Das Kochbuch zur KultserieZu Gast in der Welt von Bridgerton
Von Heidi Driesner
"Hochverehrte Leserschaft", leitet Lady Whistledown in ihrem Gesellschaftsjournal ihre Tratsch- und Klatschgeschichten aus der "feinen Gesellschaft" ein. Hier und heute allerdings geht's nicht um Gerüchte, sondern um Gerüche, mit denen "Das offizielle Bridgerton-Kochbuch" lockt. Aber auch die sind verführerisch.
Die Wartezeit hat ein Ende. Bridgerton-Junkies können aufatmen, denn mit Beginn der 4. Staffel geht die Netflix-Kultserie um das "Wer mit wem" der feinen Londoner Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts weiter. Das große, alle Staffeln umfassende Geheimnis um den scharfzüngigen Schreiberling des Gesellschaftsjournals ist allerdings gelüftet, und es dürfte auch spannend sein zu sehen, wie die Macher der Serie diese Dramatik aufrechterhalten. An dieser Stelle meldet sich nun Lady Whistledown noch einmal zu Wort und lädt ein, mit ihr das erste und einzige autorisierte Kochbuch zu "Bridgerton" zu genießen.
"Das offizielle Bridgerton-Kochbuch" ist als deutsche Ausgabe bei Prestel erschienen. Es enthält zahlreiche Originalbilder aus der TV-Serie, aufschlussreiche Hintergrundinformationen und mehr oder minder weise Worte der Lieblingsfiguren aus der Bridgerton-Welt - mitunter kalenderspruchtauglich wie Lady Danburys "Es gibt nichts Schöneres und Dauerhafteres als den Wandel". Die Menge der Texte im Buch ist beschränkt, schließlich müssen 70 Rezepte Platz finden; daher reicht auch die Anzahl der Bonmots nicht an deren Fülle in den Filmen heran, wo Lady Danbury angesichts von Für und Wider über das Gesellschaftsjournal fragt: "Wer braucht frische Luft, wenn es doch frischen Klatsch gibt?"
Gedankenspiele in der Küche
Autorinnen des Kochbuchs sind Regula Ysewijin und Susan Vu. Ysewijn ist Food-Autorin und Fotografin und verfasste unter anderem "Das offizielle Downtown-Abbey-Weihnachts-Kochbuch". Vu arbeitet als Rezeptentwicklerin und Food-Stylistin und kreierte unter anderem die Rezepte für "Bridgerton: Der offizielle Guide". Wer bei "Bridgerton" eine geschichtsgetreue Widerspiegelung erwartet, ist fehl am Platz. Wer allerdings amüsante Unterhaltung sucht, findet sie auch: üppig, frivol, champagnergetränkt oder whiskymariniert - ganz nach Belieben. Zum Teil zeigt sich das auch im Buch, doch hier soll vor allem die Fantasie in der Küche angeregt werden. Das ist schließlich ein Kochbuch mit Anleitungen fürs Köcheln und nicht fürs ... na, Sie wissen schon. Lassen Sie beim Lesen der Rezepte einfach Ihre Fantasie sprudeln und erinnern Sie sich an die witzigen Dialoge, an all die spitzfindigen und ironischen Bemerkungen, dann klappt's auch in der Küche. Unterteilt ist das Buch in sechs große Kapitel: Die Bridgertons; Die Featheringtons; Lady Danbury; Der Duke und die Duchess of Hastings; Der Vizegraf und die Vizegräfin von Bridgerton; Queen Charlotte.
Adliger Genuss geht auch einfach
Auch Madame Delacroix, eigentlich englische Bürgerliche, aber bekannt und erfolgreich als "französische" Modistin, fehlt nicht - den Fans vor allem als Benedict Bridgertons Geliebte im Gedächtnis. Darauf gehen wir selbstverständlich nicht weiter ein, schließlich gehen die Anliegen einer Dame nur sie allein etwas an! Allerdings fallen mir sofort die spöttischen Bemerkungen seiner Brüder über Faden und Nadelöhr ein. Auch Will und Alice Mondrich, Brimsley und Reynolds sowie Edwina Sharma steuern Storys und Rezepte bei. Die Protagonisten werden in Wort und Bild vorgestellt. Selbstverständlich spielen ihre bevorzugten Leckerbissen eine tragende Rolle.
Wenn auch diverse "Bratkartoffelverhältnisse" die TV-Serie so abwechslungsreich machen, pikante Einblicke gewähren und auch die zahlreich vorhandenen düsteren Seiten derartiger Beziehungen nicht verschweigen - Bratkartoffeln auf den Tafeln werden nicht gesichtet. Was nicht heißt, dass Sie bei all dem "adligen" Genuss Rezepte für einfache Speisen vermissen müssen.
So bevorzugt Lady Danbury an stillen Abenden pikante Kleinigkeiten, und falls doch jemand vorbeikommt, lässt sich ihr Fingerfood glücklicherweise mit dem Besuch teilen. Ihre Würstchen im Teigmantel oder die "Teufel zu Pferde" (mit Stilton gefüllte Datteln) machen sich zudem ausgezeichnet auf Büfetts oder beim Picknick. Queen Charlotte hatte als junge Königin sehr unter den Zwängen ihrer Position gelitten: "Eine Königin zu sein bedeutet dekadente Perfektion, inner- und außerhalb der Küche. In diesem Kapitel kommen erstklassige Zutaten wie Hummer und Austern auf den Tisch oder ein köstlicher Kronenbraten", heißt es im Buch. Doch auch hier finden Sie Gerichte, deren Rezepturen nicht seitenfüllend sind. Mein Favorit: Bunte Ofenkarotten mit Knusperspeck, Walnusskernen und Kümmel, eine kleine Erinnerung an die deutschen Wurzeln der Queen.
Zwischen Austern und Zwiebeln
Bei den Featheringtons spiegelt sich auf der Tafel "Lady Portias lebhafte Lebenseinstellung wider. Sie verlangt nach stilvollen Gerichten mit Schwung und weist die Küche an, farbenfrohe Mahlzeiten zu kreieren, die kunstvoll präsentiert werden. Eindrucksvolles Beispiel: Royales Gelee", schreiben die Autorinnen. Herzerwärmend, weil unkonventionell, sind die Abendtafeln bei der Familie Bridgerton. So ist auch die Küche - die köstlichen Mahlzeiten schmecken allen Altersstufen. Ausflüge in die indische und die griechische Küche sind ebenfalls möglich, dank der indischen Wurzeln der Vizegräfin und Colins europäischer Reisen. Wer zwischen Austern und Zwiebeln einen Leitfaden braucht, um Kekse, Braten und Desserts in wohlgefällige Reihenfolgen zu bringen, der findet mehrere Menüvorschläge. Und falls Ihnen jetzt der Kopf schwirrt: Das Rezept für den Beruhigungstee steht auf Seite 246.
Lassen wir schlussendlich wieder Lady Whistledown aka Penelope Featherington zu Wort kommen: "Liebste Leser, schärfen Sie Messer und Verstand, bringen Sie Ihre Garderobe auf Stand und nutzen Sie dieses Kochbuch zu Ihrem Vorteil, um charmant und schwungvoll mit glänzenden Köstlichkeiten und verführerischen Süßigkeiten zu begeistern."
Salat der werten Ladys: Chicorée und Radicchio gefüllt mit Quark und eingelegten Pilzen
"Eingelegte Pilze waren zur Zeit von George III. unglaublich beliebt. Dieses Rezept wurde inspiriert von einem aus dem Notizbuch einer Lady und hat sich im Laufe der Zeit bewährt. Die werte Lady Danbury liebt einen gut zusammengestellten Salat an jenen seltenen Abenden, da sie keine Verabredung in ihrem Kalender findet. Sie genießt die kräftigen Pilze mit den Bitterstoffen der Salatblätter, abgemildert vom kräuterigen Frischkäse. In diesem Salat schlägt sich der Übergang vom Sommer, mit seinen bitteren Salatblättern, in den mit Pilzen gespickten Herbst nieder."
Zubereitung: 1. Die Pilze unten kappen, mit den Händen vereinzeln (Mini-Exemplare zusammenlassen). Alles in ein großes Einmachglas (1,5 l Fassungsvermögen) legen.
2. Den Ingwer schälen und halbieren. Mit der stumpfen Klingenseite eines Messers den Ingwer einige Male zerstoßen. Mit Essig, 180 ml Wasser, Zucker, 1 EL Salz, Gewürznelken, Muskatnuss, Pfefferkörnern und dem Lorbeer in einem kleinen Topf bei mittlerer Temperatur erhitzen und 3 Minuten unter gelegentlichem Rühren zum Köcheln bringen. Vom Herd nehmen, 10 Minuten abkühlen lassen und dann diese Einlegeflüssigkeit über die Pilze im Glas gießen. Dabei diese leicht nach unten drücken, damit sie vollständig von der Flüssigkeit bedeckt sind. Alles bei Zimmertemperatur vollständig abkühlen lassen, anschließend das Glas mit einem Deckel verschließen. Die Pilze im Kühlschrank 24 Stunden und bis zu 2 Wochen kühl einlegen.
3. Den Quark mit Minze, Petersilie, Erdnusskernen, Knoblauch, Zitronenabrieb, 1 EL Olivenöl, 1 großen Prise Salz und reichlich Pfeffer in einer Schüssel glatt vermischen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.
4. Diese Kräutercreme esslöffelweise auf die Chicorée- und Radicchioblätter setzen. Die Pilze mit einer Gabel aus der Lake heben, kurz abtropfen lassen und auf der Creme anrichten. Die gefüllten Blätter auf eine große Servierplatte legen, mit Olivenöl beträufeln und sofort servieren.
Tipp aus der Küche: Statt Quark die gleiche Menge Doppelrahmfrischkäse verwenden.
Lavendel-Petticoats
"Eine Tasse englischer Tee ohne Keks dazu ist undenkbar. Die traditionsverliebte Daphne schwört auf diese klassischen Shortbreads. Sie sind vielseitig - köstlich pur, aber luxuriös werden sie verfeinert mit Kümmelsamen, Zitronenabrieb und Zitronat. Alle drei waren schwer im Trend während der Gregorianischen Zeit. In dieser Bridgerton-Version wird mit Lavendel im Mürbeteig gearbeitet, der sich auch im Guss und als essbare Blüten zur Verzierung wiederfindet und für eine hübsche Farbgebung sorgt."
Zubereitung: 1. Das Mehl mit der Speisestärke in einer kleinen Schüssel vermischen. In einer weiteren, großen Schüssel die Butter mit 50 g Puderzucker, der Hälfte der gehackten Lavendelblüten und 1 kleinen Prise Salz mit einem elektrischen Handrührgerät etwa 2 Minuten bei mittlerer bis hoher Temperatur [Anmerkung:
Hier ist sicher Drehzahl gemeint] glatt sowie leicht luftig verschlagen. Die Hälfte der Mehlmischung fast glatt unterziehen (ein paar Mehlstreifen sind in Ordnung). Mit dem restlichen Mehlmix zu einem glatten Teig verarbeiten.
2. Die Tarteform mit Butter einfetten und den Teig mit den Händen gleichmäßig auf den Boden der Form drücken. Mit einer Gabel alles gleichmäßig und im Abstand von etwa 2,5 cm einstechen. Den Teig etwa 15 Minuten kühl stellen.
3. Den Backofen auf 160°C vorheizen.
4. Die Tarteform auf einem Ofengitter etwa 30 Minuten im Ofen backen, bis die Ränder bräunen. Dabei nach 15 Minuten die Form drehen. Auf einem Kuchengitter 10 Minuten abkühlen lassen, dann den Rand abnehmen, den Boden aber noch auf der Platte lassen. Mit einem Sägemesser den noch warmen Mürbeteig in 8-12 Kuchenstücke schneiden ("Petticoats") - diese vollständig abkühlen lassen.
5. Inzwischen die Milch in einer kleinen Schüssel in der Mikrowelle dampfend heiß erhitzen. Dabei alle 5 Sekunden durchrühren und überprüfen, sie sollte nicht überkochen. Den restlichen gehackten Lavendel in die Milch rühren, dann diese etwa 15 Minuten vollständig abkühlen lassen.
6. Die Milch durch ein Sieb abgießen und so die Lavendelblüten entfernen. Von der Milch 1½ EL in einer großen Schüssel mit dem restlichen Puderzucker (200 g) glatt verschlagen. Dabei nach und nach mehr Lavendelmilch angießen, immer ½ TL auf einmal, bis sich ein dicker, aber gießfähiger Guss gebildet hat.
7. Nun jeden Petticoat mit einer kleinen Palette mit dem Guss bestreichen. Rasch mit den essbaren Blüten bestreuen, diese sanft in den Guss drücken. Die Kekse vor dem Servieren mindestens 1 Stunde fest werden lassen.
Petticoats: Diese Kekse buk man traditionell in einer großen, runden und flachen Form, die mit Mustern versehen war. Alternativ kann man sie wie Löffelbiskuits oder rund und mit Gabel oder Stempel gemustert herstellen. Durch die Dreiecksform nennt man diese Kekse im Englischen analog zu ausgestellten Unterröcken petticoat tails.
Diskreter Punch
"Üblicherweise verdünnt ein Punsch stärkere Alkoholika, doch muss er selber nicht allzu stark ausfallen. Diese Version aus Rotwein und schwarzem Johannisbeersaft beinhaltet nur eine bescheidene Menge an Weinbrand und Wein. Es entsteht ein aromatisches Getränk mit Noten von Honig, Zucker, Zimt, Gewürznelken und Zitrus. Perfekt für Philippa und Prudence Featherington, die bei den Tanzbällen mit einem Schlückchen zu viel sonst unerträglich redselig würden."
Zubereitung: 1. Honig, Zucker, Gewürze und 240 ml Wasser in einem kleinen Topf bei mittlerer Temperatur verrühren. Unter gelegentlichem Rühren 5 Minuten zum Köcheln bringen. Vom Herd nehmen und bei Zimmertemperatur vollständig abkühlen lassen. In die abgekühlte Mischung den Weinbrand rühren und alles durch ein feines Sieb in eine große Punsch-Schüssel passieren (die festen Bestandteile entsorgen). Den Wein und die Säfte hineingießen, alles verrühren. Die Schüssel mit Frischhaltefolie abdecken und den Punsch mindestens 2 Stunden und bis zu 5 Tagen kühl stellen.
2. Kurz vor dem Servieren die Mandarinen in dünne Scheiben schneiden, die Johannisbeeren von den Rispen zupfen. Die Punsch-Schüssel mit Eiswürfeln auffüllen, die Mandarinenstücke sowie die Johannisbeeren einrühren. Den Punsch in Gläser schöpfen und servieren.
Tipp aus der Küche: Außerhalb der Saison statt frischen roten Johannisbeeren andere kleine rote Beeren, etwa auch Himbeeren, zum Garnieren verwenden.
Punsch: Wie bei vielem, bleibt auch der Ursprung von Punsch im Dunkeln. Meist herrscht die Überzeugung vor, dass punch vom Hindi-Wort für "fünf "abstammt, eine Anspielung auf die fünf traditionellen Hauptzutaten: Alkohol, Wasser, säurehaltiges Getränk, Zucker und Gewürze. Häufig jedoch kommen mehr oder weniger Zutaten hinein. Die Bezeichnung könnte auch von puncheon stammen, einem Fass mit 50 l Fassungsvermögen. Gesichert ist, dass Punsch seit den 1660er-Jahren zum Lieblingsgetränk des britischen Adels avancierte und für Londoner Kaffeehäuser eine lukrative Einnahmequelle war, da keine Steuern auf seinen Verkauf anfielen.
Gute Unterhaltung mit den Bridgertons und allen anderen der "feinen Gesellschaft" sowie Erfolg beim Nachkochen wünscht Ihnen Heidi Driesner.
