Panorama

Italien in Coronavirus-Zeiten "Der Spuk ist irgendwann zu Ende"

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Der Domplatz in Mailand ist ziemlich leer - normalerweise tobt hier das Leben.

(Foto: Andrea Affaticati)

Nicht nur im Quarantänegebiet Norditaliens, sondern auch in Mailand leben die Menschen seit dem Ausbruch der Covid-19-Epidemie im Ausnahmezustand. Die einen machen sich um ihre Arbeit Sorgen, andere versuchen den Abgeriegelten trotzdem beizustehen.

In Italien steigt die Zahl der Coronavirus-Erkrankten weiter. 21 Menschen sind an den Folgen des Virus bereits gestorben. Mehr als 800 Personen gelten als infiziert. Die am schwersten betroffenen Regionen sind die Lombardei, Venetien und Emilia-Romagna. Einige Fälle sind auch in anderen Teilen des Landes aufgetreten, wobei es sich aber bei allen um Personen handelt, die entweder aus der Lombardei kommen oder vor Kurzem dort waren.

Was erleben die Menschen in der und um die Quarantänezone in der Lombardei? Und wie reagieren die Mailänder, die von der roten Zone nur 60 Kilometer weit entfernt sind, auf diesen Ausnahmezustand? Um das herauszufinden, ging es mit der Vespa entlang der ehemaligen Römerstraße via Emilia von Mailand Richtung Quarantänegebiet.

Der erste Halt ist in der Provinzstadt Lodi, die 40 Kilometer südöstlich von Mailand liegt. Beim Bäcker warten die Kunden darauf, bedient zu werden und plaudern währenddessen miteinander. "Ehrlich gesagt bin ich es leid, auf Distanz gehalten zu werden", sagt eine Frau zu ihrer Bekannten. "Ich habe heute noch einmal im Büro angerufen und wieder dieselbe Antwort bekommen - ich soll weiter zu Hause bleiben. Lodi steht doch nicht unter Quarantäne. Wir sind genauso wie Mailand in der gelben Zone, dürfen uns also frei bewegen."

Angst um den Arbeitsplatz

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Hamsterkäufe in Norditalien: Die Regale sind restlos leer.

(Foto: Andrea Affaticati)

Zehn Kilometer weiter, in der Ortschaft Secugnago, steht Michael Denti, Mitte 30, etwas abseits vom Lebensmittelgeschäft, wo seine Mutter gerade einkauft. Ein Schild auf der Tür des Geschäfts teilt den Kunden mit, dass nicht mehr als zwei bis drei Personen auf einmal hineindürfen und diese Mundschutz tragen müssen. Denti erzählt ntv.de, dass er im Moment zwangsbeurlaubt ist. Er arbeite für MTA, ein Großunternehmen, das die Autoindustrie in der ganzen Welt beliefert. MTA hat seinen Sitz in Codogno, wo der erste Coronavirus-Fall der Region identifiziert wurde. Im Moment müssen alle 600 Mitarbeiter zu Hause bleiben. "Natürlich kann ich die Sicherheitsmaßnahmen verstehen", fährt Denti fort. "Nur - wie lange sollen wir in diesem Ausnahmezustand leben? Na ja, irgendwann ist der Spuk zu Ende." Freilich, ihm gehe es besser als seinen Kollegen in der roten Zone.

Trotzdem mache er sich Sorgen, besonders um den Arbeitsplatz. Es ist eine Sorge, die nicht nur ihn umtreibt. Allein in der roten Zone befinden sich 3400 Unternehmen, in der ganzen Provinz Lodi sind es 15.000 mit insgesamt 56.000 Mitarbeitern. Und alle kämpfen mit den negativen Folgen dieser Notsituation. Zwar hat die Regierung verkündet, man werde sie nicht im Stich lassen, was das aber heißt, weiß noch keiner.

Und dann kommt die Sperre - vier Kilometer vor der Gemeinde Casalpusterlengo. Eine Handvoll Sicherheitskräfte kontrolliert die Genehmigungen der Lkw-Fahrer, die die Einwohner mit allem Nötigen versorgen. Die Lieferungen erfolgen täglich, in der roten Zone gebe es keinen Mangel an Lebensmittel und Medikamenten, bestätigt der Bürgermeister der Gemeinde Elia Delmiglio ntv.de am Telefon. "Und ich muss sagen, ich bin auf meine Einwohner sehr stolz." Am Wochenende zuvor, gleich nach der Quarantäne-Verordnung, habe es einen kleinen Ansturm auf die Supermärkte gegeben. Doch das habe sich schnell gelegt. Jetzt werden die Kunden in kleinen Gruppen hineingelassen und die Bevölkerung hat sich dem ohne großes Murren gefügt.

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In den Geschäften schreiben die Betroffenen Hinweise zum Umgang mit der Quarantänesituation auf Aushänge.

(Foto: Andrea Affaticati)

Vor den Absperrungen ereignen sich auch rührende Szenen, wie der Rentner Luigi Malabarba ntv.de erzählt. Er wohnt in einem Einfamilienhaus gleich vor der Absperrung. "Immer wieder kommen Kinder, Freunde, Eltern mit Taschen voller Lebensmittel und anderen Sachen, übergeben sie den Sicherheitskräften, die diese wiederum an die Angehörigen in der abgeriegelten Zone weiterreichen." Dies geschehe nicht, weil es dort an etwas fehle, sondern um Nähe zu vermitteln, um im Kontakt zu bleiben. "Wir lassen uns nicht unterkriegen, wir kämpfen weiter", sagt der Mann.

Wie der Alltag hinter den Absperrungen verläuft, lassen sich Journalisten übers Internet von den Bürgern aus diesen Gemeinden erzählen. In den Videos sieht man leere Straßen, geschlossene Geschäfte, Kirchen, Schulen und Sportplätze, wo niemand mehr Sport treibt. Natürlich ist die ganze Situation bedrückend, doch man gibt sich tapfer. In der Tageszeitung "La Repubblica" las man am Donnerstag folgenden Eintrag von Laura Gozzini aus Codogno: "Schwirrt der Coronavirus jetzt auch in der Luft herum?, frage ich mich nach dem millionsten Statement eines Virologen. Ich mache mich aber trotzdem fertig und gehe hinaus spazieren. Ich denke an einen Satz, den ich unlängst gelesen habe und sehr passend finde. Er lautet mehr oder weniger so: 'Du sollst nie sagen, dass du Angst hast, ansonsten glauben die Dinge, vor denen du dich fürchtest, stark genug zu sein, um zu siegen'. Diesen Satz sollte man als Flugblatt über die rote Zone hinunterwerfen."

Mailands Motor gerät ins Stocken

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Casalpusterlengo: Die Menschen sind nur noch mit Mundschutz unterwegs.

(Foto: Andrea Affaticati)

Und vielleicht gleich auch über Mailand. Denn besonders in den ersten Tage dieser Woche schien es, als würde der mächtige Motor der Metropole langsam absaufen. Von den Kitas bis hin zu den Universitäten war alles geschlossen. Genauso wie Kinos, Theater und Kirchen, Scala und Dom.

Die Lokale mussten um 18 Uhr schließen, nur die Restaurants durften ihre gewöhnlichen Öffnungszeiten beibehalten. Doch die Kunden blieben ihnen, genauso wie den Geschäften, aus. In der zentralen Einkaufsstraße Corso Vittorio Emanuele, in der Luxusstraße Via Monte Napoleone, in der Galleria und am Domplatz waren so wenig Menschen wie noch nie unterwegs. Nur die Regale in den Supermärkten wurden in den ersten Tagen leergekauft. Es war, als wäre die Stadt in Depression verfallen.

Gemischte Stimmung in Mailand

"Viele meinen, dass diese Verordnungen übertrieben waren, die Angst geschürt haben. Ich finde aber, dass die Behörden richtig gehandelt haben. Die Gesundheit geht vor", sagt eine ältere Frau, die mit ihren zwei Enkelkindern auf den Weg in den Park ist, zu ntv.de.

Noemi Montedoro sieht die Sache anders. Sie ist Musikstudentin und verdient sich ihren Unterhalt als Kellnerin in ein paar Lokalen. "Aber die wurden ja geschlossen und da ich keinen fixen Vertrag habe, gehe ich diese Woche leer aus", erzählt sie. Dogsitting sei im Moment ihre einzige Einnahmequelle.

Mittlerweile hat die Stadtverwaltung die Sicherheitsmaßnahmen etwas gelockert. Die Lokale dürfen wieder aufmachen, auch der Dom soll ab Montag für die Touristen wieder geöffnet sein. Ob die Schulen wieder aufmachen, wird erst im Laufe des Wochenendes beschlossen werden. Die Stadt ist arg ins Stottern gekommen, jetzt hoffen die Mailänder, dass ihr Motor so schnell wie möglich wieder richtig anspringt.

Quelle: ntv.de