Panorama

In Haiti regiert das Chaos Deutschland stockt Hilfe auf

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Die Menschen irren durch die Straßen von Port-au-Prince auf der Suche nach Angehörigen oder Nahrung.

(Foto: AP)

Das Jahrhundertbeben in Haiti ist für die Vereinten Nationen die schlimmste Katastrophe ihrer Geschichte. Unterdessen läuft eine gewaltige Hilfsaktion an. Deutschland stockt seine Soforthilfe um rund sechs Millionen auf 7,5 Millionen Euro auf. Zugleich wird von einem ersten deutschen Todesopfer berichtet.

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Die UN sprechen von der schlimmsten Katastrophe in ihrer Geschichte.

(Foto: REUTERS)

"Was vor allem die logistischen Probleme angeht, sind wir noch nie mit einer solchen Lage konfrontiert worden", sagte Elisabeth Byrs, Sprecherin vom UN-Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA), in Genf. "Wir erfahren keinerlei Unterstützung - vor allem nicht von staatlicher Seite", sagte Byrs. Dies stelle die Hilfsorganisationen vor nie zuvor gekannte Probleme.

Selbst beim Tsunami Ende 2004 in Asien mit mehr als 230.000 Toten habe man wenigstens die logistischen Probleme so nicht gehabt, sagte die Sprecherin. "Wir können auf keine staatliche Infrastruktur zurückgreifen und fangen praktisch bei Null an." Laut OCHA sind 26 Such- und Rettungsteams auf Haiti tätig. Noch immer gebe es keine verlässlichen Angaben über die Zahl der Todesopfer, berichtete die Organisation weiter. Die Identifizierung der Opfer bleibe ein großes Problem.

Erstes deutsches Opfer

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Unter den Trümmern werden noch zahllose Tote vermutet.

(Foto: REUTERS)

Deutschland stockt die Erdbebenhilfe für Haiti um sechs Millionen auf 7,5 Millionen Euro auf. Dies gab Außenminister Guido Westerwelle in Berlin bekannt. Zugleich berichtete Westerwelle, dass ein erstes deutsches Opfer durch das verheerende Erdbeben zu beklagen sei. Zur Person machte er keine Angaben. Weiterhin seien noch 30 Deutsche vermisst. Es sei nicht auszuschließen, dass darunter weitere Opfer zu beklagen seien. Der Außenminister sprach angesichts der Informationen aus der Botschaft und der fürchterlichen Bilder von einer "Katastrophe biblischen Ausmaßes" und einer menschlichen "Tragödie".

Mediziner völlig überfordert

Beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) spricht man vom "reinsten Chaos". "Die Zerstörung findet sich an jeder Ecke", zitiert die Organisation IKRK-Sprecher Simon Schorno nach seinen ersten Eindrücken in Port-au-Prince. Die Menschen irrten ohne Aussicht auf Hilfe, Unterkunft oder wie auch immer geartete Betreuung umher. Gleichzeitig verweist er aber auch auf "enorme Solidarität unter Nachbarn und Fremden". Das Wenige, das noch übrig geblieben sei, werde geteilt, berichtet Schorno.

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Ein Sanitätsschiff der USA wird in Port-au-Price festgemacht.

(Foto: Reuters)

Aber vor allem das medizinische Personal sei völlig überfordert. Nach IKRK-Angaben gibt es etwa 40 Sammelpunkte für Hilfsbedüftige in der Stadt. Ein Grund für die schleppend angelaufene Hilfe für die verzweifelten Überlebenden war die zerstörte Infrastruktur der Trümmerstadt, vor allem aber die ungenügende Kapazität des Flughafens. Dort hat mittlerweile US-Militär die Luftkontrolle und Koordinierung der An- und Abflüge übernommen. Nach Angaben aus Frankreich verlaufe die Koordinierung des Luftverkehrs jedoch ungenügend. So habe ein Maschine aus Frankreich mit Ärzten und medizinischem Gerät an Bord keine Landeerlaubnis erhalten.

Opferzahlen völlig unklar

Obwohl eine offizielle Opferzahlen immer noch nicht vorliegt, steigen die Schätzungen immer höher. Während die Behörden zunächst von mindestens 50.000 Menschen ausgingen, kursiert in der zerstörten Hauptstadt die Zahl von 140.000 Toten, die Regierung in Port-au-Prince geht von bis zu 200.000 Toten aus. Allein in einem Massengrab vor den Toren der Stadt seien bereits mehrere zehntausend Menschen beerdigt. Zehntausende Haitianer wurden bei dem Beben mit der Stärke 7,0 zudem verletzt und obdachlos. Weitgehend unbekannt sind zudem die Opferzahlen und Schäden in den Regionen außerhalb der Haupstadt, die ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Die Vereinten Nationen (UN) richteten 15 Zentren für die Auslieferung von Hilfsgütern ein. Blauhelm-Soldaten beaufsichtigten nach Auskunft der Organisation "Aktion Deutschland Hilft" die Verteilung, um Unruhen unter den Überlebenden zu verhindern. US-Präsident Barack Obama hatte eine massive Hilfsaktion für das Land angekündigt. Unterdessen traf der US-Flugzeugträger "Carl Vinson" ein, an Bord eine Trinkwasseraufarbeitungsanlage, Hilfsgüter sowie vor allem dringend benötigte Helikopter und Treibstoff.

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Millionen Menschen haben kein Obdach mehr.

(Foto: AP)

Viele Bewohner der Hauptstadt campieren nach wie vor auf der Straße. Die Menschen sind traumatisiert und warten verzweifelt auf Hilfe. Nach Angaben der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" haben drei Millionen Menschen keinen Zugang zu Lebensmitteln, Wasser und sanitären Einrichtungen. Auch für die Versorgung der Verletzten fehlt es nach wie vor an allem: Schmerzmittel, Verbandsmaterial, Spritzen Handschuhe, Schutzmasken. Auch Ärzte würden gesucht.

Menschen werden ungeduldig

Die Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" meldeten noch keine Probleme wegen möglicher Gewaltausbrüche. "Die Bevölkerung ist aber noch immer sehr unruhig und es gibt viele Gerüchte über ein zweites Erdbeben und einen steigenden Meeresspiegel. Es könnte eine Panik auslösen. Es gibt auch Spannungen, da es nicht ausreichend Wasser und Nahrung gibt", sagte Laurent Dedieu, Logistik-Manager für die Projekte der Organisation auf Haiti, laut einer Pressemitteilung.

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In ihrer Not werden die Menschen zu Plünderern.

(Foto: AP)

Vier Tage nach dem Beben schwindet die Hoffnung, noch Überlebende zu finden. Ein Mensch kann nur etwa drei Tage ohne Wasser auskommen. Inmitten der apokalyptischen Szenen gibt es aber auch Lichtblicke: Britische Rettungskräfte holten ein zweijähriges Mädchen lebend aus den Trümmern eines eingestürzten Kindergartens. Das Kind war drei Tage lang verschüttet.

Deutsche Hilfe unterwegs

In Berlin startete am Samstag ein Flugzeug mit Hilfsgütern. Die Maschine soll am Sonntag in der Krisenregion ankommen, sagte die Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Svenja Koch. Das Flugzeug bringt eine mobile Mini-Klinik. Das Lazarett soll in der Krisenregion die medizinische Grundversorgung Tausender Menschen gewährleisten. Es kann innerhalb eines Tages aufgebaut werden. In sieben großen Zelten wollen die Helfer dann täglich bis zu 250 Patienten versorgen.

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Endlich erreicht Hilfe die Überlebenden der Katastrophe.

(Foto: REUTERS)

Auch aus London hob ein Flugzeug mit tonnenweise Material in Richtung Haiti ab. Die Niederlande schickten ein Kriegsschiff mit Trinkwasser, Nahrung und medizinischen Hilfsgütern. Die "MS Pelikaan" könne weitgehend selbstständig operieren, teilte das Verteidigungsministerium am Samstag mit. Es stach von den Niederländischen Antillen aus in See. Zuvor hatten die Niederlande ebenfalls ein Flugzeug mit Hilfsgütern geschickt. Auch vom Flughafen in Peking hob ein Jumbo-Jet mit 90 Tonnen Hilfsgütern an Bord ab.

Angesichts des großen Leids engagieren sich mittlerweile viele Prominente bei öffentlichen Spendenaktionen. In Deutschland und den USA gibt es in den kommenden Tagen TV-Galas für die Erdbebenopfer, in denen Stars wie George Clooney und Thomas Gottschalk zur Hilfe für den schwer getroffenen Karibikstaat aufrufen.

Quelle: ntv.de, dpa

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