Fake-Profile und digitale Gewalt"Über Sexualität lässt sich Erniedrigung besonders intensiv erzeugen"
Ein Interview von Sarah Platz
Von der Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes wurden jahrelang sexualisierte und erniedrigende Fake-Inhalte erstellt und digital verbreitet. Mit der Anzeige gegen ihren Ex-Mann wird der Fall nun zur öffentlichen Debatte. Für Christian Ulmen gilt die Unschuldsvermutung, doch unabhängig davon zeigen die Zahlen: Fernandes ist bei Weitem nicht die einzige Frau, der digitale Gewalt angetan wird - Tendenz laut Bundeskriminalamt stark steigend. Die Cyber-Psychologin Catarina Katzer sieht darin einen Ausdruck des deutlich wachsenden "digitalen Maskulinismus". Im Gespräch mit ntv.de erklärt sie, warum es vielen Tätern um Erniedrigung und Kontrolle geht und beleuchtet vermeintliche Rechtfertigungen wie etwa Fetische.
ntv.de: Frau Katzer, was treibt Menschen an, Fake-Profile von Frauen anzulegen und die oft sexualisierten Inhalte online zu verbreiten?
Catarina Katzer: Wir stellen fest, dass es in einem Großteil der Fälle von digitaler Gewalt darum geht, die Betroffenen zu erniedrigen und Kontrolle auszuüben. Sexualität und Körperlichkeit spielen dabei deshalb so eine große Rolle, weil sich Bloßstellung und Erniedrigung darüber besonders intensiv erzeugen lassen. Um das bestmöglich zu erreichen, nutzen die Täter verschiedene Technologien. Deepfakes sind etwa so beliebt, weil die erstellten Inhalte besonders real sind. Der Traumatisierungsgrad der Opfer ist also oft besonders hoch, der Effekt für die Täter ebenso. Die Hintergründe der Taten unterscheiden sich natürlich von Fall zu Fall, allerdings sind verschiedene Gruppen zu erkennen.
Welche sind das?
Viele Täter weisen eine gewisse Nähe zu den Betroffenen auf, es handelt sich zum Beispiel um Ehemänner oder Ex-Partner. Hier spielen oft verletzte Gefühle wie Wut, Rache oder enttäuschte Liebe eine große Rolle. Durch die Tat soll der empfundene Kontrollverlust kompensiert werden. Die Bloßstellung des Opfers dient dazu, Macht zurückzugewinnen und das eigene, geringe Selbstwertgefühl aufzuwerten. Dann gibt es die Täter, die ihre Opfer gar nicht kennen. Die Betroffenen sind in diesen Fällen häufig Personen, die öffentlich auftreten, zum Beispiel in Gaming-Foren aktiv sind oder sich zu Themen wie Politik, Feminismus oder Klima äußern. Diese Frauen werden angegriffen, weil sie nicht in ein bestimmtes Frauenbild passen. Durch die Herabsetzung sollen sie "auf ihren Platz" verwiesen werden. Aber ob Näheverhältnis oder nicht: Die digitale Gewalt, insbesondere gegenüber Frauen, nimmt seit Jahren immens zu.
Wie ist das zu erklären?
Zum einen machen es digitale Werkzeuge schlicht sehr einfach, anderen Menschen massiven Schaden zuzufügen. Zum anderen beobachten wir, dass sich eine Form von digitalem Maskulinismus verbreitet, die neue Normen und Werte etabliert. Dahinter steht oft die Vorstellung männlicher Überlegenheit und das Gefühl, durch Feminismus bedroht zu sein. Überraschend ist das in dem Sinne nicht, als dass wir seit etwa zehn Jahren eine zunehmende Gegenbewegung zum Feminismus wahrnehmen: Auch, wenn es nicht der Realität entspricht, fühlen sich Männer zunehmend zurückgesetzt - Frauen werden als Ursache dafür gesehen. Um diese vermeintliche Schwäche zu kompensieren, wird Dominanz demonstriert, häufig durch die Abwertung von Frauen. Influencer wie Andrew Tate verstärken diese Dynamiken, da sie vor allem junge Männer erreichen.
Im Fall von Collien Fernandes soll ihren Vorwürfen zufolge ihr Ex-Mann Christian Ulmen hinter etlichen Fake-Profilen von ihr stecken. Der 50-Jährige wirkt nicht gerade wie ein typischer Anhänger der "Manosphere"-Bewegung um Andrew Tate …
Richtig, man würde Herrn Ulmen sicherlich nicht der Gruppe der Maskulinisten zuordnen. Das ist jedoch nicht der entscheidende Punkt. Die Bewegung der Maskulinisten oder der Manosphere ist ein Grund dafür, dass digitale Gewalt an Frauen zunehmend als normal empfunden wird. Das ist sehr gefährlich, heißt aber nicht, dass digitale Gewalt nur in dieser Szene passiert. Das zeigt schon die Range der Täter, die weit bis ins hohe Erwachsenenalter reicht. In Trennungsphasen oder der Zeit davor spielen bekannterweise oft Wut, Enttäuschung und der Wunsch, dem Partner oder der Partnerin eins auszuwischen, eine Rolle. Diese Erregungen - ob aus der Manosphere kommend oder nicht - können im Internet leicht in Gewalt umgewandelt werden. Diese Leichtigkeit ist der entscheidende Punkt. Menschen tun digital Dinge, die sie unter anderen Umständen nicht machen würden. Der Weg in die Gewaltspirale ist damit deutlich schneller.
Fernandes sagte jüngst, ihr Ex-Mann habe von einem "Erniedrigungsfetisch" gesprochen, als er ihr die Taten gestanden habe. Welche Rolle spielen vermeintliche Rechtfertigungen bei digitaler Gewalt?
Grundsätzlich ist es üblich, dass Täter versuchen, ihre Tat zu rechtfertigen. Sie wollen sich nicht als Täter sehen, sondern ihr Handeln in einen Kontext setzen, der es für sie selbst akzeptabel macht. Das kann ein Fetisch sein oder eine andere Erklärung. In Befragungen sagen Täter auch häufig: "Die Person hat es verdient." Bei sexualisierter digitaler Gewalt haben wir es nun tatsächlich häufig mit dem Faktor "Befriedigung" zu tun. Einmal durch die Inhalte selbst - aber eben auch durch deren Verbreitung. Diese Inhalte werden selten nur für den Eigengebrauch erstellt, sondern gezielt geteilt. Täter wollen, dass andere zuschauen, reagieren, bestätigen. In diesem Moment wird die vermeintliche Rechtfertigung bestärkt, denn in diesen Gruppen entsteht eine Dynamik der gegenseitigen Bestätigung. Jeder, der solche Inhalte erhält, könnte und müsste sie infrage stellen - doch das passiert eben äußerst selten. Dadurch gerät immer mehr aus dem Blick, dass es sich um Gewalt und oft auch um Straftaten handelt.
Studien zufolge gibt ein großer Teil der Täter an, dass er das Erstellen und Teilen von sexualisierten Inhalten schlicht lustig findet.
Auch Bagatellisierung ist ein zentraler Punkt bei digitaler Gewalt. Denn das Runterspielen der eigenen Tat und ihrer Konsequenzen gelingt in diesem Bereich besonders gut - das Stichwort lautet Distanz. Täter sitzen allein vor dem Bildschirm, ohne direkte Konfrontation mit dem Opfer. Er sieht nicht umgehend, was seine Tat bewirkt. Diese Trennung von Handlung und körperlicher Realität senkt zum einen die Hemmschwelle. Zum anderen ist es deutlich einfacher, zu denken: Die Folgen meiner Tat sind ja nicht so schlimm, sie sind "nur" digital. Das wird dem oft immensen Leid von Betroffenen digitaler Gewalt natürlich in keiner Weise gerecht. Die Bagatellisierung digitaler Gewalt birgt jedoch auch für die analoge Welt ernsthafte Gefahren.
Welche?
Die emotionale Distanz im digitalen Raum führt zu einem massiven Empathieverlust. Wie beschrieben, sehen Täter die unmittelbaren Folgen ihres Handelns nicht. Das erleichtert es, die eigene Tat herunterzuspielen und als harmlos zu betrachten. Das Problem ist: Wenn Empathie einmal verloren geht, bleibt das nicht auf den digitalen Raum beschränkt. Menschen trennen die analoge und digitale Welt emotional eben nicht voneinander. Der gefährliche Verlust von Empathie kann sich also im Alltag, im realen Leben fortsetzen.
Das klingt, als entstünden digital "neue" Gewalttäter. Zuvor war digitale Gewalt oft als "verlängerter Arm" der analogen Welt bezeichnet worden.
Wir sehen beides. Digitale Gewalt kann ein Einstieg in gewalttätiges Verhalten sein. Was Menschen online tun und dabei als erfolgreich oder befriedigend erleben, prägt ihre Persönlichkeit und ihr Verhalten insgesamt. Das kann sich auch ins reale Leben übertragen. Gleichzeitig erleichtert der digitale Raum bestehende Gewalt enorm: Täter finden schneller Gleichgesinnte, können Inhalte weltweit verbreiten und leichter Opfer identifizieren. Besonders deutlich wird das in Bereichen wie Cybergrooming oder Kinderpornografie. Man muss daher von einer Wechselwirkung sprechen: Digitale Gewalt verstärkt analoge Gewalt - und umgekehrt.
Ist Deutschland ausreichend auf diese Wechselwirkung und die steigende digitale Gewalt vorbereitet?
Über die Strafverfolgung von explizit digitaler Gewalt wird nun endlich umfangreich debattiert. Zwar kann das Erstellen von Fake-Profilen, über den Stalking-Paragrafen strafbar sein, wenn sie für wiederholte, unerwünschte Kontaktaufnahme oder zur Offenlegung privater Daten genutzt werden. Eine gesetzliche Grundlage, die digitale Gewalt als Ganzes unter Strafe stellt, fehlt aber. Hierzu gehört auch der Bereich Cybermobbing. Aktuell müssen Mobbingformen nach einzelnen Paragrafen im Strafgesetz verfolgt werden. Hinzu kommt, dass Straftaten, die online passieren, nicht nur in den Köpfen der Täter bagatellisiert werden, sondern auch in vielen Behörden. Betroffene hören immer noch Aussagen wie "Dann halten Sie sich doch einfach von Facebook und TikTok fern". Das zeigt, wie wenig das Leid der Betroffenen verstanden wird, was wiederum auf die vermeintliche Rechtfertigung der Täter einzahlt. Klare gesetzliche Regelungen würden nicht nur die Strafverfolgung verbessern und Betroffenen helfen, sich zu wehren. Es würde auch ein klares Signal an Täter senden: Was ihr tut, ist kein Kavaliersdelikt - und kann ernste Konsequenzen für euch haben.
Mit Catarina Katzer sprach Sarah Platz