Panorama

Eltern voller Angst Arzt infiziert pakistanische Kinder mit HIV

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Die Eltern stehen Schlange, um ihre Kinder auf das HI-Virus testen zu lassen.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

In der pakistanischen Provinz Sindh gibt es einen massiven Ausbruch von HIV-Infektionen. Betroffen sind vor allem Kinder, obwohl deren Eltern das Virus nicht haben. Die Behörden vermuten als Ursache einen Kinderarzt.

In der südpakistanischen Stadt Ratto Dero beschäftigt die massenhafte Ansteckung von Kindern mit HIV Eltern und Behörden. Der britischen BBC zufolge nahm der Fall im Februar seinen Anfang, als besorgte Eltern ihre Kinder zum Arzt brachten. Die Kleinen fieberten immer wieder rätselhaft. Bei Blutuntersuchungen stellte sich heraus, dass sie mit HIV infiziert waren. Die Eltern hatten die Infektion nicht.

Inzwischen wurde bei mehr als 600 Menschen in der Gegend - viele von ihnen Kinder - das Aids-Virus festgestellt. Die Behörden machen einen Kinderarzt für die massenhafte Infektion verantwortlich. Am örtlichen Krankenhaus richteten die staatlichen Gesundheitsbehörden eine Spezialabteilung ein, in der man sich auf das Virus testen lassen kann.

Dort wartet unter anderem Mukhtar Pervez darauf, dass ihre Tochter untersucht wird. Sie fürchtet, dass das Fieber, unter dem das Mädchen kürzlich litt, bereits das erste Anzeichen einer Infektion war. Pervez ist eine von Dutzenden Müttern, die vor einer improvisierten Klinik im Dorf Wasayo in der südpakistanischen Provinz Sindh Schlange stehen. Sie alle wollen ihre Kinder untersuchen lassen.

Angst vor der Zukunft

Während Pervez noch bangt, sind für andere die schlimmsten Befürchtungen bereits wahr geworden. Nisar Ahmed weiß seit drei Tagen, dass seine einjährige Tochter HIV-positiv ist. Jetzt braucht er Medikamente, die das Virus in Schach halten. "Verflucht sei der Arzt, der all diese Kinder infiziert hat", schimpft er.

Ganz in der Nähe steht Imam Zadi mit fünf ihrer Kinder in der Schlange. Sie will sie untersuchen lassen, nachdem sie erfahren hat, dass ihr Enkel infiziert wurde. "Die ganze Familie ist in Aufruhr", sagt sie. Die betroffenen Familien sind arm und wenig gebildet. Sie wissen kaum etwas über das HI-Virus und Aids und können sich keine Medikamente leisten. "Wer wird jetzt noch mit ihr spielen?", fragt eine Mutter unter Tränen. Gerade hat sie erfahren, dass ihre vierjährige Tochter infiziert ist. "Und wer wird sie später heiraten?"

Lange war HIV kein Problem in Pakistan. Doch nun verbreitet sich das Virus rasend schnell – bisher waren vor allem Drogenabhängige und Prostituierte betroffen. 2017 wurden 20.000 neue Infektionen registriert. Damit hat Pakistan nach Angaben der UNO die zweitgrößte Zuwachsrate in Asien.

Fahrlässige Quacksalber

Das schlechte Gesundheitssystem verschärft die Situation. Gerade auf dem Land bleibt den Menschen oft nichts anderes, als sich an unqualifizierte Heiler zu wenden. Sie sind billiger und leichter zu finden. "Laut Regierungsberichten praktizieren etwa 600.000 Quacksalber im ganzen Land, etwa 270.000 von ihnen in der Provinz Sindh", heißt es in einer Erklärung der UN-Organisation Unaids.

"Um Geld zu sparen, benutzen diese Kurpfuscher dieselbe Spritze bei mehreren Patienten. Das könnte die Hauptursache für die vielen HIV-Fälle sein", sagt Sikandar Memon, der das Anti-Aids-Programm in der Provinz Sindh leitet. "Weit verbreitetes Fehlverhalten von Medizinern, ohne wirksame Kontrollen, haben in Pakistan schon wiederholt zu Ausbrüchen geführt", sagt Bushra Jamil, die Expertin für Infektionskrankheiten an der Aga Khan Universität in Karachi. Unterqualifiziertes medizinisches Personal wie Sanitäter betreiben der BBC zufolge Privatkliniken. Ebenso Medizinabsolventen, die keine Anstellung in einem Krankenhaus gefunden haben. Inzwischen wurden rund 500 dieser Privatkliniken geschlossen.

Der Kinderarzt, den die Behörden für den Ausbruch in der Provinz Sindh verantwortlich machen, ist nach ihren Angaben selbst HIV-positiv. Inzwischen sitzt er in einer heruntergekommenen Zelle in der Stadt Rato Dero. Er bestreitet, seine Patienten wissentlich infiziert zu haben. Seinen Angaben zufolge waren die Infizierten nicht einmal seine Patienten.  

Dass der mutmaßlich Verantwortliche hinter Gittern sitzt, hilft den Betroffenen wenig. Sie brauchen dringend Aufklärung und Medikamente. "Wir sind hilflos. Ich habe noch weitere Kinder - und Angst, dass sie sich anstecken", sagt eine Mutter, deren Tochter vor Kurzem positiv getestet wurde. "Bitte, schicken Sie mir Medikamente, damit sie geheilt werden kann. Ansonsten sterben alle unsere Kinder, oder?"

Quelle: ntv.de, sba/AFP