Panorama

Anteil fast verdoppelt Delta-Variante breitet sich in Deutschland aus

Ein Abstrich wird in einem Labor auf das Coronavirus untersucht. Foto: Oliver Berg/dpa/Symbolbild

Der Anteil an Proben, in denen die Variante Delta nachgewiesen wurde, hat sich in Deutschland zuletzt fast verdoppelt.

(Foto: Oliver Berg/dpa/Symbolbild)

Noch dominiert in Deutschland die Alpha-Variante von Sars-CoV-2 - doch Experten gehen davon aus, dass Delta mit der Zeit das Feld übernehmen wird. Die Variante gilt als deutlich ansteckender. Neueste Daten scheinen die Befürchtungen zu bestätigen. Es droht ein Wettrennen mit der Impfkampagne.

Die in Indien entdeckte Coronavirus-Variante Delta (B.1.617.2) breitet sich in Deutschland aus. Laut dem aktuellen "Bericht zu Virusvarianten" des Robert-Koch-Instituts (RKI) wächst der Anteil der Proben, in denen Delta gefunden wurde, zuletzt deutlich auf 6,2 Prozent. Die Daten beziehen sich auf die Kalenderwoche 22 vom 31. Mai bis 6. Juni. Ein deutlicher Anstieg im Vergleich zur Vorwoche als der Anteil noch bei 3,7 Prozent gelegen hatte.

Die Varianten Beta (B.1.351) und Gamma (P.1.) hingegen liegen weiter auf niedrigem Niveau, ihr Anteil beträgt jeweils weniger als 1 Prozent. Die weiterhin dominierende Sars-CoV-2 Variante ist laut dem RKI-Bericht jedoch weiterhin die Variante Alpha (B.1.1.7) mit einem Anteil von 86 Prozent. Allerdings ist sie schon merklich auf dem Rückzug, in der Vorwoche waren es noch 90 Prozent. Es sei davon auszugehen, dass der Rückgang von Alpha mit dem steigenden Anteil von Delta einhergeht, heißt es in dem Bericht - zudem sei damit zu rechnen, "dass sich diese Entwicklung fortsetzt".

In Großbritannien hat Delta bereits Alpha als vorherrschende Variante abgelöst. Gut 90 Prozent der neuen Fälle sind dort auf Delta zurückzuführen. Experten sehen gute Chancen, dass dies auch in Deutschland passieren könnte. Delta oder ähnliche Varianten würden "sicherlich bis zum Herbst hier auch das Feld dominieren", sagte der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité kürzlich im Podcast "Coronavirus-Update" von NDR-Info. "Die Delta-Variante könnte sich auf lange Sicht auch in der EU und Deutschland durchsetzen", sagte Epidemiologe Timo Ulrichs im Gespräch mit ntv. "Wir sehen das ja in Großbritannien, obwohl da schon so viel durchgeimpft ist."

60 Prozent ansteckender als Alpha

Die Variante Delta ist Analysen zufolge wesentlich ansteckender als der in Großbritannien entdeckte Alpha-Typ. Das Risiko, die Menschen im eigenen Haushalt anzustecken, sei bei Delta schätzungsweise 60 Prozent höher als bei Alpha, teilte die englische Gesundheitsbehörde Public Health England (PE) am vergangenen Freitag mit. Laut einer kürzlich im Fachmagazin "Lancet" veröffentlichten Studie ist auch das Risiko, nach einer Infektion im Krankenhaus behandelt werden zu müssen, bei der Delta-Variante größer.

Eine weitere Besonderheit: Delta verursacht laut ersten Erkenntnissen auch etwas andere Symptome als frühere Typen von Sars-CoV-2. In einer britischen App zur Überwachung von Corona-Symptomen wurden zuletzt am häufigsten Kopfschmerzen, eine laufende Nase und eine raue Kehle gemeldet, wie die BBC berichtete. Fieber gehört zwar immer noch zu den Symptomen, nicht aber der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. Das bedeute, dass sich Covid-19 für einige jüngere Menschen mehr wie eine einfache Erkältung anfühle, sagte Studienleiter Tim Spector vom King's College London.

Die gute Nachricht ist jedoch, dass die existierenden Impfstoffe gegen Delta offenbar ebenfalls solide wirken - auch wenn sich die Variante stärker als andere deren Schutzwirkung entziehen kann. Laut der "Lancet"-Studie schützt das Vakzin von Biontech/Pfizer etwa zu 79 Prozent gegen Delta im Vergleich zu 92 Prozent gegen die Alpha-Variante. Bei Astrazeneca liege der Schutz bei 60 Prozent im Vergleich zu 73 Prozent. Vorherige Studien und Datenerfassungen hatten ähnliche Ergebnisse erbracht.

Wettlauf mit dem Impfen

Allerdings betonte die britische Gesundheitsbehörde PHE jüngst, dass Menschen mit einem vollständigen Impfschutz durch zwei Dosen der Mittel von Biontech/Pfizer oder Astrazeneca zwar sehr gut gegen schwere Krankheitsverläufe bei der Delta-Variante geschützt seien. Allerdings sei die Schutzwirkung bei nur einer Dosis merklich geringer - vor allem beim Astrazeneca-Impfstoff. Die Untersuchung bestätige, wie wichtig es sei, die zweite Impfung zu erhalten, sagte der britische Gesundheitsminister Matt Hancock.

Während Großbritannien zuletzt wieder steigende Fallzahlen sieht, entwickelt sich die Lage in Deutschland derzeit positiv: Die Sieben-Tage-Inzidenz fällt jeden Tag deutlich, die Zahl der Corona-Patienten in Krankenhäusern sinkt, ebenso die Zahl der Toten. Doch Deutschland könnte aktuell da stehen, wo Großbritannien sich noch vor wenigen Wochen wähnte. Daher mahnen Experten beim Impfen zur Eile. Es gelte, für eine möglichst hohe Impfquote bei Erwachsenen zu sorgen, sagte Drosten. "Dann werden wir keine großen Probleme haben."

Ein Fragezeichen sieht Drosten nur beim Thema Kinder. In England würden Ausbrüche in Schulen durch die Delta-Variante beobachtet. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach forderte daher im RBB, auch Kindern ein Impfangebot zu machen. "Gerade bei der Delta-Variante haben wir in England gesehen, dass von den infizierten Kindern ein Prozent so schwer erkranken, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Das ist keine Kleinigkeit." Die Ständige Impfkommission hatte dagegen keine Impfempfehlung für Kinder ausgesprochen. Sie argumentierte, dass Covid-19 in der Altersgruppe nur sehr selten einen schweren Verlauf nimmt und daher eine Impfung die Risiken durch mögliche Nebenwirkungen nicht überwiegen.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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