Panorama

Ex-Drogenbaron in Deutschland Er ist wieder da

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Carlos Lehder gilt als Mitgründer des berüchtigten Medellin-Kartells.

(Foto: AP)

Carlos Lehder ging mit der Kaltblütigkeit von Al Capone, der Effizienz von Henry Ford und der Selbstdarstellung von Andreas Baader in die Geschichte ein - kurz: als brutaler und intelligenter Verbrecher. Jetzt lebt der Halbdeutsche, der das Medellin-Kartell mitgründete, in Freiheit bei uns. Ein Problem?

Die Geschichte ist wahr und doch so unfassbar groß und grausam, dass sie auch wenige Tage nach ihrer Veröffentlichung am vergangenen Montag ähnlich erfunden wirkt wie alles, was sich Timur Vermes in seinem Roman "Er ist wieder da" über die Wiederkehr Adolf Hitlers ausgedacht hat. Ein Mann, der durch wahnsinnige Vorstellungen, wahnsinnige Taten und wahnsinnig viele Menschenopfer in die Geschichte eingegangen ist, taucht auf einmal in unserem Alltag auf.

Die Rede ist von Carlos Lehder Rivas, Sohn einer Kolumbianerin und eines Deutschen. Bei Wikipedia wird er weiterhin mit dem Beruf "Drogenhändler" und auf der englischen Seite mit dem schillernden Titel "Drug lord" geführt, obwohl dort auch - je nach Betrachtung - "Terrorist", "Erpresser", "Serienmörder", "Wirtschaftskrimineller", "Logistikpionier", "Gründer einer Neonazi-Partei" und vielleicht auch "Pop-Ikone des 20. Jahrhunderts" stehen könnte.

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Mit Kleinflugzeugen brachten Lehder und seine Partner das Kokain in die Vereinigten Staaten.

(Foto: AP)

Tatsächlich darf sich Carlos Lehder rühmen, vor rund 40 Jahren Kokain zum internationalen Massenprodukt und zum Importschlager vieler westlicher Staaten, vor allem der USA, gemacht zu haben. Die Geschichte hatte in einem US-Gefängnis begonnen, wo Lehder wegen Autodiebstahls und Marihuana-Schmuggels einsaß und den Dealer George Jung kennen lernte. Gemeinsam entwarfen sie den Plan für das nächste große Ding nach ihrer Freilassung: Mithilfe kleiner Flugzeuge (und zahlloser menschlicher Kuriere) begannen sie, das weiße Pulver über die US-Grenze zu bringen. Bald schon diente die Karibikinsel Norman Cay als Drehkreuz für den Transport. Lehder hatte sie gekauft, um die USA von dort aus mit einer selbst geschaffenen Luftbrücke zu beliefern oder besser gesagt: mit Kokain zu überschwemmen - und das alles unter dem Radar der US-Polizei und mit ausreichend Schmiergeld für sein Gastland, die Bahamas.

Während Lehder die Zusammenarbeit mit Jung rasch kündigte, kooperierte er für mehrere Jahre mit einem anderen berühmten Drogenbaron: Pablo Escobar. Als "Partners in Crime" wurden sie unermesslich reich und unvorstellbar kriminell, bis sich ihre Wege trennten. Escobar wurde erschossen. Lehder wurde (schon sechs Jahre zuvor) an die USA ausgeliefert, kam in Haft - und machte einen Kassensturz. Statt seines wahnsinnigen Lebens müde zu werden, gelang es ihm, aus dem Knast heraus das Vertrauen höchster Kreise zu gewinnen und seine lebenslange Strafe auf zunächst 55 Jahre zu verkürzen. Das ist allerhand, wenn man bedenkt, dass er 1987 einen "life sentence plus 135 years" kassiert hatte.

Lehder lebt heute offenbar in Berlin

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Von der Insel Norman’s Cay organisierte Lehder die Kokain-Transporte in die USA.

(Foto: AP)

Nach dieser Wendung hat nun ein weiteres erstaunliches Kapitel in Lehders Leben begonnen: Er ist mit seinem deutschen Pass am vergangenen Montag in Frankfurt eingereist. Ob er tatsächlich fortan in Berlin lebt, wie in vielen deutschen Medien berichtet wurde, wollte Oscar Arroyave, sein Anwalt in Miami, auf Nachfrage von ntv.de nicht bestätigen: "Er ist in Deutschland und dort will er bleiben." Auch über Lehders Gesundheitszustand gibt der Anwalt keine genaue Auskunft. Tochter Monica Lehder, die in Kolumbien lebt, hatte mitgeteilt, ihr Vater leide an Prostatakrebs und werde sich in Deutschland behandeln lassen.

Selbst wenn es Carlos Lehder wie ein Happy Ending erscheinen muss, seine Rentnerjahre als einstiger Supergangster und Enemy Number One der USA in Good Old Germany zu verbringen, können wir nicht unbedingt vom Ende der Geschichte ausgehen - jedenfalls, sofern er nicht wirklich todkrank ist. Nachdem er 20 Jahre als Boss in der kolumbianischen Drogenmafia und 33 Jahre in einem US-amerikanischen Gefängnis überlebt hat, zeugt sein Leben bisher mehr von großem Überlebenswillen. Oder um einmal sein Idol Adolf Hitler frei zu zitieren: Der Mann wirkt seit 70 Jahren "zäh wie Lehder".

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In der Netflix-Serie "Narcos" wird Lehder mit Hakenkreuz-Tattoo dargestellt.

(Foto: Netflix)

"Ich kann Ihnen versichern, dass in Carlos kein Krimineller mehr steckt", beteuert Anwalt Arroyave und betont: "Carlos will in Deutschland ein ruhiges, zurückgezogenes Leben führen. Sie werden nicht mehr von ihm hören." Low profile heißt das auf Englisch und es ist nicht unbedingt das, woran man denkt, wenn der Anwalt zugleich die Einladung zu einer "gemeinsamen Pressekonferenz" ausspricht. Sie passt viel besser zu dem Eindruck, den Carlos Lehder viele Jahre lang machte, bevor er inhaftiert wurde: ein grandioser und grenzenlos gerissener, gutaussehender Selbstdarsteller, der im Hamburger Hotel "Atlantic" abstieg und sich in einem anthrazitfarbenen Mercedes Pullman 600 mit braunen Ledersitzen chauffieren ließ.

Wer Carlos Lehders Auftritte in der Vergangenheit verpasst hat, konnte seine Banditenlaufbahn immerhin im Kinofilm "Blow" (als Diego Delgado) oder in der Netflix-Serie "Narcos" verfolgen. Mit Getränken und Knabbergebäck in der Hand sahen Millionen von Zuschauern, wie der Film-Lehder mit Mädchen im Arm, einer Knarre in der Hand und viel Drogen im System auch mal abgedrückt hat, wenn der Weg irgendwie versperrt war. Manche der Darstellungen mögen unter-, manche übertrieben sein, doch fest steht, dass Lehder bis zu seiner Auslieferung in die USA im Jahr 1987 als ein außergewöhnlich brutaler und berechnender, selbst- und rachsüchtiger, geschäftstüchtiger und gieriger Mensch in Erscheinung getreten war.

Lehder verklärte NS-Deutschland

Während in den frühen Achtzigerjahren jedes Jahr bis zu 300 Millionen vermutlich nie versteuerte Dollar auf Lehders persönliche Konten flossen, gingen auf das Konto seiner Straftaten nicht bloß Erpressung, Steuerhinterziehung und Drogenschmuggel, sondern auch die Ermordung eines kolumbianischen Justizministers, vieler Regierungsbeamter, unzähliger Rivalen und nicht zuletzt die infame Drohung: "Für jede Woche, die ich inhaftiert bin, werde ich einen Richter töten."

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Das Leben von Carlos Lehder bietet reichlich Stoff für kuriose Geschichten.

(Foto: Abfotografie: "Stern")

Hinzu kamen seine faschistischen Tendenzen, die ihn dazu verleitet haben, das Deutschland der 1930er Jahre zu verklären und es bisweilen auch zum Vorbild für ein Kolumbien der Zukunft zu machen. Obwohl unklar ist, ob Carlos Lehder wirklich ein tätowiertes Hakenkreuz auf den Arm trägt, so wie in der Serie "Narcos" dargestellt, besteht kein Zweifel, dass er 1983 in Kolumbien die ultrarechte Partei "Movimiento Latino Nacional" gründete und ziemlich oft über Hitler und die Nazis schwadronierte. Es waren Zeiten, in denen einem Lehder ohne jede Übertreibung erscheinen musste wie eine Mischung aus Al Capone, Reinhard Heydrich, Andreas Baader, Muammar al-Gaddafi und eben Pablo Escobar - mit dem fundamentalen Unterschied, dass keiner von denen alt geworden ist. Carlos Lehder Rivas hingegen wird seinen 71. Geburtstag am 7. September bei uns feiern.

Die Geschichte ist auf gut Deutsch ein Hammer. Carlos Lehder hat vor rund 40 Jahren eine Form der organisierten internationalen Kriminalität geschaffen, die es bis dato nicht gab und die in ihrer Effizienz den Vergleich mit Henry Fords Erfindung des Fließbandes standhält - so beschrieb es der Richter, der ihn 1987 verurteilte. Indirekt hat Lehder damit Massen von Süchtigen und den Tod von jährlich rund einer halben Million Menschen mitverursacht. Selbst wenn es wahrscheinlich übertrieben ist, in ihm den Anstifter für einen Genozid zu sehen, ist es nicht abwegig, den Drogenhandel, den er erfunden hat, als eine Form von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu betrachten.

Dass er "Kokain zur revolutionären Waffe gegen den amerikanischen Imperialismus" erklärte, offenbarte darüber hinaus seinen eigenen Rauschzustand und politischen Wahn. Und dass er selbst vor heftigster Gewalt und regelrechten Exekutionen nicht zurückschreckte, allem Anschein nach auch nicht mit den eigenen Händen, drängt die Frage auf, die sich heutzutage viele Menschen in Kolumbien stellen: Sollte sich Carlos Lehder nicht auch für die Taten vor Gericht verantworten - und dafür büßen -, für die er in den USA nie angeklagt worden ist? Zur Erinnerung: Carlos Lehder wurde niemals wegen Mordes und anderer Tötungsdelikte der Prozess gemacht.

Zu alt und zu krank für einen Prozess?

Wer in diesen Tagen mit deutschen Diplomaten und Vertretern der Sicherheitsbehörden spricht, bekommt schnell den Eindruck, das alles sei Geschichte. Der Mann sei zu alt und zu krank, um noch einmal kriminell aufzufallen, heißt es.

Carlos Lehder setzt sich also in Deutschland zur Ruhe, schreibt seine Memoiren, kommentiert fortan Mafia-Serien oder unterstützt ihre Autoren und leistet damit einen authentischen Beitrag zum allgemeinen Crime-Fieber, nachdem seine Figur unsere Fantasie in den Jahren seiner Abwesenheit schon kräftig angeregt hat? Wer verfolgt, was allein seine Tochter schon seit einigen Jahren von sich gibt, kann den Eindruck bekommen, dass Lehder ein Narrativ angedichtet wird, das an die Wandlung des Saulus zum Paulus erinnert. Ein Opfer der US-Justiz und überhaupt großer Missverständnisse, das fortan gottesfürchtig und gemeinnützig agiert.

Was könnte jedoch im schlimmsten Fall passieren? Carlos Lehder wird als genesener und rüstiger Senior in irgendeiner Weise rück- und auffällig - sei es als Drogenhändler oder als Neonazi? Das Potenzial in beiden Milieus ist groß. Mit Sicherheit gibt es auch hierzulande viel Entfaltungsspielraum für einen organisationstalentierten Quereinsteiger wie ihn.

Dass die aktuelle Geschichte von Anfang an nach Lehders Plan verlaufen sein könnte, deutete sich 1988 bereits im Verfahren gegen ihn an. Während der damalige US-Staatsanwalt Robert Merkle dringend eine lebenslange Haft empfahl, weil er den Angeklagten erstens für sehr gefährlich hielt, das Strafmaß zweitens als Abschreckung und drittens als Symbol für den teuren und zermürbenden Kampf gegen den Drogenhandel dienen sollte, wetterte Lehder, er sei "eine Geisel von Merkle". Heute wirkt diese Bemerkung wie eine ironische Fußnote, wenn man bedenkt, dass sich Lehder inzwischen in Deutschland als "Gast von Merkel" bezeichnen darf.

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Lehder wurde 1987 in Kolumbien verhaftet und später in den USA verurteilt.

(Foto: AP)

Anwalt Arroyave betont gegenüber ntv.de, wie hilfsbereit und entgegenkommend die Behörden der Bundesrepublik schon seit Jahren gewesen seien: "Das hat mich überrascht und das habe ich so noch nicht erlebt!" Von einem "Deal" mit Deutschland oder von einem "humanitären Dienst", wie beim "Spiegel" zu lesen war, will Arroyave nicht sprechen. "Die Deutschen haben nie einen Zweifel daran gelassen, dass Carlos Deutscher ist und dass ihm dieselben Rechte zustehen wie jedem Deutschen." Selbst Lehders Wunsch, die Haft in Deutschland abzusitzen, sei in den vergangenen zehn Jahren mehrfach offiziell unterstützt worden. "Die US-Behörden haben dies immer abgelehnt. Sie hielten Carlos für zu gefährlich." Erst nachdem Lehder rund zwei Drittel seiner (nachverhandelten) Strafzeit von 55 Jahren abgesessen hatte, ließen ihn die USA gehen.

Arroyave berichtet weiter von einem Service durch deutsche Stellen, der den Titel "first class" verdient habe, zuletzt in der vorvergangenen Woche: "Carlos war vor seiner Ausreise aufgefallen, dass im Transfer zwischen Gefängnis und Flughafen niemand Covid-19-Schutzmasken trug. Als er in der deutschen Botschaft anrief und darüber klagte, schickten sie sofort einen Konvoi von Fahrzeugen, um ihn abzuholen."

Lehder verkürzte seine Haftzeit drastisch

Es muss gesagt werden, dass einem deutschen Staatsbürger nicht verweigert werden kann, nach einer Haftzeit im Ausland in die Heimat einzureisen. Damit ist allerdings nicht erklärt, warum Lehders Haftzeit drastisch verkürzt wurde. Welche Rolle spielten außerdem deutsche Behörden, die genauso von der Gefährlichkeit und der faschistischen Geisteshaltung Lehders gewusst haben wie vom Wunsch vieler Kolumbianer, ihn noch einmal vor Gericht zu sehen?

Rodrigo Lara, Mitglied im kolumbianischen Senat und Sohn des 1984 ermordeten Justizministers, verlangt seit Langem einen Strafprozess: nicht gegen den Drogenhändler, sondern gegen den Terroristen Carlos Lehder. Die Journalistin Maria Jimena Duzan, Redakteurin der kolumbianischen Wochenzeitung "Semana", schließt sich der Forderung an. 1986 arbeitete sie bei der Zeitung "El Espectador", als ihr Chefredakteur Guillermo Carno vom Medellin-Kartell ermordet wurde. Sie sagt gegenüber ntv.de: "Ich wünsche mir, dass die ganze Wahrheit über Carlos Lehder und seine Beteiligung an den schrecklichen Gewalttaten ans Licht kommen - hier in Kolumbien, in Deutschland oder vor einem internationalen Strafgericht." Die Idee erscheint sinnvoll oder sogar ein bisschen überfällig: Ein Gerichtshof, der sich mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Drogenkrieg beschäftigt und vor dem der Fall Lehder den Auftakt bilden könnte. Die Frage bleibt, ob es dazu jemals kommen könnte.

Eine Frage kann Anwalt Arroyave mit Sicherheit beantworten: Es war kein US-Präsident erforderlich, um Lehder zu begnadigen. Der Grund für Lehders Haftverkürzung bestand darin, dass er an einem Zeugenprogramm teilnehmen durfte, das ihn unter besonderen Schutz der US-Regierung stellte, wenn er sich bereit erklärte, gegen einen anderen Staatsfeind auszusagen: Manuel Noriega, der bis 1989 Machthaber in Panama war - und dem republikanischen Präsidenten im Weißen Haus ein Dorn im Auge. Obwohl Noriega (der letztendlich im Jahr 2017 gestorben ist) in vielerlei Hinsicht ein kleineres Licht als Lehder war und ihm sogar zur Geldwäsche in Panama untergeben diente, gab es offenbar einen Moment, in dem alles, was gegen ihn sprach, mehr wert war als die sichere lebenslange Verwahrung eines Straftäters vom Kaliber Lehders. Während Robert Merkle stets große Zweifel am Wert von Lehders Aussagen hegte, konnte er nichts gegen den sich anbahnenden Deal unternehmen, den Lehder letztendlich mit keinem Geringeren als Robert Mueller schloss, der damals stellvertretender Justizminister der USA war.

Zu Lehders Sonderbehandlung gehörte auch eine geräumige Zelle mit Telefon, das ihm die Möglichkeit gab, Verhandlungen mit der einflussreichen Außenwelt zu führen. Dabei bemühte er sich zunächst darum, von Alan Dershowitz vertreten zu werden - jenem Anwalt und Strafverteidiger, der in den vergangenen Jahren auch für Donald Trump oder Jeffrey Epstein in den Ring gestiegen ist. Dershowitz sagte damals ab, einmal als Jude, der keinen glühenden Hitlerverehrer verteidigen wolle. Zum anderen, weil er den drogenabhängigen Drogenhändler Lehder für "völlig verrückt" hielt. Im Rückblick sei die Vermutung gestattet, dass Dershowitz Lehder außerdem nicht mehr für ausreichend zahlungskräftig hielt, nachdem seine Konten in Panama versiegt waren.

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Carlos Lehder ist heute 70 Jahre alt.

(Foto: SemanaTV)

Anwalt Oscar Arroyave hat das Mandat nach eigener Angabe seit dem Jahr 2000. Während für Carlos Lehder Grund zu der Annahme bestehen mag, seinen Anwalt in Zukunft nicht mehr beauftragen zu müssen, sind gewichtige Fragen unbeantwortet, die uns auf einmal hierzulande betreffen. Es wäre äußerst begrüßenswert, wenn sie demnächst beantwortet würden, im besten Fall vom Generalbundesanwalt und der Bundesregierung. Zählen Morde und ihre Opfer nicht, die in Lehders Namen und womöglich von ihm persönlich verübt wurden, bloß weil es nicht auf deutschem Boden geschah?

Anders gesagt: Hätte Lehder vor 40 Jahren Deutschland in einer Weise terrorisiert, wie es Kolumbien erlebt hat, wäre er jetzt mit Sicherheit nicht willkommen und auch nicht zurückgekommen. Ganz einfach, weil er mit einer Prozesswelle rechnen müsste. Wir kennen solche Fälle hierzulande nur zu gut - und zu Recht - von ehemaligen Mauerschützen oder von den Schergen der Nazis, selbst wenn die Taten Jahrzehnte zurückliegen. Wir erinnern uns an den 86-jährigen Erich Mielke, der 1993 vom Landgericht Berlin zu sechs Jahren Haft für den Mord an einem Polizisten verurteilt wurde, der 62 Jahre zurücklag. Wie viele Polizisten hat Carlos Lehder auf dem Gewissen?

Schon aus Respekt vor den unzähligen Opfern sollten wir uns in Deutschland nicht achtlos und vergesslich im Fall Lehder verhalten - so wie übrigens in der vergangenen Woche mehrere deutsche Leitmedien. Unisono haben sie berichtet, Carlos Lehder sei noch nie in seinem Leben in Deutschland gewesen. Vielleicht mögen die Autoren einmal in ihren eigenen Archiven nachlesen, wer nicht zum ersten Mal nach Deutschland eingereist ist. Es ist nicht zu spät für eine angemessene Auseinandersetzung mit dem neuen, ehrenwerten Mitbürger Carlos Lehder. Sollte er seine Erkrankung überleben - was ihm in jedem Fall zu wünschen ist - wäre zu prüfen, ob seine terroristische Vergangenheit tatsächlich einen Fall für ein internationales Strafgericht hergeben könnte. Vielleicht zahlt es sich am Ende doch noch aus, dass Lehder einen Wohnsitz in der Nähe der niederländischen Stadt Den Haag gewählt hat.

(Der Autor hat den Beitrag am 21. Juni ergänzt, unter anderem um die Aussage von Maria Jimena Duzan.)

Quelle: ntv.de