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Besondere Solidarität in Italien Ein Espresso der Nächstenliebe

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Italien ist ohne seine Kaffeekultur kaum vorstellbar, doch nicht jeder kann sich das leisten.

picture alliance / Tomke Giedigk

Laut Ökonomen hat Italien die Krise hinter sich. Der Alltag beweist jedoch das Gegenteil: Selbst der tägliche Kaffee in einer Bar bleibt für viele unerschwinglich. Manchmal springen andere ein, zum Beispiel mit einem "caffè sospeso".

Was haben der deutsch-französische Arzt und Philosoph Albert Schweitzer und die Neapolitaner gemein? Nichts würde man meinen, das ist aber falsch. Eine mehr als ehrwürdige Tradition der Neapolitaner liefert nämlich den handfesten Beweis zu Schweitzers felsenfester Überzeugung, mit gutem Beispiel voranzugehen, sei der beste und einzige Weg andere zu beeinflussen.

Die Rede ist hier vom "Caffè sospeso", dem aufgeschobenen Kaffee. Hinter dem Begriff verbirgt sich ein im Voraus bezahlter Espresso für jemanden, der kein Geld hat. Man könnte also auch von einem Solidaritäts-Nächstenliebe-Espresso sprechen. Dieser Brauch ist für die Stadt am Vesuv so typisch, dass der neapolitanische (auch ins Deutsche übersetzte) Schriftsteller Luciano De Crescenzo ihm vor Jahren sogar ein Buch widmete.

"In Neapel ist das so: Wenn jemand besonders glücklich ist oder gerade einen Volltreffer gelandet hat, dann zahlt er zu seinem Kaffee auch gleich einen zweiten mit und zwar für jemanden der gerade nichts zum Feiern hat." Im Buch beklagte De Crescenzo, dieser Brauch drohe nun leider zu verschwinden. Das war aber im Jahr 2008, die Wirtschaftskrise sollte Italien erst kurz darauf mit voller Wucht treffen.

Knapp zehn Jahre später hat sich nicht nur die Tradition des "Caffè sospeso" wieder eingestellt, sondern auch ganz neue Richtungen eingeschlagen. Heutzutage stößt man in Neapel auch auf Lokale, in denen man eine "Pizza sospesa" bekommt. Und auch im Norden gelegenen Mailand kann man bei kulturellen Großveranstaltungen zum Beispiel eine "Polpetta sospesa", vorbezahlte Fleischbällchen, spendieren.

Andere lernen von Neapel

Genau genommen gibt es ja eigentlich nichts, das man nicht für jemanden schon bezahlt hinterlassen kann. Der neapolitanische Verein "Salvamamme", "Mama-Retter" hat unlängst eine Abmachung mit dreißig Spielwarengeschäften in der Stadt getroffen, wo man zu dem gekauften ein weiteres schon bezahltes Spiel hinterlassen kann. Mag sein, dass der hohe Armutsanteil, unter dem die Stadt schon immer leidet, die Neapolitaner dazu gebracht hat, eine besondere Kunst der Anpassungsfähigkeit zu entwickeln. Mittlerweile macht das "neapolitanische Beispiel" jedenfalls Schule.

So sieht man in diesen Tagen in einigen Arbeitervierteln der norditalienischen Stadt Bologna bunte Schals an Lichtmasten oder Bäumen hängen. Gestartet wurde die Aktion vom Hilfswerk "Guardian Angels". "Es stimmt, die Aktion hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem neapolitanischen 'Caffè sospeso', doch unsere 'Schenk einen Schal' Initiative kommt eigentlich aus den USA", erklärt Giuseppe Balduini, Vorsitzender der Angels in Bologna, im Gespräch mit n-tv.de.

"Außerdem soll man keinen neuen Schal kaufen, sondern einen von den vielen, die jeder sowieso im Schrank hat spenden." Die Aktion kam so gut an, dass auch andere Städte wie Mailand, Padua und Turin sie einzuführen gedenken. Jedem Schal, es können aber auch Handschuhe, Mützen sein, wird ein Zettel beigefügt, auf dem steht: "Mich hat man nicht verloren. Nimm mich mit und ich wärme dich". Das die Schals keinen halben Tag hängen bleiben, ist für Balduini der Beweis, dass die Wirtschaftskrise noch immer vielen Menschen zu schaffen macht. "Besonders den Italienern, wie wir bei unseren täglichen Rundgängen sehen."

Mangel an vielem

Es sind erschreckend viele Italiener, die sich weder einen Schal, noch eine Pizza, geschweige denn einen Besuch beim Facharzt leisten können. Laut Forschungsinstitut Censis waren es voriges Jahr 11 Millionen, die auf eine ärztliche Betreuung verzichtet haben oder mussten, weil sie sich keinen Facharzt leisten konnten und ein Termin über die Krankenkasse manchmal erst nach mehreren Monaten verfügbar ist.

Um diesem Missstand wenigstens ein wenig abzuhelfen, haben sich vor ein paar Monaten sechs junge Süditaliener aus Apulien zusammengeschlossen und das Startup "Scegliere salute" gegründet. Diese bietet jetzt "Visite sospese", also vorbezahlte Arztvisiten an. Wer möchte, kann entweder eine ganze Untersuchung vorbezahlen, die durchschnittlich 90 Euro kostet, oder auch nur einen selbstbestimmten Betrag spenden. Dafür, dass diese Aktion sehr gut angekommen ist, sprechen die 20.000 Euro, die in den ersten Monaten schon gesammelt wurden. Damit konnten 150 Facharzt Visiten bezahlt werden.

Quelle: n-tv.de

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