Panorama
Erste Bilder: die "Flaminia" drei Tage nach der Explosion.
Erste Bilder: die "Flaminia" drei Tage nach der Explosion.(Foto: Reederei NSB)
Mittwoch, 18. Juli 2012

Brennender Frachter im Nordatlantik: Retter erreichen "MSC Flaminia"

Von Martin Morcinek

Eine dunkle Rauchsäule über dem deutschen Containerschiff weist Havarie-Experten auf den letzten Seemeilen den Weg: Mitten im Nordatlantik trifft ein Bergungsschlepper auf die qualmende Hülle der "MSC Flaminia". Die Löscharbeiten beginnen. Helfer suchen nach dem vermissten Seemann. Das Schiff scheint schwer beschädigt.

Baujahr 2001: die "Flaminia" auf der Niederelbe bei Hamburg (Archivbild).
Baujahr 2001: die "Flaminia" auf der Niederelbe bei Hamburg (Archivbild).(Foto: dapd)

Drei Tage nach einer schweren Explosion an Bord des deutschen Containerschiffs "MSC Flaminia" haben Bergungsexperten den Unglücksort mitten im Nordatlantik erreicht und Bilder des havarierten Frachters übermittelt.

Der eigens ausgesandte hochseetaugliche Feuerlösch-Schlepper "Fairmont Expedition" des niederländischen Bergungsunternehmens Smit traf die "Flaminia" verlassen und offenbar noch immer brennend an. Dunkle Rauchwolken hingen über dem sichtlich schwer gezeichneten Schiff der Hamburger Reederei Niederelbe Schiffahrtsgesellschaft (NSB). Das Unternehmen mit Sitz in Buxtehude hat die "Flaminia" an die Reederei MSC verchartert. "Die Löschmaßnahmen wurden umgehend eingeleitet", teilte NSB mit.

Wenige Stunden zuvor hatte die "MS Hanjin Ottawa", die auf Weisung der Reederei NSB ihren Kurs geändert hatte, die "Flaminia" in der Nähe ihrer zuletzt gemeldeten Position entdeckt. Der zweite Ingenieur der "Hanjin Ottawa" wechselte an Bord des Schleppers, um die Löscharbeiten "mit technischer Expertise" zu unterstützen und den Zustand der "Flaminia" für die Reederei vor Ort einzuschätzen. Aufgrund baulicher Ähnlichkeiten zwischen der "Hanjin Ottawa" und der "Flaminia" ist er mit den Anlagen an Bord bestens vertraut.

Falsch deklarierte Ladung? Wegen der akuten Gefahr weiterer Explosionen ließ der Kapitän das Schiff komplett räumen.
Falsch deklarierte Ladung? Wegen der akuten Gefahr weiterer Explosionen ließ der Kapitän das Schiff komplett räumen.(Foto: Reederei NSB)

Im Auftrag von NSB soll der Schiffsoffizier dem Bergungsteam aus den Niederlanden insbesondere auch dabei helfen, das bordeigene Feuerlöschsystem der "Flaminia" wieder in Betrieb zu nehmen.

Die knapp 300 Meter lange "Flaminia" trieb seit vergangenem Wochenende Frachter treibt im Atlantik . Aus noch ungeklärter Ursache war am Samstag an Bord Feuer ausgebrochen. Das Schiff befand sich zum Unglückszeitpunkt auf voller Fahrt von Charleston an der US-Ostküste nach Antwerpen. Bei den Löschversuchen der Besatzung ereignete sich schließlich die Explosion, die mehrere Seeleute schwer verletzte. Ein Besatzungsmitglied gilt weiterhin als vermisst.

Nach der Explosion entschied sich der Kapitän, das Schiff komplett mit allen Besatzungsmitgliedern und den zwei an Bord befindlichen privat reisende Passagieren zu räumen. Der zur Rettung herbei geeilte Tanker "DS Crown" nahm die Besatzung und ihre Mitreisenden aus den Rettungsbooten auf.

Zu weit draußen für die Heli-Rettung

Die Verletzten wurden anschließend einem in der Nähe fahrenden Containerfrachter aus der NSB-Flotte übergeben, der umgehend Kurs auf die Azoren nahm, wo sich die nächstgelegene Krankenstation befand. Von dort aus eilten Rettungshubschrauber dem improvisierten Krankentransport entgegen. Für den ersten Offizier der "Flaminia" kam die Hilfe zu spät. Er erlag kurz nach der Rettung seinen schweren Verbrennungen. Der Zustand der übrigen Verletzten ist stabil.

International gefragt im Schadensfall: Smit-Experten bei der Bergung der "Costa Concordia" (Archivbild).
International gefragt im Schadensfall: Smit-Experten bei der Bergung der "Costa Concordia" (Archivbild).(Foto: picture alliance / dpa)

Mit Spezialgeräten müssen die Bergungsexperten nun bis zu den brennenden Containern in der Schiffsmitte vordringen. Besonders problematisch: Brandherde im Frachtraum eines Containerschiffes sind nur sehr schwer erreichbar. Brandbekämpfer versuchen daher, die Stahlcontainer aus sicherer Distanz anzubohren, um das Löschmittel anschließend unter hohem Druck ins Innere zu schießen. Nur so lässt sich ein Containerfeuer wirkungsvoll ersticken. Das bordeigene Löschsystem kann die Flammen dagegen nur eindämmen.

"Der Bergungskapitän wird im weiteren Verlauf der Löschaktion eine erste Einschätzung der Lage und des Zustands des Schiffes geben", hieß es in einer Mitteilung der Reederei. "Anhand der von der 'Hanjin Ottawa' übermittelten Bilder lässt sich der Schaden an Ladung und Schiff nicht endgültig einschätzen. Deutlich wird aber, dass weder Aufbauten, Maschinenraum, die Hecksektion des Schiffes noch das Vorschiff unmittelbar von dem Brand und der Explosion betroffen sind."

Komplett verwüstetes Heck: Im Fall der "Hyundai Fortune" konnte das Feuer erst nach Tagen gelöscht werden (Archivbild).
Komplett verwüstetes Heck: Im Fall der "Hyundai Fortune" konnte das Feuer erst nach Tagen gelöscht werden (Archivbild).(Foto: ASSOCIATED PRESS)
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Sobald die Gefahr weiterer Explosionen gebannt ist, sollen Rettungskräfte die Suche nach dem vermissten Seemann wieder aufnehmen. Wenn dann auch die Lage an Bord stabil ist, soll die Fairmont Expedition die "Flaminia" zusammen mit dem Bergungsschlepper "Anglian Sovereign" in die nächstgelegene Werft in Europa bringen. Die Havariespezialisten sind mit komplizierten Bergungsaufträgen gut vertraut. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde das niederländische Unternehmen Smit im Zusammenhang mit der Bergung des vor Italien gekenterten Kreuzfahrtschiffs "", an der Smit-Experten beteiligt sind.

Risiko Gefahrgut?

Die Unglücksursache  liegt unterdessen weiter vollkommen im Dunkeln. Branchenbeobachter spekulierten, dass sich möglicherweise die Ladung in einem der rund 5000 Container an Bord selbst entzündet haben könnte. In Fachkreisen rief der Vorfall Erinnerungen an frühere Schiffsbrände wach. Diskutiert wurde, ob womöglich falsch deklarierte Ladung mit Gefahrgütern das Feuer ausgelöst haben könnte. Damit könnte der Fall der "MSC Flaminia" auch eine neue Debatte um Sicherheitsvorkehrungen im Containerverkehr auslösen.

Mindestens 1000 Seemeilen vom Festland entfernt: Die ungefähre Position der Flaminia - jenseits der Reichweite ziviler Rettungsflieger.
Mindestens 1000 Seemeilen vom Festland entfernt: Die ungefähre Position der Flaminia - jenseits der Reichweite ziviler Rettungsflieger.(Foto: stepmap.de)

Schifffahrtsexperten verwiesen in diesem Zusammenhang auf den Fall der "Hyundai Fortune", die im Jahr 1996 auf ihrer Fahrt in Richtung Suezkanal in Brand geriet, ebenfalls komplett evakuiert werden musste und nach mehreren schweren Explosion tagelang nahezu ausbrannte. Der Schaden an Schiff und Lage, so heißt es, habe sich damals auf etwa 800 Mio. Dollar belaufen. Immerhin ging die "Hyundai Fortune" nicht komplett verloren. Nach größeren Reparaturen und einigen Umbauarbeiten konnte sie wieder in den Einsatz als Containerfrachter zurückkehren.

Sicherheit im Containerverkehr

Die "Hyundai Fortune" war dabei nicht das erste Containerschiff, das unter zunächst unerklärlichen Umständen auf hoher See in Brand geriet. Ähnliche Vorfälle hatten sich zuvor auf Frachtschiffen ereignet, die Container mit Calciumhypochlorid geladen hatten. Bei unsachgemäßer Lagerung und unter Einfluss von Feuchtigkeit neigt die Chemikalie zur Selbsterhitzung.

Zum Einsatz kommt die vor allem in hohen Konzentrationen gesundheitsschädliche Substanz unter anderem in Schwimmbädern oder zum Bleichen von Textilien. Entsprechend häufig wird die Chemikalie gehandelt und verschifft - in der Regel in Großhandelsmengen. Ein einzelner Container kann mehrere Tonnen des Stoffs enthalten. Experten hielten ähnliche Hintergründe auch im Fall der "Flaminia" zumindest für denkbar. Die Reederei NSB wies allerdings in Reaktion auf entsprechende Gerüchte darauf hin, dass es in den Ladepapieren keinerlei Hinweise auf entsprechendes Gefahrgut gebe.

Die unverletzt gerettete Besatzung der "Flaminia" befindet sich unterdessen noch an Bord der "DS Crown" auf dem Weg nach Falmouth an der britischen Küste. Dort werden sie in der Nacht zu Donnerstag erwartet.

"Von dort aus werden unsere Besatzungsmitglieder und Passagiere wieder in ihre Heimatländer und zu ihren Familien zurückkehren", teilte die Reederei mit.

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Quelle: n-tv.de