Panorama

Verzweifelte Tritte gegen die Tür? Einer der Piloten war wohl allein im Cockpit

Aus dem Umfeld französischer Unfallermittler erhalten die Spekulationen zum Absturz des Germanwings-Flug 4U9525 neue Nahrung: Die Audio-Aufnahmen aus dem Cockpit der Unglücksmaschine deuten angeblich auf dramatische Ereignisse in den letzten Minuten an Bord des Airbus A320 hin.

Beim Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen hat sich womöglich nur der einer der beiden Piloten im Cockpit aufgehalten. Dies gehe aus den Audioaufnahmen aus dem Inneren der Unglücksmaschine hervor, berichtet die "New York Times" unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten Ermittler.

Demnach sei in den Aufzeichnungen aus dem Cockpit zu hören, dass einer der Piloten vor dem Sinkflug das Cockpit verlassen und anschließend vergeblich versucht habe, die Tür zu öffnen, um zurück ins Cockpit zu kommen. Von der französischen Untersuchungsbehörde BEA war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Warum einer der beiden Flugzeugführer das Cockpit verlassen haben soll und warum der Airbus A320 über den französischen Alpen in den stabilen Sinkflug ging, sei unklar, heißt es in dem Zeitungsbericht weiter. "Sicher ist, dass ganz zum Schluss des Fluges der andere Pilot allein ist und die Tür nicht öffnet", wird der Ermittler zitiert.

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Unfallermittler spekulieren nicht: BEA-Direktor Rémi Jouty bei der Pressekonferenz.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Der Mann draußen hat leicht an die Tür geklopft und es gab keine Antwort", berichtete die Zeitung. Auch nach stärkerem Schlagen gegen die Tür habe es keine Antwort gegeben. Auf den Aufnahmen ist angeblich zu hören, "wie er versucht, die Tür einzutreten." Zum Schutz vor unbefugten Eindringlingen sind Cockpit-Türen besonders geschützt und stabil gebaut. Die Schutzvorrichtungen beruhen auf den Lehren, die Sicherheitsbehörden und Flugzeughersteller aus den 9/11´-Anschlägen in den USA gezogen haben. Damals waren die Flugzeugführer mit Gewalt bis ins Cockpit vorgedrungen und hatten sich der Maschinen bemächtigt.

Ein Pilot ohnmächtig?

Sollten sich die Angaben als zutreffend herausstellen, dürfte das die Annahmen der Flugunfallermittler in konkrete Richtungen lenken - und die französischen Behörden erheblich unter Druck setzen. Unklar blieb, wieso ausgerechnet eine US-Zeitung so gute Kontakte zu den französischen Ermittlern aufgebaut haben könnte, dass einer aus dem engeren Expertenkreis die in solchen Fällen übliche Nachrichtensperre ignoriert haben sollte, um Einzelheiten an die Presse durchzustecken.

Kurz nach der US-Zeitung veröffentlichte die französische Nachrichtenagentur AFP Angaben, die mit den Informationen der "New York Times" übereinstimmen. Gestützt auf eigene Informantionen aus Ermittlerkreisen berichtete AFP ebenfalls von neuen Details aus den letzten Minuten des Unglücksflugs. Zu Beginn der Aufnahmen habe der Sprachrekorder demnach eine "normale Unterhaltung" im Cockpit aufgezeichnet.

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Ein Helfer an der Unfallstelle: Was ist auf den Bändern aus der Blackbox zu hören?

(Foto: picture alliance / dpa)

"Dann hört man das Geräusch, wie ein Sitz zurückgeschoben wird, eine Tür, die sich öffnet und wieder schließt, Geräusche, die darauf hindeuten, dass jemand gegen die Tür klopft. Und von diesem Moment an bis zum Crash gibt es keine Unterhaltung mehr", zitierte AFP einen nicht näher genannten Ermittler. Zuvor hätten sich die beiden Piloten auf Deutsch unterhalten. Eine andere Quelle berichtete laut AFP, dass der Copilot "vor kurzem" in das Unternehmen eingetreten sei. Er sei Ende 2013 zu Germanwings gekommen "mit einigen hundert Flugstunden", wurde der Ermittler zitiert.

Der Leiter der französischen Flugunfallbehörde BEA, Rémi Jouty, hatte sich noch am Mittwoch bei einer Pressekonferenz intensiv darum bemüht, vorschnelle Spekulationen zum Unfallhergang zu vermeiden. Womöglich muss er sich nun zusätzlich auch um ein Informationsleck in eigenen Reihen kümmern. Jouty bestätigte bei seinem Auftritt vor Journalisten lediglich, dass auf dem Stimmenrekorder Aufnahmen aus dem Inneren des Flugzeugs zu hören sein. Nähere Angaben dazu wollte er nicht machen. Er verwies auf die laufenden Untersuchungen und lehnte jeden weiteren Kommentar zum Erkenntnisstand seiner Behörde ab.

Schwierige Bergungsarbeiten

Bislang haben Helfer an der Unglücksstelle nur den sogenannten Cockpit Voice Recorder sicherstellen können. Von dem Fludatenschreiber, der wesentliche Angaben zur Fluglage, Geschwindigkeit und Steuerungseingaben aufzeichnet, konnten Einsatzkräfte bisher nur den Behälter ausfindig machen.

Das erscheint Experten zunächst nicht weiter ungewöhnlich: Das Flugzeug war ersten Erkenntnissen beinahe mit Reisegeschwindigkeit aufgeschlagen. Durch die Wucht des Aufschlags könnte der Flugdatenschreiber aus seinem Behältnis herausgeschleudert worden sein. Kenner der Materie halten es für wahrscheinlich, dass sie das zweite Aufzeichnungsgerät früher oder später in den schwer zugänglichen Trümmerfeldern finden werden.

Klar war nach Angaben der französischen Untersuchungsbehörde BEA zunächst nur, dass es keine Explosion an Bord des Airbus A320 gegeben hat. "Das Flugzeug ist bis zum Schluss geflogen", sagte BEA-Direktor Jouty. Die BEA habe zwar Daten aus dem ersten Flugschreiber ausgewertet, könne aber keine Erklärung für den Absturz geben. "Wir haben auch nicht die geringste Erklärung dafür, warum dieses Flugzeug auf die Kontaktversuche der Luftraumkontrolle, wie es scheint, nicht geantwortet hat", sagte Jouty.

Quelle: ntv.de, mmo/AFP/dpa