Panorama

Alleen, Blumen, Frauen, Männer Berliner Uni in Political-Correctness-Falle

dfc6251e01c476d901bbd7ae663b6236.jpg

Das Gedicht wurde 2011 an die Giebelfassade der Hochschule gemalt.

dpa

Seit den Erfahrungen der Nazi-Zeit gilt die Freiheit der Kunst als hohes Gut. Dennoch will eine Berliner Hochschule jetzt ein Gedicht an ihrer Fassade übermalen. Weil es zutiefst sexistisch sei, wenn Männer Frauen betrachten.

Auch wenn es internationale Kritik hagelt, will die Alice Salomon Hochschule in Berlin ein angeblich sexistisches Gedicht an ihrer Fassade loswerden. Das beschloss der Akademische Senat und bietet eine Lösung, die Streit darüber vermeiden soll. Nur klappt das nicht ganz.

Der 93-jährige Schweizer Lyriker Eugen Gomringer versteht die Welt nicht mehr und behält sich rechtliche Schritte gegen die Entscheidung der Hochschule vor: "Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie", sagte er. Der Deutsche Kulturrat, Spitzenorganisation von 250 Bundeskulturverbänden, reagierte ebenfalls "erschüttert". Vertreter der Hochschule sprechen indes von "patriarchalen Denkmustern".

Was ist daran an Gomringers auf Spanisch verfasstes Gedicht "avenidas"? Zur Erklärung hier zunächst der Text auf Deutsch: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer".

Die Studierenden sehen in den Zeilen des Lyrikers die Frauen zum männlichen Objekt der Begierde degradiert. In ihrer vorlesungsfreien Zeit, so die Studenten, habe man sich eingehender mit dem Text befasst und sei zu folgendem Schluss gekommen:

Frauen = Musen, Männer = Künstler?

"Wir kommen nicht umhin, ausgerechnet dieses Gedicht als offizielles Aushängeschild unserer Hochschule zu kritisieren: Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind."

Für sie ist das Gedicht "alt" und doch "erschreckend aktuell". Es erinnere sie "unangenehm daran, dass wir uns als Frauen nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches 'Frau-Sein' bewundert zu werden." Eine solche Bewunderung führe zu Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher.

4b6dc8e5a75137235967c1d52854791b.jpg

Gomringer gilt als Initiator der Konkreten Poesie. Dabei geht es weniger um den Inhalt von Sprache, sondern darum, Wörter anschaulich aneinanderzureihen. (An einer Fassade in Hünfeld)

(Foto: dpa)

Die Kritiker des Gedichts verweisen in ihrer Stellungnahme darauf, dass die U-Bahn-Station Hellersdorf und der Alice-Salomon-Platz vor allem zu späterer Stunde "sehr männlich dominierte Orte" seien, an denen Frauen "sich nicht immer wohl fühlten". Dieses Gedicht dabei anzuschauen wirke wie eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potenziell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können. Sie forderten, das Gedicht zu übermalen und stattdessen eine Alternative zu finden.  

Der Fall hatte bereits im vergangenen Jahr international Aufsehen erregt. Das Deutsche PEN-Zentrum und der Kulturrat warnten vor Zensur. Die Hochschule verteidigte ihre Entscheidung dagegen. Für sie bedeute das Votum "ein klares Bekenntnis zur Kunst", erklärte Rektor Uwe Bettig.

Gomringers Gedicht steht seit 2011 in großen Lettern auf der Giebelfassade der Hochschule im Stadtteil Hellersdorf. Die Verantwortlichen hatten damit die Vergabe ihres Alice-Salomon-Poetikpreises an den Lyriker würdigen wollen. Bei einer Fassadenrenovierung im Herbst soll nun stattdessen ein Text der letztjährigen Preisträgerin Barbara Köhler angebracht werden – wie von ihr selbst vorgeschlagen. In fünf Jahren käme dann erneut ein Wechsel.

Ein nicht weichgespültes Gedicht

Der Geschäftsführer des Kulturrats, Olaf Zimmermann, sagte: "Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass eine Hochschule, die selbst Nutznießer der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit ist, dieses Recht dermaßen mit Füßen tritt." Gomringer selbst meint dazu: "Es geht den Verantwortlichen um die Entfernung eines nicht weichgespülten Gedichts im Sinne einer falsch verstandenen Political Correctness."

Bei einer Online-Abstimmung hatten sich die Hochschulangehörigen Ende 2017 mit Mehrheit gegen das Gomringer-Gedicht ausgesprochen. Der paritätisch besetzte Senat entschied sich nun mit acht von zwölf Stimmen für eine von mehreren vorgeschlagenen Alternativen.

Die Hochschule teilte mit, sie werde Gomringers Wunsch nachkommen und auf einer "Tafel" in Spanisch, Deutsch und Englisch an das Gedicht und die Debatte darum erinnern. Die Alice Salomon Hochschule ist nach eigenen Angaben mit 3700 Studierenden die deutschlandweit größte staatliche Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung.

Quelle: n-tv.de, ppo

Mehr zum Thema