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Missbrauch in der Kirche Franziskus sucht Weg aus Vertrauenskrise

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Franziskus hat bisher die nötige Deutlichkeit vermissen lassen.

(Foto: dpa)

Für die deutschen Bischöfe hat das Thema bereits Priorität, für den Vatikan bekommt es zunehmend Dringlichkeit: der Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche. Im Februar gibt es dazu einen Gipfel, für Papst Franziskus geht es dabei um viel.

Die Zeit um den Jahreswechsel ist für einen Papst ohnehin nicht stressfrei. Weihnachten, Neujahr, urbi et orbi: ein dicht getaktetes Programm für das Katholikenoberhaupt. Dieses Mal muss Papst Franziskus allerdings in der stillen Zeit auch ein wesentlich problematischeres Thema durcharbeiten. Es geht um Kindesmissbrauch und wie die katholische Kirche das Problem endlich in den Griff bekommt. Für Ende Februar hat Franziskus einen Gipfel zum Thema einberufen. Dessen Ausgang wird als mitentscheidend für das Pontifikat des Argentiniers angesehen.

Hilfe bei sexuellem Missbrauch

Betroffene oder Menschen, die einen Missbrauch vermuten, können sich kostenfrei und anonym an das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch wenden: 0800-22 55 530. Weitere Infos zu Beratungs- und Hilfeangeboten vor Ort gibt es unter: www.hilfeportal-missbrauch.de

Die Spitzen der nationalen Bischofskonferenzen aus aller Welt kommen vom 21. bis 24. Februar im Vatikan zusammen. Die Erwartungen seien sehr hoch, sagte der deutsche Pater Hans Zollner, der zum Vorbereitungskomitee des Gipfels gehört. "Das ist verständlich mit Blick auf die Schwere des Skandals, der so viele Menschen schockiert und verletzt hat, Gläubige oder nicht, in so vielen Ländern". Papstsprecher Greg Burke nannte das Treffen "beispiellos". Kirchenführer auf der ganzen Welt müssten verstehen, welch "verheerenden" Effekt Missbrauch auf die Opfer hätte.

Während das Thema in Deutschland sehr prominent ist, tut sich aber in anderen Teilen der Welt kaum etwas. In Afrika, aber auch in einigen europäischen Ländern wie in Italien wird Missbrauch oft heruntergespielt, wenn nicht komplett ignoriert. Das zeigte auch die Jugendsynode im Oktober im Vatikan. Bei dem Weltbischofstreffen konnte man sich im Abschlussdokument nur zu einigen wachsweichen Passagen durchringen, in denen eine bessere Vorbeugung gegen Missbrauch versprochen wurde. Und selbst dagegen votierten noch einige der Bischöfe.

Kein Beschlussgremium

"Es gibt leider auch innerhalb der Kirche Leute, die vom Thema Missbrauch ablenken und lieber über andere Dinge sprechen wollen, über Homosexualität etwa oder über die Sexualmoral der Kirche", sagte Bernd Hagenkord, Leiter der deutschen Redaktion der vatikanischen Medienplattform Vaticannews. "In meinen Augen ist es das Ziel, weltweit anzuerkennen, dass es Missbrauch - in seinen sehr verschiedenen Facetten - in der Kirche gegeben hat und gibt und dass die Leitung der Kirche etwas dagegen tun muss, und zwar systematisch."

Doch konkrete Entscheidungen wird es bei dem Gipfel gar nicht geben. "Die Konferenz ist kein Beschlussgremium. Beschlüsse können die Bischöfe vor Ort treffen, oder der Papst in Rom", so Hagenkord. Bleibt es dann also bei warmen Worten? "Ein Scheitern - also nur drüber reden und dann eine schwache Absicht erklären - wäre schlimm für die Opfer und für alle, die sich dem Kampf gegen Missbrauch verschrieben haben", so Hagenkord. Ähnlich sehen das Missbrauchsopfer, die sich endlich nach konkreten Taten sehnen. "Wenn dieses Treffen mit nichts anderem als enthusiastischen Worten endet und Versprechen für die Zukunft, wird das das Ende des Weges für viele sein, die seit Jahren darauf warten, dass die Kirche konkrete Maßnahmen ergreift", sagte Marie Collins, Ex-Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission, dem katholischen Nachrichtenportal "Crux".

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hatte zur Synode im Oktober klar gemacht, dass für Deutschland der Kampf gegen den Missbrauch Priorität habe. Kein Wunder. Dieses Jahr wurden die erschütternden Ergebnisse einer von den Bischöfen vor Jahren in Auftrag gegebenen Studie bekannt. Detailliert dröselten externe Wissenschaftler auf 356 Seiten ihre Recherchen auf - und stellten beispielsweise fest, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker insgesamt 3677 meist männliche Minderjährige missbraucht haben sollen. Die puren Zahlen waren das eine - mehr noch verblüfften die Forscher aber mit ihrer Erkenntnis, das Missbrauchsrisiko in katholischen Einrichtungen bestehe auch heute noch. Als bedenkliche Faktoren nannten sie neben der umstrittene Verpflichtung katholischer Priester zur Ehelosigkeit (Zölibat) auch den "problematischen Umgang" mit dem Thema Sexualität und die ausgeprägte klerikale Macht einzelner Geistlicher.

Und die deutschen Bischöfe? Bleiben wegweisende Reformen trotz des Skandals weiter schuldig, sagen Kritiker. Sie sagten lediglich zu, den Zölibat und die katholische Sexualmoral "unter Beteiligung von Fachleuten verschiedener Disziplinen" nun in einem Gesprächsprozess erörtern zu wollen. Was immer irgendwann dabei herauskommen mag. Kritiker bezeichneten die Ankündigungen als nicht ausreichend. Die Willensbekundungen der Kirche seien "butterweich", kritisierte etwa die katholische Reformbewegung "Wir sind Kirche". Falls beim Gipfel in Rom auch nur butterweiche Erklärungen herauskommen, wird das dem Papst selbst zur Last gelegt. Denn der steht wegen des Umgangs mit Missbrauchsskandalen in Chile oder in den USA ohnehin schon stark in der Kritik. Im Februar hat er Gelegenheit, das Ruder umzulegen.

Quelle: n-tv.de, Annette Reuther und Michael Brehme, dpa

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