Ulmen hat "da was entwickelt"Ein Fetisch allein macht keine Entschuldigung
Von Sabine Oelmann
Christian Ulmen hat eine Art Erklärung für sein Verhalten: Er soll selbst gesagt haben, dass er in den vergangenen zehn Jahren "leider einen sexuellen Fetisch" entwickelt habe. Deswegen "musste" er immer wieder im Namen seiner Frau Fakeprofile auf sozialen Medien erstellen und über diese mit Männern chatten, flirten, "bis hin zum Sex-Talk".
Das Wort "Fetisch" - es reicht für einige schon aus, um es als "Entschuldigung" durchgehen zu lassen: Er konnte nichts dafür, diesen Fetisch entwickelt zu haben, ab in die Therapie? Schade, dass Sigmund Freud nicht mehr lebt, der hätte echt zu tun. Freud ging davon aus, dass der Aspekt des Fetischs, der zwar zum Sexualpartner in Beziehung steht, "völlig ungeeignet ist, dem normalen Sexualziel zu dienen". Beim Begründer der Psychoanalyse ging es um Gegenstände, um den Reiz, der von einem begehrten Utensil ausgehen kann. "Der Ersatzcharakter des Fetischs führt dazu, dass vom Ausübenden immer neue Exemplare gesucht werden" - Freud sprach auch von einem "fetischistischen Harem, in dem ein bestimmtes Fetisch-Exemplar jeweils seine besondere Gunst genießt, um sie nach einiger Zeit zu verlieren und irgendwann auch neu zu gewinnen".
Wäre es doch bloß so einfach im Fall von Christian Ulmen; hätte er seinen Fetisch doch auf Gegenstände, Füße oder andere Menschen, die diese Dienste ohnehin anbieten, und die es sowohl im Netz als auch im echten Leben zuhauf gibt, gerichtet. Ein Fetisch setzt üblicherweise übrigens Konsens voraus. Wäre er doch einfach bloß ein Typ, der gern Stiefel leckt oder sich auspeitschen lässt. Es ist nun aber davon auszugehen, dass er seine eigene Frau zu einem Fetisch machte, ohne ihr Wissen, und sie mit anderen Männern - virtuell - teilte. Genau das soll sein Fetisch (gewesen) sein.
Ist er danach ins Kinderzimmer gegangen und hat mit Barbies gespielt? Wir wissen es nicht. Hat er nach dem Telefonsex, den er in der Rolle seiner Frau (mit KI-Stimme) mit ihm durchaus bekannten Männern durchgezogen haben soll, den Kumpel angerufen und gefragt, ob man zusammen ein Bier trinken wolle? Und wer sind diese Typen, die nicht zu Christian Ulmen gegangen sind und gefragt haben, sag' mal, was ist denn mit deiner Alten los? Wer sind diese Typen, die nicht zu Collien Fernandes gegangen sind und gefragt haben, was läuft bei dir eigentlich falsch, meine Liebe? Was ist bloß los in der Manosphere? Zwischen dem offenen Umgang mit Sexualität - "Ich steh' auf Fetisch" - und dem Erstellen von Deepfakepornos der eigenen Frau - also Frauenverachtung - liegen Welten.
Die Philosophin Kate Manne beschreibt, warum öffentliche Debatten über solche Fälle so musterhaft ähnlich verlaufen: wegen "himpathy", der übergroßen, unangemessenen Sympathie für männliche Täter oder mutmaßliche Täter. Himpathy heißt nichts anderes, als dass man - sehr gern aber Frauen - sich um den jeweiligen Mann sorgen, sobald sein Ansehen, sein Amt, sein Werk, seine Zukunft in Gefahr gerät. Diese Männerversteherinnen hören ihm dann beim Leiden zu, wägen ab, wie hart die Folgen für ihn wären und fragen, ob nicht auch er Hilfe brauche. Bei aller Sympathie für "him" sollten wir unsere Sympathie jedoch vor allem für "her" beibehalten und dem Opfer zuhören.
Leider leider
Konkret soll alles folgendermaßen abgelaufen sein: Im Dezember 2024, wenige Tage nach seiner mutmaßlichen Beichte gegenüber seiner Noch-Ehefrau, war Ulmen offenbar auf der Suche nach rechtlichem Rat. In einer E-Mail an einen Berliner Strafverteidiger, die das Magazin "Spiegel" einsehen konnte, soll er den "höchstvertraulichen Sachverhalt" geschildert haben. Er habe, schrieb er, in den vergangenen zehn Jahren "leider einen sexuellen Fetisch" entwickelt: Immer wieder habe er auf den Namen seiner Frau Fakeprofile auf sozialen Medien angemeldet, über die Accounts habe er mit Männern gechattet, geflirtet, "bis hin zum Sex-Talk". Allein die Wortwahl "leider" soll ausdrücken, dass Christian Ulmen nicht proaktiv war, sondern quasi passiv von einer Art "höheren Macht" gelenkt wurde, diese Vergehen immer wieder aufs Neue zu begehen. Des weiteren soll er angegeben haben, den Gesprächspartnern Videos geschickt zu haben, die auf frei zugänglichen Pornoseiten erhältlich gewesen seien und deren Protagonistinnen seiner Frau ähnlich gesehen hätten. Das könnte bedeuten, dass er solche Videos nicht selbst erstellt hat. Also noch weniger Schuld, klar.
Ulmen soll in der E-Mail an den Anwalt außerdem erklärt haben, es sei ihm darum gegangen, den Eindruck zu erwecken, als handele es sich bei dem Material um "private Sextapes" von Fernandes. Ungefähr 30-mal soll er "diesen Vorgang" wiederholt haben, "mit jeweils unterschiedlichen Männern", also Adressaten. Ulmen könnte geradezu einsichtig dadurch wirken, er soll von einem "kaum zu kontrollierenden Drang" bei sich berichten, von "abnormalem Verhalten". Er bereue, was er getan habe. Kurze Denkpause - weil man sich rasch übergeben möchte? Weil man denken könnten, dass sich da einer reinwaschen will, dass am Ende alles auf eine Psycho-Macke hinauslaufen wird? Der Arme?
Reinwaschung klappt nicht
Da der Fetisch aber als legitime und gleichberechtigte sexuelle Spielart in der Gesellschaft immer mehr akzeptiert wird, die weder geheilt noch behandelt werden muss, wird seine Kategorisierung einfach als eine abweichende Verhaltensweise bezeichnet, die mit geltenden Normen und Werten der Soziologie, Psychologie und Kriminologie nicht übereinstimmen muss. Christian Ulmen müsste sich also eine neue "Entschuldigung" oder Bezeichnung seines Verhaltens suchen, denn seine eigene Frau auf diese perfide Art zu missbrauchen, wie er das getan haben soll scheint bisher in gar keine Schublade zu passen. Es gibt sie dennoch, diese Schublade, siehe Gisèle Pelicot und Co., auch wenn das im Detail anders ablief.
Für Christian Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.
Neue Dimension der Gewalt im Netz
Wie viel Arbeit steckt eigentlich dahinter, diese KI-Videos zu basteln, fragt man sich als Normalsterblicher, der KI nur benutzt, um Texte zu verbessern, das Wetter am Urlaubsort zu erfragen oder die Schauspielerin, die in Film XY mitgespielt hat, herauszubekommen? Also wer macht das - "Gesicht von (eigener) Frau auf andere Körper projizieren" - und ab geht die Post? Oder besser gesagt, die Mail.
Die Vorstellung, dass da irgendwelche Monster oder Super-Nerds im Keller hocken und sich kichernd einen runterholen, während sie Revenge-Videos herstellen, die kann man getrost ad acta legen: Es sind wohl doch eher Männer aus der Gesellschaft, die sowas machen, Männer, die wir lustig fanden oder interessant, Männer, die von sich behaupteten, geradezu feministisch zu leben und ihre Frauen zu unterstützen. Männer, die schöne Frauen haben, erfolgreiche Frauen, Frauen, die schon was ausprobiert haben in ihrem Leben, die sich eventuell sogar sexy im Netz zeigen. Es sind Väter, Sportler, Schauspieler, Politiker, ganz einfach Männer. Sie sind reich, arm, gebildet oder nicht (einige fangen einen Krieg an, um von ihren Verfehlungen abzulenken), und es sind Männer dabei, die wir wahrscheinlich kennen. Männer, die nicht alle eine solche Schuld haben, wie mutmaßlich Christian Ulmen sie auf sich geladen hat, aber Männer, die ihm beipflichten, die mitgemacht haben, die das gut, geil und lustig fanden. Finden.
Wie Lea Joy Friedel bereits vor zwei Jahren (!) in der "Zeit" schrieb, hat digitale Gewalt gegen Frauen ganz neue Dimensionen erreicht: "Laut des im November 2024 vorgestellten Lagebildes 'Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten' des Bundesinnen- und Bundesfamilienministeriums hat sich im Zeitraum zwischen 2018 und 2023 die Anzahl der weiblichen Opfer digitaler Gewalt mehr als verdoppelt." Auffällig sei der rapide Anstieg der Fälle von sogenannter bildbasierter sexualisierter Gewalt.
Besonders die Erstellung und Verbreitung von Deepfake-Pornografie - um Frauen gegen ihren Willen zu sexualisieren, zu demütigen und zu verleumden - habe in den letzten Jahren stark zugenommen, so die Autorin: "96 Prozent aller online gefundenen Deepfake-Videos sind pornografischer Natur, die ohne Einverständnis erstellt wurden - betroffen sind fast ausschließlich Frauen." Man fragt sich, wie ein Mann der Mutter seiner Tochter so etwas antun kann, was geht in einem solchen Gehirn vor sich? Die Antwort ist so simpel wie erschütternd: Der Mann möchte die Frau einschüchtern. Sie "in Schach" halten, vielleicht sogar zum Schweigen bringen.
Autorin Friedel nennt das Beispiel der nordirischen Politikerin Cara Hunter, die mit 24 Jahren zum ersten Mal für ein Amt kandidierte, als ein pornografisches Deepfake-Video von ihr verbreitet wurde. Sie versuchte, sich zu wehren, ging zur Polizei. Man sagte ihr, die Polizei könne ihr nicht helfen, weil niemand gegen ein Gesetz verstoßen habe. Kurzzeitig wollte Hunter ihre politische Karriere beenden. Rückblickend hält sie genau das für die Absicht des Täters oder der Täter: sie zu verunsichern und so aus der Öffentlichkeit zu drängen.
Schutzlos im Netz? Darf nicht sein!
Frauen sagen online ohnehin seltener ihre Meinung - aus Angst vor digitaler Gewalt. "Mit dieser Angst wachsen Mädchen und junge Frauen auf und sind dieser Gewalt schutzlos ausgesetzt", wissen auch die Mitarbeiterinnen der Organisation HateAid, denen gerade seitens der CDU angekündigt wurde, dass die Zuschüsse für ihre Arbeit gekürzt oder gestrichen werden sollen. HateAid arbeitet seit Jahren gegen bildbasierte sexualisierte Gewalt im Netz und dafür, die Erstellung und Verbreitung von sexualisierten Deepfakes unter Strafe zu stellen. Außerdem fordert die Organisation, es den Betreibern sogenannter Face-Swap-Apps zu verbieten, mit der Erstellung sexualisierter Deepfakes zu werben.
Immerhin ist jetzt wieder Bewegung in die Sache gekommen, denn nachdem die letzte Regierung das Problem zwar erkannt, eine gesetzliche Neuregelung jedoch noch nicht erreichen konnte, ist das Thema durch den Fall Ulmen aktueller denn je. Christian Ulmen gehört eher in die Kategorie der Männer, die ihre kranken Spiele nicht mehr in den Griff bekommen haben - aber jetzt ist nicht nur die Politik und die Justiz gefragt, auch KI-Unternehmen selbst müssen viel mehr in die Pflicht genommen werden. Und zu guter Letzt muss natürlich auch der gesunde Menschenverstand mal wieder eingeschaltet werden - angefangen bei der Aufklärung in Schulen und anderen Stellen, die mit Jugendlichen arbeiten. Damit solche Männer, wie Ulmen mutmaßlich einer sein soll, gar nicht mehr heranwachsen.
Neben einer langen Liste von notwendigen Gesetzen, um die Deepfake-Pornografie besser zu kontrollieren und einzudämmen, haben wir als Gesellschaft noch einiges zu tun, wenn es um digitale Bildung und den kritischen Umgang mit Inhalten aus dem Netz geht. Was im Augenblick Mut macht, ist, wie viele Männer sich inzwischen geäußert haben: Sie stehen auf der Seite der Frauen, sie schämen sich für ihre Artgenossen, sie wollen aktiv werden.
Denn was Frauen momentan verspüren könnten, wäre Ohnmacht. Nach #metoo, altem Feminismus, neuem Feminismus, nach Weinstein, Epstein, Trump, P.Diddy und Co., nun auch noch "das". Was Christian Ulmen gemacht haben soll, ist ja nicht mal ein klassischer Rache-Move eines verletzten Mannes, sondern eine jahrelange Handlung, während seiner nach außen so glücklich wirkenden Ehe. Aber Ohnmacht wollen Frauen nicht mehr zulassen: Lieber gehen sie auf die Straße und demonstrieren, auch mit Männern, lieber schreiben sie darüber, lieber kämpfen sie dafür, dass Cyberstalking, Deepfake-Pornografie und alles, was damit zu tun hat, strafbar wird.