Panorama

Als Babys vertauschtDer seltsame Fall von Jonait und Riyan

24.01.2018, 12:17 Uhr
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Immer wieder passiert es, dass Babys im Krankenhaus verwechselt werden und in den falschen Familien aufwachsen. (Foto: imago/Mint Images)

Für die Eltern ist es ein Alptraum: Kurz nach der Geburt werden ihre Babys vertauscht. Drei Jahre und viele Tränen später können die Eltern ihre leiblichen Jungen endlich zurücktauschen - doch dann kommt alles anders.

Diese Geschichte klingt wie die Handlung eines Bollywood-Films, ist aber eine wahre Begebenheit. Am 11. März 2015 bringen zwei Mütter in einem Krankenhaus in Mangaldai im indischen Bundesstaat Assam zwei Jungen auf die Welt, beide wiegen 3,6 Kilogramm und werden im Abstand von nur fünf Minuten geboren. So weit, so normal.

Doch nach einigen Tagen kommen bei Salma Parbin Zweifel auf. "Dieses Baby ist nicht unseres", habe seine Frau gesagt, schildert Sahabuddin Ahmed der BBC. "Du solltest nicht so über ein unschuldiges Kind reden", erwidert der vermeintliche Vater von Jonait. Aber seine Frau lässt nicht locker. "Ich erinnerte mich an eine andere Frau im Kreißsaal und ich glaube, dass unsere Babys vertauscht wurden."

Obwohl Ahmed seiner Frau zunächst nicht glaubt, teilt er dem Krankenhaus den Verdacht seiner Frau mit. Dort winkt man ab und erklärt, seine Frau habe wohl mentale Probleme und brauche psychiatrische Hilfe. Diesmal ist es Ahmed, der nicht locker lässt. Er verlangt Auskunft über alle Kinder, die am 11. März 2015 gegen sieben Uhr im Krankenhaus geboren wurden. Einen Monat später erhält er die gewünschten Daten. Er studiert die Aufzeichnungen und entscheidet, eine der sieben Mütter genauer unter die Lupe zu nehmen. Es handelt sich um die Hindu-Frau Anil Boro, die zusammen mit ihrem Mann Shewali rund 30 Kilometer entfernt lebt.

"Ich ging zweimal in ihr Dorf, aber ich brachte nicht den Mut auf, ihr Haus zu besuchen", erinnert sich Ahmed. Also habe er einen Brief geschrieben und den Verdacht geschildert, versehen mit seiner Telefonnummer.

Die Adressierten ahnen nicht, dass ihr Kind vertauscht worden war. Erst der Brief und ein anschließendes Treffen ändern alles. "Als ich Jonait zum ersten Mal sah, erkannte ich seinen Vater wieder. Ich war sehr traurig", erinnert sich seine biologische Mutter Anil. Sahabuddin Ahmed und seine Frau sind Muslime. "Wir gehören zur ethnischen Gruppe der Bodo in Nordindien. Unsere Augen neigen sich nach oben, unsere Wangen und Hände sind praller. Wir haben mongolische Züge", so die Hindu-Frau. Auch Salma Parbin erkennt in Riyan sofort ihr Kind und will die beiden Jungen am liebsten sofort tauschen, doch die Boros lehnen ab.

DNA klärt Identität, Tränen im Gericht

Ein bürokratischer Wettlauf beginnt: Auf Drängen von Herrn Ahmed leiten die Krankenhausbehörden eine Untersuchung ein. Nach Rücksprache mit der Krankenschwester, die am Tag der Geburt Dienst hatte, wird jedes Fehlverhalten ausgeschlossen. Ein DNA-Test ergibt, dass es keine genetische Übereinstimmung zwischen Salma Parbin und Jonait gibt. Ahmed reicht Beschwerde bei der Polizei ein und hat Erfolg. Beamte übernehmen den Fall. Im November bestätigt ein zweiter DNA-Test den Verdacht des Kindertauschs.

Nachdem die wahre Identität der beiden inzwischen fast dreijährigen Jungen geklärt ist, sehen sich die Familien am Ziel. Anfang Januar sollen die vertauschten Kinder zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren. "Der Richter erklärte uns, dass wir die Kleinen tauschen dürften, aber wir lehnten ab", zitiert die BBC Salma Parbin. "Denn wir haben sie die letzten drei Jahre aufgezogen, wir können sie einfach nicht mehr gehen lassen." Auch Jonait und Riyan weinten im Gerichtssaal und wollten sich nicht von ihren nicht leiblichen Mütter trennen.

Wenn sie größer sind, sollen die Jungen noch einmal die Wahl haben, bei welchem Elternpaar sie leben möchten. Bis dahin wolle man sich regelmäßig treffen, so die Familien. Können die unterschiedlichen religiösen Hintergründe irgendwann einmal zum Problem für die vertauschten Kinder werden, will die BBC wissen? "Ein Kind ist ein Kind", sagt Sahabuddin Ahmed. "Es ist ein Geschenk Gottes, es wird nicht als Hindu oder Moslem geboren."

Quelle: dsi

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