Panorama

Berauschter Stillstand im Jemen Arbeitskräfte frönen Kaukraut

Kaum hat der Imam das Mittagsgebet beendet, beginnt in Jemens Hauptstadt Sanaa die Zeit des kollektiven Rausches. In Scharen strömen die Männer zu den Märkten im Stadtzentrum und an den großen Ausfallstraßen, um das grüne Kaukraut Kat zu kaufen. Tennisballgroße Backen, aufgebläht von kleingekauten Blättern, die über Stunden im Mund eingespeichelt werden, sind im Jemen ein ebenso gängiger Anblick wie der Krummdolch und die traditionelle Burka der Frauen. Denn Kat ist eine legale Alltagsdroge - und für die Wirtschaft des ärmsten Landes der arabischen Halbinsel Fluch wie Segen zugleich.

Ursprünglich soll das Kaukraut mit dem wissenschaftlichen Namen Cathula edulis vor rund 700 Jahren aus Äthiopien in den Jemen gelangt sein. Die nachmittägliche Kaurunde im traditionellen Liegezimmer, dem Mafraj, galt lange Zeit als Zeitvertreib der Oberschicht. Spätestens seit den 70er Jahren ist Kat ein Volksvergnügen. Der Droge verdankt das islamische Land nach Schätzungen der Weltbank sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts und einen von sieben Jobs. Für Kat geben die Jemeniten nach Weltbank-Angaben fast zehn Prozent ihres Einkommens aus, arme Familien oftmals auch mehr.

Unmengen von Wasser

Gleichzeitig leidet die Arbeitskraft unter dem weit verbreiteten Kau-Rausch. "Die Produktivität ist hier viel zu niedrig, weil ab 14.00 Uhr ein Großteil der Menschen dem Kat-Konsum frönt", sagt Thomas Engelhardt, der in Sanaa das Büro der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) leitet. Pro Tag gehen dadurch im Jemen rund 15 Millionen Arbeitsstunden verloren, hieß es jüngst im "Yemen Observer".

Und nicht nur das: Der Anbau der haushohen Sträucher verschlingt Unmengen von Wasser, das in dem von Trockenheit geplagten Land ein kostbares Gut ist. Schätzungen zufolge fließen zwischen 30 und 40 Prozent des landwirtschaftlich genutzten Wassers in den Kat-Anbau. Weil das Kraut für die Bauern ertragreicher und sein Anbau anspruchsloser als der von Getreide, Obst und Gemüse ist, steigen viele von ihnen auf Kat um. Die Folge: Immer mehr Lebensmittel müssen importiert werden, Nahrungsmittelknappheiten werden häufiger.

Der Staat profitiert

Doch das Kraut hat auch gute Seiten. Es bremst die Landflucht. "Ein Grund, dass der Jemen nicht so an der Verstädterung leidet, ist der Kat-Anbau, dass nämlich viele Menschen im ländlichen Raum bleiben und dort ein eigenes Einkommen erzielen", erklärt GTZ-Experte Engelhardt. Von der Lust am Rausch profitiert auch der Staat. Denn er verlangt eine Steuerabgabe für jeden Lastwagen, der frühmorgens bündelweise frisches Kat in die Städte bringt.

Dass sich das für den Staat auszahlt, zeigen die Zahlen einer Weltbankstudie. Danach konsumieren 72 Prozent aller Männer und 33 Prozent der Frauen das Kraut. Studenten kauen die Blätter, um länger lernen zu können, die Männer vor den Moscheen erhoffen sich vom Kat eine Eingebung für ihre stundenlangen Diskussionen und die Jemenitinnen kauen sich mit den Blättern ihren tristen Alltag schön. Mittlerweile verfallen auch immer mehr Kinder dem Kraut, stellte die Universität Sanaa fest.

Halbherziger "Krieg gegen Kat"

Kat enthält amphetaminähnliche Substanzen, die über die Mundschleimhäute aufgenommen werden. Lang genug gekaut, macht das Kraut euphorisch, umgänglich und hellwach. So wach, dass viele Konsumenten ohne Hilfe nicht mehr schlafen können. Immer wieder ist vom Jemen als größtem Valium-Konsumenten der Welt die Rede. In den Krankenhäusern des unterentwickelten Landes gibt es immer mehr Patienten, die neben Depressionen und Psychosen auch unter Leberzirrhose, Nierenversagen und Krebserkrankungen in Mund und Rachen leiden - Folgen des langjährigen Konsums der daumengroßen Blätter, die auf den Feldern massiv mit Pestiziden besprüht werden.

Während Kat in Nachbarländern wie Saudi-Arabien verboten ist, ist sein Konsum im Jemen noch immer legal. Der vor einigen Jahren ausgerufene "Krieg gegen Kat" wird nur halbherzig geführt. Der Kat- Raum im Parlament ist zwar mittlerweile geschlossen und das Kauen im Dienst für Staatsdiener verboten. Präsident Ali Abdullah Salih schwor dem Kraut Ende vergangenen Jahres ab - bereits zum zweiten Mal und wohl auch dieses Mal nur offiziell. Denn im kleinen Kreis soll er noch immer dem aufputschenden Kraut frönen.

Von Frederik Obermaier, dpa

Quelle: n-tv.de

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