Panorama

Coronafrei, aber unerreichbar Die entlegenste "Urlaubsinsel" der Welt

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Von Tristan da Cunha aus ist jeder bewohnte Ort der Welt Tausende Kilometer entfernt.

(Foto: picture-alliance / Picture-Alliance)

Die nächste bewohnte Insel ist mehr als 2000 Kilometer entfernt, das Festland rund 3000 Kilometer weit weg. Tristan da Cunha ist der entlegenste Ort der Welt. Das Coronavirus spielt hier keine Rolle. Theoretisch ist sogar Urlaub möglich, für Touristen ist die Südatlantik-Insel aber trotzdem unerreichbar.

Im Mai veröffentlicht die britische Regierung eine Liste mit elf Reisezielen für den Sommer, die britische Staatsbürger bereisen dürfen ohne in Corona-Quarantäne zu müssen. Auf der "Green List" findet sich auch Tristan da Cunha, der entlegenste bewohnte Ort der Welt - sehr zur Freude vieler Briten, die sich in sozialen Medien über die Entscheidung amüsierten. "Es gibt keine Bank, keine Post und das soziale Highlight des Jahres ist das Rattenjagd-Festival", schrieb ein Nutzer.

Die winzige Insel im Südatlantik ist ein britisches Überseegebiet. Ende April wurde der Bevölkerung die erste Impfdosis gespritzt. Einen Corona-Fall hat es auf der weitgehend isolierten Insel bislang nicht gegeben. Tourismus ist wegen der abgeschiedenen Lage allerdings auch kaum existent.

Als einer von wenigen Menschen hat Urs Steiner die Insel bereits besucht. Der Schweizer ist Reiseveranstalter und bezeichnet sich selbst als "Reiseexperte für die Nische". Tristan da Cunha hat er eher zufällig "entdeckt", erzählt er im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Mitte der 1980er-Jahre sei er per Schiff von England über Sankt Helena, 2000 Kilometer nördlich von Tristan da Cunha, nach Kapstadt gereist. "Kurz vor Beginn der Reise wurde ich informiert, dass die Reise eine Woche länger dauert, weil der Gouverneur von Sankt Helena, der auch für Tristan da Cunha verantwortlich ist, noch seinen Antrittsbesuch machen wollte. Dann wurde das Schiff umgeleitet."

Angst vor Napoleon-Befreiung

Die Insel ist nach dem portugiesischen Admiral Tristao da Cunha benannt. Der hatte sie im Jahr 1506 entdeckt. 1816 wurde sie von britischen Soldaten aus strategischen Gründen in Beschlag genommen. Das Vereinigte Königreich ließ eine Militärbasis errichten, weil zu der Zeit Napoleon auf der 2400 Kilometer entfernten Insel St. Helena inhaftiert war. "Die Briten hatten Angst, dass die Franzosen von dort aus versuchen, Napoleon zu befreien. Dass das nicht klappen würde, haben sie dann auch schnell gemerkt, ein Jahr später sind sie schon wieder abgezogen."

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243 Menschen leben auf der Vulkaninsel im Südatlantik.

(Foto: picture alliance / NATIONAL PICT)

Allerdings blieb ein schottischer Soldat namens William Glass mit seiner Frau und zwei Kindern auf Tristan da Cunha zurück. Er baute in den Folgejahren einen kleinen Handels- und Proviantposten für Seefahrer auf. Unterstützt wurde er von zwei Steinmetzen, die ebenfalls im Zuge der britischen Besatzung gekommen waren. In den 1820er-Jahren ließen sich schließlich weitere Seeleute auf der einsamen Insel nieder.

Laut heutiger Inselverwaltung gab es allerdings ein großes Problem: Nur William Glass hatte Frau und Kind. Kapitän Simon Amm, der Tristan da Cunha häufig besuchte, wurde demnach im Jahr 1826 beauftragt, auf Sankt Helena nach geeigneten Partnerinnen zu schauen und sie zu überreden, ihr Glück mit den einsamen Männern zu versuchen. "Erstaunlicherweise kehrte Amm 1827 mit fünf Freiwilligen zurück", heißt es auf der Inselhomepage.

Heutzutage hat die Insel insgesamt 243 Einwohner. Die verteilen sich fast alle auf nur sieben verschiedene Familiennamen - darunter Glass und Swain. Die Einwohner Tristan da Cunhas haben die volle britische Staatsbürgerschaft, können daher ohne Probleme nach Großbritannien einreisen und dort leben und arbeiten. Die britische Kultur findet sich auch auf der Insel wieder, weil viele Bewohner 1961 gezwungenermaßen für zwei Jahre in England leben mussten. Damals war der Vulkan ausgebrochen. London entschied deshalb, die Insel zu evakuieren.

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Der Tristanpinguin gehört zu den "stark gefährdeten" Tierarten.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Mit dem Schiff ging es für die damals knapp 300 Bewohner zunächst nach Kapstadt und von dort weiter nach Südengland, wo sie knapp zwei Jahre lang in der Nähe des Küstenortes Southampton wohnten. Die britische Regierung wollte die teure Rückkehr der Insulaner eigentlich verhindern und ließ abstimmen. Die deutliche Mehrheit sprach sich für die Wiederbesiedlung von Tristan da Cunha aus. Fast alle Inselbewohner kehrten daraufhin auf ihre entlegene Heimatinsel zurück.

Tristan-Langusten als Exportschlager

Seitdem leben weitgehend ungestört vor sich hin, auch die Moderne ist an der ein oder anderen Stelle schon angekommen: Mittlerweile verfügen alle Bewohner über ein Satellitentelefon, haben Internetzugang und können britisches Radio empfangen. Ihren Lebensunterhalt verdienen die Menschen wie früher vor allem mit der Fischerei, berichtet Urs Steiner. Languste ist ihre Spezialität, erklärt Steiner im Podcast. "Jedes Jahr werden ungefähr 400 Tonnen Langusten gefischt." Die Tristan-Langusten gelten als hochwertigste Kaltwasserlangusten der Welt. "In Amerika, Europa und Japan gibt es vor allem über Weihnachten einen großen Bedarf."

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Neben dem Fischerberuf sind einige Insulaner in der Landwirtschaft tätig. "Aber das ist eher für den Eigenbedarf", sagt Steiner. Ansonsten bietet die Inselverwaltung ein paar wenige Arbeitsplätze. "Viel mehr ist da nicht". Viel mehr braucht es allerdings auch nicht, Arbeitslose gibt es auf Tristan da Cunha jedenfalls keine. Urs Steiner bezeichnet das Leben der Insulaner als "gemütlichen Alltagstrott ohne ständig neue Angebote und Verlockungen". Das dürfe man "durchaus positiv bewerten", findet der Reiseexperte.

Touristen können "nicht einfach an Bord gehen"

Dass Tristan da Cunha trotzdem auf der britischen Urlaubsliste gelandet ist, liegt an Sankt Helena. Von dort aus werden auch Ascencion Island, eine weitere Atlantikinsel, sowie Tristan da Cunha regiert. "Sankt Helena ist für den Tourismus natürlich wichtiger als Ascencion oder Tristan. Aber da die drei Inseln eine Einheit bilden, sind sie alle zusammen auf dieser Green List gelandet."

Ein administrativer Akt, der aber für viel Erheiterung sorgt. Denn eine Reise nach Tristan da Cunha ist auch außerhalb von Corona-Zeiten ein kompliziertes Abenteuer. Die Insel hat keinen Flughafen, sondern ist nur mit dem Schiff zu erreichen. Ein bis zweimal im Monat wird sie von Kapstadt aus angesteuert - eine Fahrt dauert im Normalfall sechs Tage. Aber einfach in Kapstadt an Bord gehen ist nicht möglich. Nötig ist eine Erlaubnis vom Präsident des Inselrates. Dazu schreibt man eine E-Mail, in der man sich vorstellt, den Reisegrund, Reisezeitraum und die gewünschte Unterkunft angibt. Ist die Reaktion positiv, werden Ferienbungalows mit Selbstverpflegung und Privatunterkünfte bei Einheimischen mit Vollpension angeboten. Kostenpunkt je nach Unterkunftsart: umgerechnet etwa 30 bis 60 Euro pro Nacht. Teilweise verlangt die Inselregierung weitere Angaben ihrer potenziellen Besucher. Es kommt vor, dass im Zweifel auch ein polizeiliches Führungszeugnis vorgelegt werden muss.

Erst dann darf man sich um ein Ticket für die lange Schiffsreise bemühen - ohne Garantie, dass man an Bord kommt. Hin- und Rückfahrt kosten umgerechnet etwa 550 Euro. "Das ist der einzig offizielle Weg, aber in der Praxis funktioniert das eigentlich nicht. Es gibt acht verschiedene Klassen von Prioritäten, wer auf dieses Schiff darf. Touristen sind Priorität acht", beschreibt Steiner das grundsätzliche Reiseproblem. "Das heißt, Sie kommen irgendwann vielleicht hin. Aber möglicherweise müssen sie länger auf der Insel bleiben als sie wollen, weil sie nicht aufs Schiff kommen. "

Landgang nur bei gutem Wetter

Steiner empfiehlt stattdessen eine Expeditionskreuzfahrt. "Wir fahren von Ushuaia über Südgeorgien Richtung Tristan da Cunha und von dort weiter nach Sankt Helena oder Kapstadt. Dann haben wir meistens zwei bis drei Tage Zeit, um Tristan zu erkunden. Sofern das Wetter mitspielt".

Urs Steiner

Der Reisespezialist leitet das Portal Globoship, welches außergewöhnliche Schiffsreisen in aller Welt anbietet. Steiners Steckenpferd sind Expeditionskreuzfahrten im Südatlantik. Dazu zählen mehrwöchige Segelschifftouren mit Zwischenstopps vor Tristan da Cunha.

Eine solche Kreuzfahrt an Bord eines historischen Segelschiffs dauert 52 Tage. Auf dem Weg nach Tristan da Cunha durchfahren Schiffe die sogenannten "Roaring Forties" - zu Deutsch "Donnernde Vierziger". So wird die Westwindzone zwischen dem 40. und 50. Grad südlicher Breite bezeichnet. Sie wird charakterisiert durch starke Winde, viel Regen und riesige Wellen - beste Voraussetzungen, um seekrank zu werden. Im Normalfall bringen kleine Beiboote die Touristen von den Expeditionskreuzfahrtschiffen an Land. Ist die See aber zu stürmisch, kann man Tristan da Cunha nur vom Schiff aus begutachten. Ob die Insel auf der grünen Reiseliste steht, ist dann auch egal.

Quelle: ntv.de

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