Panorama

Missbrauch durch Jesuiten-Lehrer "Eine Wunde, die nicht behandelt wurde"

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Weltweit haben es Missbrauchsopfer in der katholischen Kirche schwer, für ihre Rechte zu kämpfen.

(Foto: picture alliance / dpa)

In den 1970er- und 1980er-Jahren werden am Berliner Canisius-Kolleg viele Schüler durch dort lehrende Pater missbraucht. Die Übergriffe werden vertuscht, die Täter versetzt. Matthias Katsch ist eines der Opfer, er kritisiert die Kirche für ihre schlechte Aufklärung und nimmt den Papst in die Pflicht.

ntv.de: 2010 wurde der Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg in Berlin öffentlich. Die Übergriffe wurden bekannt, weil Sie den Mut fanden, über die Vergangenheit zu reden. Wie schwer war es für Sie, das Schweigen zu brechen?

Matthias Katsch: 2005 traf ich zufällig einen der Täter in Berlin. Dieses Erlebnis führte dazu, dass meine Erinnerungen schlagartig zurückkehrten. Ich hatte das weitgehend über die Jahre verdrängt. Schon damals war mir klar, dass die Taten wahrscheinlich verjährt waren - ich wusste nicht, was ich mit meinen Erinnerungen machen sollte. Dann hat es noch einmal ein bisschen gedauert, bis ich gemeinsam mit anderen ehemaligen Schülern einen Plan fasste.

Wie wurde der Missbrauchsskandal dann öffentlich?

Das war ein langer Prozess. Ich habe mit einigen Schulkameraden gesprochen und wir haben festgestellt, dass wir Ähnliches oder Gleiches erlebt haben. Denn in den 1970er- und 1980er-Jahren waren zwei Serientäter an der Schule, die regelmäßig Kinder missbrauchten. Nach den zahlreichen Gesprächen setzten wir uns 2010 mit der Schule in Verbindung, denn wir wollten über einen Alumni-Verteiler eine Mail an ehemalige Schüler senden. Wir wollten mit allen Opfern ins Gespräch kommen. Doch dann hat der Schulleiter selbst einen Brief geschrieben. Wir konnten damals nicht ahnen, was das auslösen würde.

Sie sprechen in Ihrem Buch immer wieder von einem Gift. Was meinen Sie damit genau?

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Matthias Katsch engagiert sich seit mehreren Jahren für Missbrauchs-Opfer der katholischen Kirche.

(Foto: Holger André)

Für mich bedeutet es, dass die gesamte Biografie vom Missbrauch beeinflusst wird. Es ist wie eine Wunde, die damals nicht behandelt worden ist. Denn unsere Versuche, in der Schule darüber zu sprechen, wurden in den 1970ern nicht gehört. 2010 haben wir diese Wunde aufgestochen und das war natürlich schmerzhaft. Ich habe 30 Jahre gar nicht geträumt und dann hatte ich plötzlich sehr unangenehme Träume. Es gab auch Flashbacks, die ganz überraschend über mich kamen.

Sie litten unter zwei Patern. Was geschah mit den beiden Männern, nachdem ihre Taten öffentlich wurden?

Es gab damals Schüler, die sich beim Kolleg beschwerten und in der Konsequenz wurden beide Täter versetzt: einer ins Bistum Hildesheim, der andere kam nach mehreren Stationen in Deutschland nach Südamerika. Es wurde nichts getan, um zu verhindern, dass sie an anderer Stelle das Gleiche tun. In der Folge haben beide an anderen Orten wieder ähnlichen Taten begangen. Die Männer wurden dafür nie juristisch belangt.  

Welche Gefühle löst das bei Ihnen aus?

Es macht mich zornig, denn vieles hätte verhindert werden können, wenn die zuständigen Verantwortlichen rechtzeitig gehandelt hätten. Es war offensichtlich so, dass der Schutz von Schule und Kirche wichtiger war als der Schutz von Opfern.

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Wie kommen Sie darauf?

Es gab beispielsweise Fälle, in denen Eltern von ihren Kindern etwas über die Übergriffe gehört hatten. Diese Eltern wurden dann aber von der Schulleitung abgewimmelt. Weltweit war die Versetzung die Standardprozedur für auffällig gewordene Priester. Deshalb geben wir der Kirche auch eine Mitschuld.

In den vergangenen Jahren hat die katholische Kirche versucht, den Missbrauchsskandal aufzuarbeiten. Wie bewerten Sie die bisherige Arbeit?

2010 rollte eine Welle von Enthüllungen durch das Land. Das betraf Vereine, Bildungseinrichtungen und mehr. Die Kirche sprach damals von bedauerlichen Einzelfällen. Wir wollten allerdings, dass diese Vertuschungs-Systematik öffentlich wird. Die Abwehr der Kirche hat bis etwa 2018 angedauert. In Deutschland ist die Kirche zwar in Gesprächen, aber aufgearbeitet ist das lange noch nicht.

Sie waren 2019 bei der großen Missbrauchskonferenz in Rom. Viele Opfer demonstrierten auf dem Petersplatz vor dem Vatikan und erzählten der Öffentlichkeit ihre Geschichten. Wie haben Sie das erlebt?

Es war ein bewegender Moment, denn wir haben allesamt erkannt, dass es ein weltweites Problem ist. Es sind Menschen aus 30 Ländern mit ähnlichen Geschichten zusammengekommen. Wir wurden von der Kirche aber nicht eingeladen und nicht hereingebeten.

Gibt es denn trotzdem schon Erfolge?

Ein großer Erfolg ist, dass der Papst das "Gesetz über das päpstliche Geheimnis" aufgehoben hat. In der Vergangenheit wurden deshalb keine Informationen über Missbrauchstaten mit den Behörden geteilt. Diese Ausrede gilt nun nicht mehr.

Welche Forderungen haben Sie an die Kirche?

Wir wollen eine echte Null-Toleranz-Politik. Wer als Priester Kinder missbraucht hat, darf nicht länger im Amt bleiben. Für diejenigen Bischöfe, die vertuscht haben, muss das genauso gelten. Darüber hinaus brauchen wir den Zugang zu allen Unterlagen, damit wenigstens die Wahrheit ans Licht kommt, wenn Taten verjährt sind. Drittens brauchen wir auch eine Entschädigung. Denn ein gelebtes Leben können die Opfer nicht nochmal leben. Aber man kann versuchen, einen Ausgleich zu finden. Auch mit Geld.

Glauben Sie, dass Papst Franziskus wirklich etwas bewegen möchte?

Ich glaube ihm, dass er den Willen hat, etwas zu verändern, aber die Widerstände sind nach wie vor groß. So ein System ist auch über Jahrhunderte entstanden. Die Kultur des Schweigens ist ganz stark in der Kirche verankert. Das kann man nicht in wenigen Jahren verändern. Ich wünschte, Franziskus hätte den Mut, die vatikanischen Archive selbst zu öffnen. Er agiert vorsichtig und ich glaube, dass ihn viele bremsen.

Kommen wir nochmal auf Ihre ehemalige Schule zurück. Sie waren kürzlich noch einmal dort. Welchen Eindruck hat dieses Erlebnis bei Ihnen hinterlassen?

Geräusche und Gerüche haben mich vor Ort tatsächlich in die Zeit der Übergriffe zurückversetzt. Da merkt man erst einmal, wie die Erinnerung arbeitet. Auf der anderen Seite merke ich, dass ich erwachsen geworden bin und diesen Erinnerungen nun selbstbewusst entgegentreten kann. Ich habe gelernt, darüber zu sprechen. Es ist gutes Gefühl, zu merken, dass diese Erinnerungen nicht mehr die Macht über mich haben, sondern ich habe die Macht über meine Erinnerungen.

Mit Matthias Katsch sprach Sonja Gurris

Quelle: ntv.de