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Krisen, Umbrüche, Veränderungen: "Für Egoisten ist kein Platz mehr."
Krisen, Umbrüche, Veränderungen: "Für Egoisten ist kein Platz mehr."(Foto: picture alliance / dpa)
Freitag, 15. Dezember 2017

"Das Ende des Egoismus": Deutsche streben nach Zusammenhalt

Wie gehen Deutschlands Bürger mit den Herausforderungen der Gegenwart um? In einer Umfrage kommen Forscher in der Vorweihnachtszeit zu bemerkenswerten Ergebnissen. Die Mehrheit sieht für Egoisten "in der Gesellschaft" demnach "keinen Platz".

Egoisten stoßen in Deutschland offenbar zunehmend auf gesellschaftliche Ablehnung. In einer aktuellen Erhebung sprachen sich 84 Prozent der befragten Bundesbürger dafür aus, dass für "Egoismus in unserer Gesellschaft immer weniger Platz" sei. Die Mehrheit der Deutschen wolle "mehr zusammenhalten", heißt es in der Studie der BAT Stiftung für Zukunftsfragen, für die Wissenschaftler 2000 Bundesbürger in persönlichen Interviews befragt hatten.

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"In Zeiten wie diesen, die von Krisen, Umbrüchen und Veränderungen geprägt sind, ist für Egoisten kein Platz mehr", fassen die Autoren der Studie das Stimmungsbild zusammen. Diesbezüglich seien sich alle befragten Deutschen einig, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Wohnort, heißt es. "Was den Bürgern wirklich wichtig ist, sind materielle Sicherheit und zugleich soziale Geborgenheit", erklärt der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Ulrich Reinhardt.

Neue Netzwerke

Die Deutschen suchen offenbar nicht mehr nur nach einem höheren Lebensstandard, sondern achten zunehmend auch auf eine bessere Lebensqualität. Dafür seien sie auch bereit, "Abstriche in ihrer individuellen Freiheit hinzunehmen", heißt es. Konkret zeige sich diese Einstellung zum Beispiel im gesellschaftlichen Miteinander, etwa bei der wechselseitigen Hilfe unter Nachbarn und Freunden.

"Nicht nur beruflich ist es sinnvoll, auf stabile Netzwerke zu bauen", erklärt Reinhardt. "Auch privat hilft ein verlässliches Netzwerk in fast jeder Lebenssituation. Die Gegenseitigkeit ist dabei von zentraler Bedeutung für die Mehrheit der Bundesbürger."

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Gute soziale Beziehungen sind aus der Sicht der Mehrheit wichtiger für das persönliche Wohlbefinden als materielle Güter. Denn je mehr verlässliche Kontakte jemand habe, desto zufriedener ist er mit seinem Leben, beschreiben die Autoren der Studie den Effekt. Der Begriff der Nachhaltigkeit spiele in persönlichen Beziehungen demnach ebenso eine immer wichtigere Rolle wie in der Wirtschaft oder der Umwelt.

Renaissance der Nachbarschaft

Das direkte Umfeld, wie Familie und Freunde, sei dabei von zentraler Bedeutung, sagt Zukunfts- und Gesellschaftsforscher Reinhardt. 90 Prozent der befragten Bundesbürger stimmten daher auch folgender Aussage zu: "Was auch immer auf uns zukommt, für mich ist und bleibt die Familie das Wichtigste im Leben."

Auch die Nachbarschaft erlebt der Studie zufolge eine Renaissance. Gerade in einer älter werdenden Gesellschaft sei gegenseitige Unterstützung "hilfreich und wertvoll". So gaben 60 Prozent der Bundesbürger an, dass sie den Wert der Nachbarschaft wiederentdecken, weil sie "zunehmend das Gefühl bekommen, aufeinander angewiesen zu sein".

Nicht selten müsse die Nachbarschaft bei traditionell familiären Fragen einspringen, da aufgrund der beruflichen Situation und der im Arbeitsleben geforderten Mobilität schlicht weniger Familien auch am selben Ort leben. Die gefragten Aufgaben reichen dabei vom sozialen Austausch bis zur Unterstützung im Bedarfsfall – ob Blumengießen im Urlaub, Hilfe beim Einkauf oder spontanes Babysitten.

Insgesamt zeichnet die Stiftung für Zukunftsfragen ein optimistisches Bild: Beständigkeit ersetze Beliebigkeit, heißt es im Fazit der Studie. Geborgenheit entstehe durch Gemeinsamkeit. "Das Zeitalter der reinen Ich-Bezogenheit und des Hedonismus nähert sich anscheinend seinem Ende und wird ersetzt durch Individualität und Gemeinschaft." In Deutschland gibt es demnach in Zukunft weder ein "Nur Ich" noch ein "Nur Wir", sondern ein "Ich und "Wir".

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Quelle: n-tv.de