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Ein Dutzend Tinyhouses entstanden in den vergangenen Monaten bereits.
Ein Dutzend Tinyhouses entstanden in den vergangenen Monaten bereits.(Foto: www.facebook.com/tinyhouseuniversity)
Dienstag, 29. August 2017

Wer hier wohnt, lebt kuschelig : Auf zehn Quadratmetern ist einiges möglich

Kompakt, mobil und erschwinglich: Architekt Van Bo Le-Mentzel baut in Berlin-Schöneberg winzige Häuschen auf Pkw-Anhänger. Sie verschlingen wenige Ressourcen und finden selbst in überfüllten Städten einen Platz - zum Beispiel auf Parkplätzen.

Die Zukunft des Wohnens kommt auf Rädern, genauer gesagt auf Pkw-Anhängern. Auf rollenden Gestellen mit einer Grundfläche von nur zehn Quadratmetern bauen der Architekt Van Bo Le-Mentzel und seine Mitstreiter in Berlin sogenannte Tinyhouses - winzige Häuschen. Am Freitag startet der erste Sommerkurs, bei dem erfolgreiche Bewerber für 4000 Euro unter Anleitung ihr eigenes Ministadthaus bauen können.

Ein Dutzend Tinyhouses entstanden in den vergangenen Monaten auf dem Innenhof des Berliner Bauhaus-Archivs im Bezirk Schöneberg bereits. "Es geht um die Frage, wer sich in der Innenstadt aufhalten darf", sagt Le-Mentzel. Er ist der Initiator des Projekts, das neue Möglichkeiten urbanen Zusammenlebens ausloten will. "In zehn Jahren werden Tinyhouses etwas ganz Normales sein", sagt er.

Die kompakten, mobilen und erschwinglichen Häuschen sind eine mögliche Antwort auf immer voller und teurer werdende Städte, in denen die soziale Durchmischung schwindet. Ein globales Problem, weshalb die in den USA entstandene Tinyhouse-Bewegung weltweit Anklang findet. Politiker, Aktivisten, Firmen und Wohnungsbaugesellschaften informieren sich an der Berliner Tinyhouse University.

Soziale Initiativen stellten eigene Häuschen auf die Räder

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Le-Mentzel startete das Projekt mit Flüchtlingen, die er auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise in den endlosen Warteschlangen am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales antraf. Die Menschen aus Afghanistan, Ägypten und Syrien fanden an der gemeinsam gegründeten Tinyhouse University zwar auch keine bezahlte Arbeit, dafür aber zumindest eine Aufgabe und eine Gemeinschaft.

Die winzigen Häuser verschlingen weniger Ressourcen, bieten wenig Stauraum für Konsumgüter und finden selbst in überfüllten Städten Platz - auf Parkplätzen zum Beispiel. "Mit höchsten zehn Quadratmetern fallen wir noch nicht unters Baurecht, sondern unter die Straßenverkehrsordnung", erklärt Le-Mentzel das selbst auferlegte Grundflächenlimit.

Was sich darauf alles anstellen lässt, zeigte das Berliner Tinyhouse-Team bereits mit dem viel beachteten Projekt Tiny100. Ein vollwertiges Häuschen mit 6,4 Quadratmetern Wohnfläche, das Le-Mentzel für hundert Euro monatlich an bedürftige Menschen vermieten möchte.

Weitere Tinyhouses sind auf dem Bauhaus-Gelände zu besichtigen, darunter das schicke Haus aVOID, gestaltet vom italienischen Architekten Leonardo di Chiara. Soziale Initiativen stellten eigene Häuschen auf die Räder, darunter ein Café und ein Klassenzimmer - Wände und Boden dieses Tinyhouses sind aus Schultafeln gebaut.

Haltung, Lifestyle und Selbstreduktion

"Etwa 50.000 Euro muss man für den Bau eines Tinyhouses aufbringen", sagt Le-Mentzel. Der Baukurs der Sommerschule deckt daher auch nur das Nötigste ab. Ein schwedisches Möbelhaus bezahlt als Sponsor den Bauanleiter. Der hilft dabei, das Grundgerüst des Stadthauses auf dem Anhänger zu errichten.

Fenster, Dämmung, Innenausstattung kommen oben drauf und müssen vom Kursteilnehmer bezahlt werden. "Den ersten Baukurs zahlt eine Mäzenin aus München", sagt Le-Mentzel. Zwei junge Flüchtlinge aus Syrien bauen das TinyTownhouse auf. Es soll als Modell dienen für weitere Baukurse, die ab Herbst angeboten werden.

Noch gibt es nur eine Skizze: Das Stadthaus hat in der vorderen Hälfte einen multifunktionalen Aufenthaltsraum. Die zweite Hälfte besteht aus der Küchen- und Sanitäreinheit sowie Schränken. Darüber ist Raum für ein Bett. Wer hier wohnt, lebt kuschelig und muss Ordnung halten."So etwas bauen sich eher junge Leute aus der oberen Mittelschicht", sagt Le-Mentzel. Verzicht sei für diese Menschen eine Mischung aus Haltung und Lifestyle, Selbstreduktion gehe nur freiwillig, fügt er hinzu. "Der Wandel muss aus der Mitte der Gesellschaft kommen, sonst wäre das ja Kommunismus."

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Quelle: n-tv.de