehr aufgeklärt ist, viele Medizinerinnen und Mediziner aber noch nicht. Und wenn man selbst die Lebenswirklichkeit eines übergewichtigen Menschen nicht kennt, kann man sich anscheinend auch nicht vorstellen, das übergewichtige Gegenüber zu verstehen." Jäger rät dazu, sich dieser Tatsache erst einmal absolut bewusst zu werden, denn Ärzte wissen oft nicht, wie sie mit übergewichtigen Menschen umgehen sollen und schieben gern alles aufs Dicksein: "Mein Arzt kann nicht alles wissen, aber ich darf ihm zumuten, es zu lernen."

Auf den Frauengesundheitsgipfel der "Bild"-Zeitung zu gehen, um dort vor Dutzenden von Ärztinnen und Ärzten zu sprechen, das hat auch die Frau, die gern auf der Bühne steht, deren Job das ist, große Überwindung gekostet. Jäger hat diesen Moment aber als Chance für beide Seiten ergriffen: "Weil in dem Moment, wo ich aktiv aus einer Position der Stärke heraus kommuniziere und sage, ich brauche Hilfe, da ist alles offen. Und wir könnten gucken, was ich noch habe, außer Übergewicht." Sie lacht, aber es ist offensichtlich, dass dieses Thema nicht einfach für sie ist. Denn auch übergewichtige Personen wollen selbstverständlich gesehen und ernst genommen werden. "Ich bin ja nicht nur übergewichtig", sagt Jäger, "die Frage ist doch: Ist das alles, was du siehst, wenn ich einen Raum betrete: Die Tatsache, dass ich ein dicker Mensch bin?"

Grundsätzlich sind Mediziner angetreten, um die Welt zu verbessern, glaubt Jäger, weil ihre Arbeit interessant ist und sie helfen können. "Sie haben die Macht, etwas zu verändern," ist sie sich sicher. Die Resonanz nach ihrem Vortrag war übrigens enorm, sie konnte sich kaum retten vor den Fragen der Medizinerinnen und Mediziner des Gesundheitsgipfels - anscheinend hatten viele noch nie darüber nachgedacht, wie es ist, unverschuldet übergewichtig zu sein: "Vielleicht können wir auch was zusammen machen", "vielleicht hilft es, jemanden zu haben, der ein Sprachrohr ist", "vielleicht müssen wir an der Kommunikation was ändern", "vielleicht muss man an der eigenen Einstellung auch ein bisschen was ändern"‘ – so der Tenor. "Dicke haben ein Recht auf Hilfe. Es kann nicht sein, dass übergewichtige Menschen aufgrund der Stigmatisierung und des Dogmas dahinter und aufgrund dieser ganzen Diät-Culture, die wir gerade wieder sehr extrem leben, schlechter behandelt, fehl- oder gar nicht diagnostiziert werden", so Jäger und trifft damit den Punkt, denn dicke Menschen sterben häufig früher. Nicht, weil sie dick sind, sondern an den eklatanten Auswirkungen einer Fehlbehandlung. Über das Thema positiv zu sprechen und zu sagen: "Pass mal auf, wir sind keine Opfer", hilft beiden Seiten, Arzt und Patient.

Und was ist mit Bodypositivity - dem Trend, der übrigens gerade wieder abnimmt? Wurde da in den vergangenen Jahren nicht manchmal vergessen, dass Übergewicht auch krank machen kann? Ja, aber es gibt weltweit nicht eine einzige Adipositas-konnotierte Krankheit - es gibt keine Krankheit exklusiv für dicke Menschen. Alles, was ein übergewichtiger Mensch bekommen kann, bekommen auch schlanke Menschen. Dick bedeutet nicht automatisch krank, und Abnehmen bedeutet nicht automatisch gesund. Denn wenn das stimmen würde, wäre Nicole Jäger nach weit über 170 Kilo Gewichtsverlust der gesündeste Mensch der Welt. "Das bin ich natürlich nicht", lacht sie, und sagt: "Das würde ja auch bedeuten, dass alle schlanken Menschen quasi immun sind gegen jede Form von Erkrankung."

Halbe Portion

Jäger hat mal 340 Kilo gewogen, das heißt, sie konnte sich kaum mehr bewegen. "Ich hatte immer wieder versucht, mir über Ärzte Hilfe zu suchen. Das Erste, was passierte, war Ablehnung, obwohl ich glaubte, sterben zu müssen. Sie baten mich jedoch: 'Tun Sie mir bitte den Gefallen und sterben Sie nicht in meiner Praxis. Ich hätte keine Ahnung, wie ich sie hier rausbekommen soll.'" Das war jedoch nicht der unverschämteste Spruch, den sich Nicole Jäger je anhören musste. "Vielleicht wäre in Ihrem Fall frühes Sterben ja der sozial verträglichste Fall", hat sie auch schon gehört.  

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Inzwischen hat sie fantastische Fachärzte, sie weiß, sie ist zu dick. Sie tut etwas dagegen. Sie nimmt sehr gern Hilfe an. Sie möchte sich nach dem Verlassen einer Praxis aber nie mehr schlechter fühlen als vorher. Jäger hat ein Buch geschrieben: "Die Fettlöserin", und es ist erstaunlich, was das bewirkt hat: "Wie anders mit einem umgegangen wird, wenn man erfolgreich ist! Selbst, wenn man fett ist, bekommt man mehr Respekt. Die Tatsache, dass ich in der Öffentlichkeit stehe, macht viele Dinge einfacher." Sie hat auch viele Followerinnen und Follower, die nicht übergewichtig sind, denn ihr Thema ist nicht, übergewichtig zu sein, sondern: "Ich bin eine übergewichtige Frau, und durch diese Brille sehe ich die Welt, weil das meine Lebenswirklichkeit ist. Es ist aber nicht mein einziges Thema." In Jägers Bühnenprogramm geht es um Empowerment und Scham. Denn Frauen verbinden Schwäche häufig mit Scham. Auch Jäger hat sich geschämt, obwohl ihre Schmerzerkrankung nichts mit ihrem Körpergewicht zu tun hat. Sie könnte 20 Kilo Untergewicht haben und hätte sehr wahrscheinlich die gleichen Schmerzen. "Übrigens, auch Ärzte sind Menschen, die rauchen und saufen und Party machen und sich mies ernähren, auch sie haben Stress und schlafen zu wenig", sagt Jäger lachend.

Der fleischgewordene Vorwurf

Das Lachen bleibt ihr manchmal jedoch im Hals stecken, denn Ablehnung begegnet ihr nicht nur beim Arzt, sondern auch auf der Straße, im Bus, im Flugzeug: "Ich bin ein übergewichtiger Mensch in einer Gesellschaft von Menschen, die aus irgendwelchen Gründen an das Märchen des perfekten Körpers glauben. Wenn man aber weiß, dass die Hälfte aller Deutschen übergewichtig ist und wir trotzdem alle so tun, als wäre Übergewicht eine Randgruppe, dann kommen wir nicht weiter. Es wird ja auch wieder schlimmer."

Stigmatisierung Übergewichtiger

Stigmatisierung beim Arzt trifft dicke Menschen häufig und kann dazu führen, dass Beschwerden vorschnell auf das Gewicht geschoben, Untersuchungen unvollständig durchgeführt oder Behandlungen verzögert werden. Das kann die körperliche und seelische Gesundheit verschlechtern und dazu führen, dass Betroffene Arztbesuche künftig meiden. 

Gewichtsstigmatisierung in der Medizin zeigt sich zum Beispiel durch abfällige Kommentare, Schuldzuweisungen, medizinisches Abtun von Schmerzen oder durch schlechte Ausstattung wie zu kleine Blutdruckmanschetten oder ungeeignete Waagen. 

Forschende und Fachstellen beschreiben das als Form von Diskriminierung, die Diagnosen und Behandlung beeinträchtigen kann. 

Betroffene berichten, dass ihre Symptome nicht ernst genommen werden und oft nur der Rat kommt, abzunehmen, statt die eigentliche Ursache zu untersuchen. Solche Erfahrungen können Scham, Angst vor Arztbesuchen und spätere Diagnosen fördern, was medizinisch riskant ist. 

Hilfreich ist eine Praxis, die ohne Beschämung arbeitet, Beschwerden vollständig abklärt und passende Hilfsmittel bereithält, etwa stabile Liegen, größere Manschetten und geeignete Bildgebung. Wer betroffen ist, sollte konkrete Symptome klar ansprechen, auf eine vollständige Untersuchung bestehen und bei wiederholter Abwertung die Ärztin oder den Arzt wechseln.

Hier mehr Informationen bei der AOK: Gewichtsdiskriminierung in der Medizin: Hilfe für Betroffene oder bei Doc Check

Frauen sind noch lange nicht so erforscht wie Männer. Frauen sind noch immer eine Minderheit, eine Randgruppe. Es ist oftmals geradezu gefährlich, eine Frau zu sein. Jäger bekommt viel Hass-Post von "ihrer Hater-Community. Ich bin so ein bisschen der fleischgewordene Vorwurf, oder auch das, was man auf keinen Fall haben möchte. Denn ich breche mit sehr vielen Tabus gleichzeitig und ich weiß das auch. Dass ich aussehe, wie ich aussehe, mich kleide, wie ich mich kleide, dass ich da bin und präsent bin, das mache ich nicht, um Menschen auf den Sack zu gehen. Aber es geht mir auf den Sack, dass man mir das vorwirft. Ich habe ein feministisches Bewusstsein und keine Lust auf patriarchale Strukturen. Das ist nämlich genau das, worum es auch bei diesem ganzen Körperwahn geht, der hauptsächlich Frauen trifft: Als Frau kannst du noch so leistungsstark sein, du kannst noch so viel können, du kannst noch so viel wissen. Am Ende ist die Frage: 'Wie sehen ihre Knie aus, wie ist ihre Figur?'"

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Für Jäger geht es um Kontrolle, um die Kontrolle der Frau. Und ein dicker Körper stehe für Kontrollverlust. "Nicht der dicke Mensch, der die Kontrolle übers Essen verliert, sondern die Gesellschaft verliert die Kontrolle über diesen Menschen", ist Jägers Beobachtung. "Leute beleidigen mich, überwiegend im Internet, selten in der freien Wildbahn, weil ich eine Frau in der Comedy-Szene bin. Weil Frauen nicht lustig sind, nicht lustig sein können! Und mit welcher Dreistigkeit erlaube ich mir eigentlich, sexuell nicht attraktiv sein zu wollen für bestimmte Männer? Ich bin nicht auf dieser Welt, um anderen zu gefallen, es ist nicht meine Verantwortung, dass du dich beim Anblick meines Körpers wohl fühlst. Wenn du dich nicht wohl fühlst, dann geh'! Deutsche sind sehr krass, sie verurteilen wahnsinnig gerne."

Nicole Jäger war zum ersten Mal mit fünf Jahren auf einer Kur. "Sechseinhalb Wochen. In der Annahme, dass wir das machen müssen, damit ich später kein dicker Mensch werde. Bis zu meinem 18. Lebensjahr war ich auf fünf Kuren und habe von meinem dritten Lebensjahr an immer auf Diät gelebt. Hat ja hervorragend funktioniert, wie wir sehen", sagt sie und lacht.

Nicole Jäger ist dieses Jahr bis Dezember auf Tournee

Quelle: ntv.de

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