Panorama
Papst Franziskus winkt den Menschen auf dem Petersplatz in Rom zu.
Papst Franziskus winkt den Menschen auf dem Petersplatz in Rom zu.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 03. Juni 2018

Homosexualität und Kirche: "Der Papst ist leider nicht eindeutig"

Gerhard Ludwig Kardinal Müller hält Feindseligkeiten gegen Schwule und Lesben für eine Erfindung totalitärer Kirchengegner, für "Betrug". Der Theologe Stephan Goertz erklärt, für was diese Aussagen stehen.

Gerhard Ludwig Kardinal Müller hält Feindseligkeiten gegen Schwule und Lesben für eine Erfindung totalitärer Kirchengegner, für "Betrug". Der Theologe Stephan Goertz erklärt, für was diese Aussagen stehen.

n-tv.de: Herr Prof. Goertz, Sie beschäftigen sich als Theologe seit vielen Jahren mit dem Verhältnis der katholischen Kirche zur Homosexualität. Für was stehen die Äußerungen von Kardinal Müller?

Stephan Goertz: Sie sind Ausdruck eines von Kardinal Müller empfundenen Kulturkampfes. Auf der einen Seite stehe die liberale Position der Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben und ihren Beziehungen, auf der anderen die zu bewahrende Exklusivität der Ehe zwischen Mann und Frau. Das verwendete Vokabular zeigt, dass Müller überzeugt ist, mitten im Kampf um die Wahrheit zu stehen. Dabei bleiben Argumente und Differenzierungen auf der Strecke.

Stephan Goertz ist Professor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Mainz.
Stephan Goertz ist Professor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Mainz.(Foto: Johannes Gutenberg Universität Mainz / uni-mainz.de)

Das kennen wir inzwischen zur Genüge aus der Politik, dass nicht mehr argumentiert, sondern vor allem provoziert und zugespitzt wird. Was kritisieren Sie an Kardinal Müller?

Dass theologische und humanwissenschaftliche Erkenntnisse, die in der Debatte um den Umgang mit Homosexualität oder in der Geschlechterforschung seit Jahrzehnten vorgetragen werden, nicht zu Wort kommen. Wer sich so exponiert äußert, darf man von dem nicht erwarten, dass er sich in der Materie auskennt? Mein Eindruck: Müller schlägt zurück, weil er sich angegriffen fühlt.

Das wird er auch. Seine schärfsten Gegner sind nicht weniger zimperlich in der Wortwahl. Gegen was wehrt er sich?

Der Position, für die Müller steht, wird Homophobie unterstellt. Und das bewertet der Kardinal als eine unfaire Pathologisierung seiner Sicht auf die Dinge. Er geht davon aus, dass er die Wahrheit auf seiner Seite hat. Es kränkt ihn daher, wenn ihm Homophobie unterstellt wird.

An welcher Stelle bringen Sie Verständnis auf?

Wer lässt sich schon gerne vorwerfen, dass er krank und hasserfüllt sein muss, weil er eine Position vertritt, die nicht der Mehrheitsmeinung entspricht? Das Wort Homophobie ist tatsächlich eher ein Kampfbegriff als eine wissenschaftlich etablierte Kategorie. Daher wird lieber von sexuellen Vorurteilen oder negativen Einstellungen gegenüber Homosexualität gesprochen. In dem Moment, wo ihm Homophobie vorgeworfen wird, dreht Kardinal Müller den Spieß herum und nennt seine Gegner Ideologen und Anhänger totalitären Denkens. Auf die eine Grobheit reagiert er mit einer anderen. Doch wenn sich beide Seiten nur noch gegenseitig Verblendung vorhalten, wird es keinen Dialog geben.

Auch das kennen wir aus dem politischen Raum: Plakative Wortfetzen, Beschimpfungen und steile, wenn nicht absurde Thesen und Vorwürfe verhindern echten Meinungsaustausch.

Genau das ist das Problem. Diejenigen, die in den Kirchen sowie den Schwulen- und Lesbenverbänden versuchen, Brücken zu bauen, werden attackiert. Äußerungen wie die von Kardinal Müller werden als destruktiv wahrgenommen. Dabei ist doch unbestreitbar, dass Homosexuelle noch immer auf Vorurteile stoßen, Ablehnung und Geringschätzung erfahren. Wer das leugnet, fügt ihnen abermals Schmerz zu.

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Sind das nur die älteren und alten Herren im Katholizismus, die die Position Müllers vertreten? Geht der Riss quer durch die Kirche oder ist es ein Konflikt zwischen Jung und Alt?

Das kann man so generell nicht sagen. Aus der Forschung wissen wir: Je liberaler und demokratischer eine Gesellschaft ist, desto weniger verbreitet sind Vorurteile gegenüber sexuellen Minderheiten. In allen Religionen gibt es mehr oder weniger starke Gruppierungen, die ein sehr enges, restriktives Modell des Geschlechterverhältnisses propagieren. Meist zu Lasten der Frauen und der sexuellen Minderheiten. In westlichen Ländern nimmt die Toleranz gegenüber Homosexuellen dagegen zu. Einige Konservative sehen darin einen Angriff auf die moralische Ordnung und halten mit scharfen Äußerungen dagegen, weil sie in die Defensive geraten sind. In anderen Teilen der Welt würden die Äußerungen des Kardinals womöglich auf große Zustimmung stoßen.

Gerade deshalb wäre es gut, die Haltung der Bischofskonferenz zu kennen. Sie lehnt aber eine Stellungnahme ab.

Die Bischofskonferenz wird sich nicht äußern, weil es unter den Bischöfen keine einmütige Haltung gegenüber Homosexualität und gleichgeschlechtlichen Beziehungen gibt, die über das Bekenntnis hinausgeht, Schwule und Lesben als Menschen zu achten und sie nicht diskriminieren zu wollen. Schweigen ist in diesem Falle jedenfalls nicht als Zustimmung zu bewerten. Die Position von Kardinal Müller ist eine neben anderen.

Wenn Sie die unterschiedlichen Haltungen in der Kirche ansprechen, denken Sie sicher an den Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, der ein Nachdenken über die Segnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen fordert.

Er ist unter den deutschen Bischöfen bisher der mutigste in der Debatte. Aber langsam beginnen auch andere, über schwule und lesbische Beziehungen anders zu sprechen. Man beginnt, das Wertvolle in ihnen anzuerkennen. Und man blickt selbstkritischer auf die eigene Geschichte. So nimmt man Ernst, was der Papst immer wieder fordert: die Lebenssituationen von Menschen differenziert zu beurteilen. Das Schwarz-Weiß-Denken sollte bei den Fragen von Sexualität und Beziehungen der Vergangenheit angehören.

Allerdings ist aus den Äußerungen von Franziskus nicht wirklich abzulesen, wie er zu Homosexuellen und gleichgeschlechtlichen Beziehungen steht, weshalb Kardinal Müller auch erklärt, das Kirchenoberhaupt sei exakt seiner Meinung.

Eine letzte Eindeutigkeit kann man in der Tat leider noch nicht erkennen. Im Gegensatz zu manch anderen verzichtet Franziskus jedoch auf die Wiederholung der schroffen Verurteilungen der Vergangenheit. Auch von der möglichen Heilung der Homosexualität ist zum Glück keine Rede mehr. Der Papst will auf die Person und ihre Lebenssituation blicken und wegkommen von der alten Fixierung auf ihr sexuelles Verhalten. Es wäre ein großer Schritt, wenn die katholische Kirche ihre pauschale negative Bewertung von Homosexualität hinter sich ließe.

Das heißt, die katholische Kirche korrigiert ihr Verhältnis zu Schwulen und Lesben, weil es der aktuelle Papst befürwortet?

Nicht weil der Papst es befürwortet - das wäre ja noch kein Argument in der Sache. Aber es hilft natürlich, wenn aus Rom Signale kommen, dass freimütiger über solche Themen gesprochen werden darf. Wir müssen raus aus den Gräben des Kulturkampfes.

Mit Stephan Goertz sprach Thomas Schmoll

Quelle: n-tv.de