Panorama

n-tv.de InterviewAlte Stollen und mangelnde Kontrolle

20.07.2009, 13:09 Uhr
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Nachterstedt nach dem Erdrutsch. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Der Erdrutsch in Nachterstedt überrascht auch Experten. Als mögliche Ursachen gelten alte Stollen aus 19. Jahrhundert. Grundsätzlich sind Bergbauseen sicher - wenn man vorher seine Schularbeiten gemacht hat.

In Nachterstedt in Sachsen-Anhalt ist am vergangenen Samstag am frühen Morgen ein etwa 120 mal 350 Meter großes Böschungsstück rund 140 Meter tief in eine geflutete Braunkohlegrube gerutscht. Ein Doppelhaus versank in der Tiefe, ein halbes Haus stürzte ab. Bei dem Unglück starben vermutlich drei Menschen. Über mögliche Ursachen sprachen wir mit Prof. Axel Preuße, Leiter des Instituts für Markscheidewesen an der RWTH Aachen.

n-tv.de: Sind Sie überrascht, dass es diesen Einbruch gegeben hat?

Axel Preuße: Ja, sehr. Bergschäden gibt es hauptsächlich im untertägigen Abbau, im Bereich von Tagebauen ist das relativ selten. Dass es mal zu kleinen Rutschungen in Tagebauen kommen kann, ist nicht ausgeschlossen. Aber Fälle wie der in Nachterstedt sind mir nicht bekannt.

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Prof. Preuße von der RWTH Aachen (Foto: RWTH Aachen)

Was könnte die Ursache für das Unglück gewesen sein? In Nachterstedt soll es Mitte des 19. Jahrhunderts Untertagebau gegeben haben.

Da kann ich von hier aus und zu diesem Zeitpunkt natürlich nur spekulieren. Das muss man bodengebirgsmechanisch untersuchen. Grundsätzlich könnte früherer untertägig geführter Bergbau jedoch eine Ursache für die Abrutschung gewesen sein. Durch äußeren Wasserzutritt könnten die Schichten dann ins Gleiten gekommen sein. Der letzte Auslöser war möglicherweise das Wetter. Der Regen soll zwar so stark nicht gewesen sein. Aber vielleicht war er das i-Tüpfelchen, das die Schichten zum Gleiten brachte.

Ist das ungewöhnlich, dass erst Untertagebau, dann Tagebau betrieben wurde?

Es ist häufig so, dass in den Bereichen, wo heute Tagebau betrieben wird, früher relativ oberflächennah Stollen gefahren wurden. Moderne Tagebautechniken wurden in Deutschland etwa ab den 1930er Jahren entwickelt. Im großen Stil wird Braunkohletagebau mit den heutigen Techniken in Deutschland erst seit dem Zweiten Weltkrieg betrieben.

Warum hat man nicht gleich im Tagebau angefangen?

Weil die modernen Geräte zum Bewegen großer Erdmassen noch nicht vorhanden waren. Sie kennen wahrscheinlich diese großen Schaufelradbagger, die in den westdeutschen Tagebauen eingesetzt werden, oder die Brückentechnik in Ostdeutschland, bei der Gräben aufgefahren werden. Solche Geräte gab es früher nicht.

Ein Anwohner hat gesagt, "Wasser sucht sich seinen Weg und geht überall hin. Der Tagebau hätte nie geflutet werden dürfen."

Es ist durchaus üblich, aus Tagebau-Gebieten Seen zu machen, gerade die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft macht das öfter, die LMBV betreut ja mehr als 170 dieser Bergbaufolgeseen, da gibt es richtige Seenplatten, die später mal miteinander verbunden und eine Touristenattraktion werden sollen. Der Gedanke ist sehr gut. Und eigentlich spricht auch nichts dagegen, wenn man vorher seine Schularbeiten gemacht hat.

Was für Schularbeiten sind das?

Tagebaue können in der Regel nur dann Schäden verursachen, wenn eine großräumige Grundwasserabsenkung dazukommt. Wenn man einen Tagebau von vielleicht mehreren hundert Metern Tiefe aufschließt, dann muss man das Grundwasser im Vorfeld des Tagebaus abpumpen, um überhaupt Abbau betreiben zu können. Da gibt es dann richtige Brunnengalerien um den Tagebau herum, die den Wasserspiegel künstlich absenken. Erst dann kann man mit dem Gerät in den aufgeschlossenen Tagebau hineingehen. Wenn der Tagebau dann später aufgegeben wird, lässt man das Wasser wieder ansteigen. Die stehenbleibenden Endböschungen müssen dann entsprechend gesichert und überwacht werden. Das wird weltweit so gemacht.

In Nachterstedt sind bisher erst 40 Prozent der geplanten Wassermenge in den Concordia-See gelaufen, der Wasserspiegel steigt also permanent an. Kann es in dieser Phase zu Abrutschungen kommen?

Das kann passieren, wenn das Wasser beim Wiederanstieg eine unzureichend gesicherte Böschung überstaut oder Wasserwegsamkeiten entstehen. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es einen Zusammenhang mit dem untertätigen Altbergbau gibt. Hier kann es eventuell erst nach vielen Jahren zum Zusammengehen von alten Abbauhohlräumen kommen, weil zum Beispiel alter Holzausbau verrottet und dadurch keine Stützwirkung mehr hat. Es könnten auch Wechselwirkungen aus beiden möglichen Ursachen gewesen sein.

Wie häufig sind Bergschäden im Untertagebau?

Da muss man unterscheiden zwischen Tiefenbergbau und oberflächennahem Bergbau. Der Tiefenbergbau mit mehr als 100 Metern unter der Erdoberfläche ist in dieser Hinsicht unproblematisch, fünf Jahre nach dem Abbauende sind da in der Regel alle Bewegungen abgeklungen. Im oberflächennahen Bereich ist das anders. Da können zum Beispiel Wasserzutritte noch lange nach Stilllegung eines Bergwerks dafür sorgen, dass es zu Schäden kommt.

Wer kommt für Schäden auf, die durch Bergbau entstehen?

Das regelt das Bundesbergbaugesetz. Das definiert, was ein Bergschaden ist, bzw. umgekehrt: Es definiert, was kein Bergschaden ist. Die so genannte Bergschadensvermutung besagt, wenn im Einwirkungsbereich eines Abbaus ein Schaden auftritt, der von seiner Art ein Bergschaden sein könnte, dann wird davon ausgegangen, dass es ein Bergschaden ist. Und dann ist der verantwortlich, der den Abbau betrieben hat.

Ist es für Betroffene schwierig, da an Geld zu kommen?

Das hat sich deutlich verbessert. Das Bundesbergbaugesetz gibt es in dieser Form seit 1982. Seither ist die Beweislast umgekehrt: Wer einen Schaden hat, muss nicht mehr beweisen, dass der Schaden die Folge des Abbaus ist, sondern das Bergbauunternehmen muss versuchen zu beweisen, dass es kein Bergschaden ist.

Mit Axel Preuße sprach Hubertus Volmer