Eine für alleBoah Bahn - Geschichte einer Hassliebe
Eine Kolumne von Sabine Oelmann
Wenn die Bahn kommt, dann kommt sie, wenn sie fährt, dann läuft's, und wenn dann alles gut geht, ist man auch pünktlich am Ziel. Ehrlich, ich mecker' gar nicht gern, aber manchmal, da muss es raus, bevor es zu üblen Verspannungen bei der Kolumnistin führt.
Zugegeben, es gibt Schlimmeres als wegen der Deutschen Bahn irgendwo zu spät anzukommen. Es gibt Präsident Trump, den Wahnsinnigen aus Washington, der ab und zu damit droht, ganze Völker zu vernichten oder Landstriche zu besetzen. Einfach, weil er es besser fände, für sich, sein Land, seinen Eintrag in den Geschichtsbüchern. Trump ist immerhin der Einzige, der es schafft, dass sich auch diejenigen, die sonst gar nichts mit dem Papst oder der Kirche am Hut haben, auf einmal dafür interessieren und einsetzen, denn dass einer den Papst beleidigt oder sich selbst als Bildnis eines Heiligen ausgibt, das geht wirklich zu weit. Finden sogar Ungläubige.
Es gibt Tausende Ängste momentan, die, wenn man es sich mal richtig durch den Kopf gehen lässt, vollkommen irre oder zumindest irrelevant sein könnten: Wehrdienst-Diskussionen, amerikanische Vize-Präsidenten, Kürzungen im Gesundheitssystem, mehr Gehalt für Piloten, weniger für Therapeuten. Ein Wal, der nicht in Ruhe sterben darf, Kinder, die verhungern.
Es gibt einen Krieg zwei Länder weiter, und es gibt viele andere Kriege auf unserem Planeten, von dem die Raumfahrer nach ihrer Umrundung des Mondes vor einigen Tagen noch sagten: "Planet Erde - ihr seid eine Crew." Das hat hier leider immer noch keiner so richtig verstanden. Außerdem finden die Astronauten: "Es ist eine besondere Sache, ein Mensch zu sein." Noch besonderer ist es, wenn ein Mensch dann eine besondere Rolle ausfüllt, zum Beispiel Bundeskanzler. Von einem Menschen in dieser Rolle darf man zu Recht erwarten, dass er bei gewissen Themen laut denkt. Dass er was zu sagen hat, den Ton gar angibt, im Sinne seiner Bürger. Wenn er nichts sagt zu Dingen, die dem Volk unter den Nägeln brennen, ist das mehr als schade.
Und manchmal wirkt es eben auch einfach so, als würden wir uns den Ast absägen, auf dem wir doch so komfortabel sitzen. Apropos komfortabel sitzen, ich wollte ja über die Deutsche Bahn und mein jüngstes Erlebnis mit ihr berichten. Ich wäre nämlich so gern viel umweltbewusster, unter anderem, indem ich mehr Bahn statt Auto fahre. Doch leider ist die Bahn noch immer viel zu häufig eine Katastrophe auf Rädern. Und dann auch noch eine Lachnummer. Wären nicht Millionen Menschen auf sie und ihr Schienennetz angewiesen, müsste man sie glatt boykottieren. Von außen betrachtet, und wenn die Bahn dann fährt, ist ja alles gut - so gut , dass die Bahn sich stellenweise sogar ganz elitär gibt mit ihrer ersten Klasse. Oder sogar mit ihrer selbstironischen Werbung übertreibt.
Und es ist auch wunderschön, auf einem reservierten Sitz zu sitzen und die Landschaft an sich vorbeirauschen zu sehen, wie in einem Fiebertraum. Es ist jedoch immer dann eine Frechheit, wenn es nicht läuft wie am Schnürchen, einfach, weil die Auswirkungen immer so krass sind. Denn wenn bei der Bahn nur ein Rädchen nicht funktioniert, dann läuft oft gar nichts mehr, außer der eigene Schweiß.
Frust kommt auf, denn der Bus kommt nicht
Menschen, eben noch gesittet und in heller Vorfreude darauf, abends um 22 Uhr am Zielort zu sein, werden richtig ungemütlich, wenn sie erfahren, dass der komplette Zug ausfällt. Wie kann das sein? Ein kompletter Zug? Und was bedeutet das? Das bedeutet, dass dieser komplette Zug, mitsamt seinen Sitzplatzreservierungen, in den nächsten Zug einsteigen soll, der knapp eine Stunde später abfahren wird. Der auch voll ausgebucht ist. Technisch also ein Ding der Unmöglichkeit, denkt man sich, die werden sich was anderes einfallen lassen. Aber das ist eben, leider, auch ein Ding der Unmöglichkeit: Es wird den Fahrgästen des ausgefallenen 18-Uhr-nochwas-Zuges mitgeteilt, dass sie doch bitte in den 19-Uhr-nochwas-Zug einsteigen sollten.
Die Sitzplätze - "für'n Arsch", wie der Herr neben mir bemerkt, "wieder nicht begriffen, dieser Versager-Club, dass Rückreise-Verkehr ist", schimpft eine andere Dame und wuchtet ihr Gepäck in Richtung Autovermieter. Kurz überlege ich, ob ich mich anschließen soll, glaube aber dummerweise immer noch zu doll an das Gute. Das wird sich später auf jeden Fall als Fehler herausstellen.
Soll man also in den 19-Uhr-Zug steigen oder vielleicht einfach auf den 20-Uhr-Zug warten? Der soll auch ausgebucht sein, hallt es über den Bahnsteig, die DB-Mitarbeiter versuchen wirklich, Contenance zu bewahren und geben ihr Bestes, bleiben freundlich - und können doch nicht helfen. Keiner sagt einem wirklich etwas Brauchbares, nebenbei erfährt man jedoch, dass der 19-Uhr-nochwas-Zug sowieso nur bis nach Nürnberg fährt. Und dass der Anschlusszug dort noch nicht geklärt ist. Auch, dass es sich nicht um einen Sprinter, sondern eher einen Bummelzug handeln wird und dass mit der Ankunft um 2 Uhr nachts zu rechnen sein wird. Das ist schon ein kleiner Unterschied zu 22.24 Uhr, vor allem, wenn man am nächsten Tag arbeiten möchte. Unmut kriecht hoch.
Jetzt kann man alles natürlich positiv sehen und sagen, ey, immerhin kommen wir überhaupt zu Hause an. Ich muss nicht (mehr) zum Bund. Krieg haben wir (noch) nicht und in die USA reise ich momentan sowieso nicht. Man könnte wohl sogar das Geld für die Sitzplatzreservierungen und Verspätung** wiederbekommen, hat mir eine leidgeprüfte Person gesagt. Ich bin froh, dass ich meinen Hund, der immerhin die Hälfte eines Erwachsenentickets kostet, nicht dabei habe, denn die Fahrt von München nach Berlin über Nürnberg mit ungewissem Anschluss und Ausgang wäre noch um ein Vielfaches stressiger gewesen.
Plötzlich Bauarbeiten!!!
Irgendwann dann, im Zug, sitzend und stehend auf dem Gang, die Auskunft, dass wir, statt straight über Halle nach Berlin zu donnern, einen kleinen Abstecher über Magdeburg machen müssen wegen Bauarbeiten auf der Strecke. Unnötig zu erwähnen, dass ich kurz vor Antritt der Fahrt gecheckt habe, ob alles planmäßig verläuft, oder? Oder dass der vollkommen überfüllte Zug von München nach Nürnberg fast drei Stunden brauchte.
Ich fahre wieder mit dem Auto, der Hund ist dabei. Ich habe gehört, viele würden Hunde in der Bahn, bzw. ihre Herrchen und Frauchen, eh scheiße finden. Vielleicht lasse ich mich 2028 lieber gleich mit auf den Mond schießen. Die letzten Astronauten sind ja als Freunde losgeflogen und als beste Freunde wieder zurückgekommen. Vielleicht sollte sich die gesamte Menschheit auf den Mond schießen lassen ...
Ich werde jetzt mal das Formular für Fahrgastrechte ausfüllen und abschicken, vielleicht bekomme ich ja was zu zurück.
PS: Ich kann das nicht mailen. Ich werden gebeten, alle notwendigen Felder auszufüllen. Dies gewährleistet eine zügige Bearbeitung und vermeidet Rückfragen zu fehlenden Daten und Angaben. Bitte senden Sie das Formular und die Belege per Post an folgende Adresse: DB Fernverkehr AG, Servicecenter Fahrgastrechte, 60647 Frankfurt am Main, Deutschland. Alternativ können Sie die Unterlagen auch in einem DB Reisezentrum oder Ihrer Verkaufsstelle abgeben. Alle Informationen zu den Fahrgastrechten finden Sie unter www.bahn.de/fahrgastrechte sowie in den Beförderungsbedingungen unter www.bahn.de/agb.
PPS: Das Personal ist meist recht freundlich, möchte ich expliziert ergänzen. Dass ich meine Fahrgastrechte nicht mailen kann, ist vorsintflutlich und soll die Fahrgästin wohl davon abhalten, diese einzufordern. Ich denke, ich werde die Deutsche Post dieses Mal in Anspruch nehmen. Informieren will man mich immerhin per Mail. Ich drucke das jetzt aus, suche einen Briefumschlag und eine Briefmarke, laufe zur Post (falls es die noch gibt), ich wollte ja eh entschleunigen ....