Panorama

Abwärtstrend stoppt Die Inzidenz steigt - ist Corona zurück?

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Geöffnete Freizeitparks: Tragen die jüngsten Lockerungen zum Anstieg der Inzidenz bei?

(Foto: imago images/Andre Lenthe)

Wieder einmal sorgt eine Kennzahl in Deutschland für Unruhe: Die Inzidenz steigt nach wochenlangem Abwärtstrend zuletzt wieder leicht an. Die meisten Regionen in Deutschland vermelden steigende Fallzahlen. Grund könnten die jüngsten Öffnungen sein - aber welche Rolle spielt ein Pfingst-Effekt?

Die Pandemie ist seit Monaten ein Wechselbad der Gefühle. Auf jede positive Entwicklung folgte ein Rückschlag, so scheint es. Und dieses Muster droht sich nun auch bei den täglich gemeldeten Infektionszahlen fortzusetzen.

Vor einigen Tagen noch rieben sich viele verwundert die Augen angesichts des schnellen Rückgangs der erfassten Neuinfektionen. In der vergangenen Woche wurden insgesamt knapp unter 30.000 neue Fälle gemeldet - ein Minus von rund 45 Prozent im Vergleich zur Woche davor. Erst am Dienstag wurde die Gefahrenlage in Deutschland von "sehr hoch" auf "hoch" herabgestuft, was noch immer nicht sehr beruhigend klingt, aber ein Fortschritt ist.

Doch es folgt der erwähnte Rückschlag: Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz, also die gemeldeten Neuinfektionen der vergangenen sieben Tage je 100.000 Einwohner, steigt nach wochenlangem Absinken wieder an. Zuvor war sie zum Wochenbeginn mit 35,1 auf den tiefsten Wert seit mehr als sieben Monaten gesunken. Am Dienstag ging es zuerst leicht aufwärts, am heutigen Mittwoch dann etwas stärker auf 36,8. Auch die Zahl der pro Tag gemeldeten Neuinfektionen liegt über dem Niveau von Mittwoch vergangener Woche.

Eine Inzidenz von unter 40 ist im Vergleich zu den Höhepunkten der dritten und zweiten Welle zwar immer noch wenig - Ende Dezember etwa lag die bundesweite Inzidenz bei fast 200. Dennoch bleibt die Frage: Wie ist dieser jüngste Anstieg einzuordnen?

Vorübergehender Anstieg erwartet

RKI-Chef Lothar Wieler sagte am Dienstag, Modellierungen ließen einen leichten vorübergehenden Inzidenzanstieg erwarten. Das RKI bringe dies mit Öffnungsschritten in Zusammenhang. Denn in vielen Städten und Kreisen wurden die Corona-Maßnahmen gelockert, mancherorts hat die (Außen-) Gastronomie wieder geöffnet. Aber auch ein Einfluss der Feiertage auf die Meldezahlen sei anzunehmen, so der RKI-Chef.

Aus einigen Regionen wird tatsächlich von wieder deutlich anziehenden Fallzahlen berichtet. Im baden-württembergischen Baden-Baden etwa hat sich die Inzidenz binnen einer Woche mehr als verdoppelt - auf zuletzt rund 100. Das zuständige Landratsamt Rastatt erklärte dies gegenüber dem SWR mit mehr Infektionen bei privaten und familiären Treffen zum einen, zum anderen mit Ausbrüchen in Gemeinschaftsunterkünften für Flüchtlinge.

Auch im niedersächsischen Emden ist die ohnehin schon hohe Inzidenz noch mal deutlich angestiegen: um 26 Zähler von 112 auf 138. Die Stadt führt das vor allem auf drei Cluster in Zusammenhang mit Fahrgemeinschaften, einer Pflegeeinrichtung und im Umfeld eines örtlichen Betriebes zurück. Schweinfurt in Bayern verzeichnet ebenfalls einen massiven Anstieg der Inzidenz um 28 Zähler auf 118 und überspringt damit erstmals seit mehr als einer Woche wieder die "Bundesnotbremsen"-Schwelle.

Baden-Baden, Emden und Schweinfurt gehören mit jeweils um die 50.000 Einwohnern allerdings zu den kleineren kreisfreien Städten - ihr Einfluss auf die bundesweite Inzidenz ist gering. Die Beispiele zeigen jedoch, dass es regional nach wie vor zu größeren Ausbrüchen kommt. Gleichzeitig verzeichnen von den 400 Stadt- und Landkreisen sowie den 12 Berliner Bezirken deutlich unter der Hälfte eine rückläufige Inzidenz - in rund 250 stieg sie zuletzt an. Die Zahl der Regionen über der Obergrenze von 50 nahm weiter zu, nur noch 220 Regionen schaffen es unter die alte "Zielmarke" einer Inzidenz von 35.

Künstlich niedrigere Inzidenz?

Welche Rolle könnten die Pfingstfeiertage beim jüngsten Anstieg spielen? Da an Feiertagen die meisten Arztpraxen geschlossen sind, kann es zu weniger Labortests und Verzögerungen bei Meldungen von Infektionen kommen. Der Virologe Friedemann Weber von der Universität Gießen hatte bereits vergangene Woche vor einer durch Pfingsten künstlich niedrigeren Inzidenz gewarnt. Der Epidemiologe Rafael Mikolajczyk vom Uniklinikum Halle hatte wiederum zu bedenken gegeben, dass Feiertage nicht nur weniger Tests, sondern auch weniger Kontakte und somit weniger Infektionen bedeuten. Kurz: Der Feiertags-Effekt ist umstritten.

Wie es nun mit der Inzidenz in Deutschland weiter geht, bleibt wie seit mehr als 14 Monaten Pandemie unklar. Mit erneutem exponentiellem Wachstum der Fallzahlen rechnet das RKI laut Wieler bei vorsichtigen Öffnungen allerdings zunächst nicht. Eine große und offene Frage ist aber, ob sich die Variante aus Indien, die noch ansteckender sein könnte als ihre Vorgänger, auch in Deutschland ausbreitet, wie es in Großbritannien derzeit der Fall ist.

Grund zur Hoffnung macht jedoch die steigende Quote an Erstimpfungen in Deutschland, die zuletzt bei knapp mehr als 43 Prozent liegt. Doch bis die Impfkampagne allein das Infektionsgeschehen unter Kontrolle bringt, dürfte es noch etwas dauern. "Solange die Durchimpfung noch nicht 80 Prozent erreicht hat, spielt für die Kontrolle der Epidemie weiterhin die Kontakteinschränkung eine große Rolle", sagte Mikolajczyk.

Quelle: ntv.de, kst/dpa

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