Panorama

Brückeneinsturz in Italien Eine angekündigte Tragödie?

Experten weisen darauf hin, dass die Morandi-Brücke in Genua schon kurz nach ihrer Eröffnung als Pflegefall galt. Die italienische Regierung kündigt eine landesweite Überprüfung aller Brücken an. Solche Versprechen kennen die Italiener bereits.

Nach dem Einsturz einer Autobahnbrücke in Genua diskutiert Italien über die Ursachen und mögliche Verantwortliche. Die vierspurige Morandi-Brücke war am Vortag kurz vor 12 Uhr in 40 Metern Höhe kollabiert. 35 Autos und 5 Lkw wurden in die Tiefe gerissen. Bis jetzt zählt man 37 offiziell bestätigte Tote, doch die Zahl könnte weiter steigen, denn mehrere Verletzte schweben in Lebensgefahr und mehrere Menschen gelten als vermisst.

Die Bilder, die von den Fernsehsendern in einer Art Dauerschleife ausgestrahlt werden, zeigen das Ausmaß der Tragödie: In der Brücke klafft ein Loch, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Zwischen den Trümmern sind Autos zusammengequetscht wie Bierbüchsen. Auf der Brücke, unmittelbar vor der Einsturzstelle, steht ein grüner Kastenwagen, der noch rechtzeitig anhalten konnte.

Die Staatsanwaltschaft hat sofort Ermittlungen eingeleitet. Im Moment bewegt sich die Suche nach den Ursachen dieser Tragödie noch im Bereich der Spekulationen. Der Autobahnbetreiber Autostrade per l'Italia erklärte, es seien Instandhaltungsarbeiten im Gang gewesen, für eine Einsturzgefahr habe es jedoch keinerlei Anzeichen gegeben. Diese Erklärung kommentiert Antonio Brencich, Professor für Bauwesen an der Universität in Genua, in einem Fernsehinterview so: "Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob es in diesem Fall besser wäre, zu wissen, dass Autostrade lügt, oder zur Kenntnis nehmen zu müssen, dass die Techniker ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind." Mittlerweile hat die Regierung in Rom angekündigt, sie wolle Autostrade zur Rechenschaft ziehen.

Mit dem Einsturz des Viadukts ist Genua seit gestern eine geteilte Stadt. Die Brücke war das Bindeglied zwischen dem westlichen und dem östlichen Stadtteil und diente auch als Knotenpunkt zwischen der Riviera di Levante und der Riviera di Ponente. Zudem stellte sie eine wichtige Straßenarterie Richtung Frankreich und Spanien dar. Tagtäglich rauschten hier viele Fahrzeuge durch, an die 25 Millionen pro Jahr. Diese Belastung könnte, auch wenn sie nicht die einzige Ursache gewesen sein dürfte, mitverantwortlich für den Einsturz gewesen sein.

Brücke mit Ablaufdatum

Handelt es sich also um eine angekündigte Tragödie, wie man hierzulande zu sagen pflegt? Die Stellungnahme von Settimo Martinello, Generaldirektor des Bozener Unternehmens 4 Emme, das im Bereich Inspektionen und Überprüfungen von Brücken tätig ist, lässt dies zumindest vermuten. Der italienischen Nachrichtenagentur Agi sagte er: "Seit Jahren mache ich darauf aufmerksam, dass es zigtausende Brücken in Italien gibt, die einsturzgefährdet sind." Die meisten seien am Ende ihrer Dienstfähigkeit angelangt, denn sie stammten aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Damals ummantelte man die Stahlstruktur mit Beton. "Dieser dient aber nur zum Schutz des Stahls und hat ein Ablaufdatum", meinte Martinello.

Auch die Morandi-Brücke war längst in die Jahre gekommen. Gebaut wurde sie zwischen 1963 und 1967. Mit ihrer Länge von 1182 Metern und nur drei Pfeilern galt sie zu jener Zeit als kleines Meisterwerk. Doch Brencich, der von Blitzen und Unwetter als Ursache des Einsturzes nichts wissen will - zur Zeit des Unglücks gab es ein Unwetter über Genua - erinnerte daran, dass die Brücke schon bald nach der Eröffnung zum ständigen Pflegefall wurde. Es müssten also bautechnische Probleme in Augenschein genommen werden.

Natürlich war in den 60er-Jahren das heutige Verkehrsvolumen nicht vorhersehbar, doch seit Jahren drängen die Bewohner der Stadt auf den Bau einer Entlastungsstraße. Zu den entschlossensten Gegnern einer solchen "Gronda di Ponente" zählten jedoch ausgerechnet die Fünf-Sterne-Bewegung und ihr Gründer Beppe Grillo, der in Genua lebt. "Sie erzählen uns das Märchen von einer maroden Brücke, obwohl die Morandi noch 100 Jahre stehen wird", konnte man auf Internetseiten der Partei lesen, die gestern Nachmittag plötzlich nicht mehr abrufbar waren. Seit dem Juni stellen die Fünf Sterne zusammen mit der rechtsradikalen Lega die Regierung.

Mitglieder dieser Regierung machten für die marode Infrastruktur des Landes die strenge Sparpolitik der EU verantwortlich. Dem erwiderte gestern Armando Zambrano, Vorsitzender des italienischen Ingenieurverbands, in einem Interview mit dem Sender Rai News: "Wir müssen in Prävention investieren, anstatt jedes Mal 4,5 Milliarden Euro auszugeben, um die von Erdbeben und Überschwemmungen angerichteten Schäden zu beseitigen." Italiens Infrastruktur sei nicht nur für die Menschen eine Gefahr, sie würden auch ausländische Investoren fernhalten.

Ministerpräsident Giuseppe Conte, der sich gestern Nachmittag an den Unglücksort begab, versprach, eine landesweite Überprüfung der Brücken anzuordnen. Ein Versprechen, das die Italiener nicht zum ersten Mal hören. Ob diesmal auch Taten folgen?

Quelle: ntv.de

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