Panorama

Virologin Jana Schroeder bei ntv "Delta-Welle ist für Deutschland quasi gebucht"

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Corona fühlt sich für manche zurzeit weit weg an. Doch im Herbst kommt eine neue Welle, das ist für Dr. Jana Schroeder sicher.

(Foto: dpa)

Innerhalb von acht Wochen hat die Delta-Variante in Großbritannien überhandgenommen. Genau das steht nach den Worten von Virologin Jana Schroeder auch für Deutschland bevor. Das Impftempo ist jetzt entscheidend - und, dass Deutschland für den Herbst in Schulen und Kitas vorsorgt.

ntv: Der Anteil der Delta-Variante an den Neuinfektionen liegt jetzt bei 6,2 Prozent, er hat sich innerhalb einer Woche verdoppelt. Müssen wir uns da Sorgen machen?

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Dr. Jana Schroeder ist Chefärztin des Instituts für Krankenhaushygiene und Mikrobiologie der Stiftung Mathias-Spital.

Jana Schroeder: In der Tat hat sich der Anteil der Delta-Variante vergrößert, aber die absolute Zahl ist eher ein bisschen niedriger als in der Vorwoche - das nur einmal zur Einordnung. Nichtsdestotrotz ist das ein deutliches Warnsignal. Die Delta-Variante ist wesentlich leichter übertragbar als das ursprüngliche Virus. Das hatte eine Übertragbarkeit, also einen R-Null-Wert, von 2,5. Das heißt, ein Patient hat im Durchschnitt 2,5 andere Menschen angesteckt. Der R-Null-Wert der Delta-Variante liegt bei 5 bis 8. Das ist also eine Art Superspreader-Variante. In Großbritannien hat es acht Wochen gebraucht, bis diese Variante dominant wurde. Die Welle mit der Delta-Variante ist bereits quasi gebucht, auch für Deutschland. Es ist nur die Frage, wie groß sie ausfällt und der Zeitpunkt ist unklar. Im Wettrennen zwischen der Delta-Variante und den Impfungen muss auf jeden Fall die Impfung gewinnen.

Ist sie auch gefährlicher?

Es scheint so zu sein, als wäre diese Variante auch etwas krankmachender. Und insgesamt gibt es eine Überbetonung bei den Jüngeren und bei den Erstgeimpften. Eine doppelte Impfung schützt gut. Das ist sehr beruhigend. Aber wegen dieser Überbetonung bei den Jüngeren haben wir auch im Moment in England eine Hospitalisierungsrate bei Kindern von ungefähr einem Prozent.

Was weiß man noch über die Delta-Variante?

Sie verursacht eine etwas andere Symptomatik, nämlich vermehrt Schnupfen. Das ist das, was wir aus den ersten Daten sehen. Sie kann gut mit der Sommergrippe verwechselt werden. Das ist sicherlich relevant, wenn man als Person mit diesen Symptomen überlegt, einen PCR-Test zu machen.

Was müsste jetzt passieren, um Kinder und Jugendliche in Deutschland im Herbst zu schützen?

Diesen Sommer müssen Pläne für den Herbst gemacht und mit der Umsetzung muss jetzt begonnen werden. Man darf nicht den Respekt vor dem Virus verlieren und hoffen, dass es nicht so schlimm kommt. Ohne sichere Schulen und Kitas bekommen wir keine effiziente Pandemiebekämpfung hin. Ein hinreichender Infektionsschutz ist durchaus machbar, denn wir dürfen die Infizierung der Kinder nicht einfach als Kollateralschäden der Pandemie hinnehmen. Wie viele der seltenen Komplikationen sind akzeptabel und wie viele sind zu viel? Die mittlerweile geimpften Älteren müssen sagen: Wir sind uns dieser sehr großen Verantwortung bewusst und schützen die Kinder.

Was muss konkret unternommen werden?

Für Schulen besonders wichtig ist eine niedrige Inzidenz. Denn wenn die Inzidenz niedrig ist, sind auch Ausbrüche an Schulen seltener. Zudem bedarf es mindestens einer uneingeschränkten Maskenpflicht nach Urlaubsrückkehr und, je nach Infektionsgeschehen, auch einer längeren Maskenpflicht. Luftdeckenfilter müssen flächendeckend installiert werden. In den Schulen haben wir eine Hochrisikosituation: viele Menschen in einem Raum. Und die kann durch technische Lösungen entschärft werden. Dann sollte die Testpflicht beibehalten und möglichst auch auf eine Pool-PCR-Testung umgestellt werden. Die Antigen-Schnelltests übersehen doch einen relevanten Teil der Infizierten. Diese Tests zu etablieren, ist auch sinnvoll für mögliche weitere Pandemien. Dann sollten auch die Gruppengrößen in den Klassen kleingehalten und kreative Konzepte überlegt werden, also zum Beispiel Unterricht auch mal draußen zu machen und auch studentische Hilfskräfte einzubeziehen, um die Klassengrößen kleinhalten zu können. Und bei Ausbrüchen ist es wichtig, dass ein unkomplizierter Wechsel in Distanzunterricht möglich ist.

Ist es verantwortbar, im Sommer zu verreisen und wenn ja, wie?

Eine Reise ist erst mal nicht per se gefährlich. Es geht natürlich um das Verhalten auf der Reise und am Urlaubsort. Am ungefährlichsten ist es sicherlich, wenn man mit dem eigenen PKW anreist und in eine Ferienwohnung geht. Das halte ich für ziemlich unkritisch, weil man sich im Urlaubsort genauso verhält wie zu Hause. Auch Deutschland ist als Reiseland sicherlich eine gute Idee, denn man kann diese Pandemie auch nicht immer gut voraussehen.

Fußballspiele in der EM finden überall in Europa statt. Wenn man verreisen will, zum Beispiel nach Mallorca, kann es ja auch sein, dass Briten dort hinreisen. Ist das eine realistische Gefahr, dass sich die Delta-Variante so verbreitet?

Ja, das ist schon so. Mobilität trägt zur Variantenverbreitung bei. Aber da gilt es individuell darauf zu achten. Den Infektionsschutz, den wir kennen, hat man ja jetzt auch verinnerlicht - eben auf diese Dinge auch am Urlaubsort zu achten, um dieses Risiko möglichst kleinzuhalten, und vielleicht auch einfach nicht in Risikogebiete zu fahren.

Der Tübinger Impfstoffhersteller Curevac meldet in einer Analyse nur eine Wirksamkeit von 47 Prozent. Was bedeutet das für das Impftempo bei uns?

Das ist wirklich schade, dass sich das so herausgestellt hat. Die Impfstoffmengen sind ja knapp. Das hätte zwar noch ein bisschen gedauert bis zur Zulassung von Curevac, aber den Impfstoff hätten wir schon ganz gut brauchen können in der Pandemiebekämpfung. Aber das ist nun mal so, wir müssen damit leben.

Mit Jana Schroeder sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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