Panorama

Eine Gemeinde im Theaterrausch Freiheit, Gleichheit, Altusried

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Malerisch: Bei gutem Wetter kann man von Altusried die Allgäuer Alpen sehen.

(Foto: imago/Kickner)

Alle drei Jahre strömen Zehntausende in eine kleine Allgäuer Gemeinde, um knapp 500 Laienschauspielern beim Freiheitskampf zuzusehen. Die Leidenschaft der Darsteller ist ansteckend - und Theater der Kitt, der die Dorfgemeinschaft zusammenhält.

In einem kleinen Tal, vorbei an Sparkasse, Andreas-Hofer-Apotheke, dem örtlichen Freibad und einer Pferdekoppel, steht das Opernhaus von Sydney. Halb versteckt lugt die wellenförmige Dachkonstruktion aus den Baumwipfeln im Tal hervor, auf dem Weg zum Eingang werden Besucher vom Riedbach begleitet. Das fröhlich vor sich hin glucksende Gewässer fließt mitten über die Bühne, auf der gerade ein paar wettergegerbte Handwerker Handwerkerdinge tun. Unter den Schuhen knirscht der Kies, am gegenüberliegenden Hang kleben die letzten Schneereste des langen Winters und von oben spendet die Sonne diese besondere Wärme, die nur die ersten Frühlingsstrahlen spenden.

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Klingt irgendwie nicht nach Australien? Ist es auch nicht: Von nahem betrachtet sieht das Opernhaus ohnehin gar nicht mehr so sehr nach Opernhaus aus, sondern fügt sich trotz seiner Größe erstaunlich dezent in die Umgebung ein: Willkommen auf der Altusrieder Freilichtbühne, dem Lebensmittelpunkt einer kleinen Gemeinde im Oberallgäu - und der materialgewordenen Manifestation eines Lebensgefühls irgendwo zwischen Grandezza, Gemeinschaftssinn und Bodenständigkeit.

Sanfte Naturgewalt

2500 Besucher finden auf der Tribüne der Freilichtbühne Platz. Unter den knapp 150 deutschen Sommerbühnen gehört das Allgäuer Halbrund damit zu den Größeren, auch was die Auslastung angeht: Mehr als eine Million Menschen haben seit dem Bau vor 20 Jahren ihren Weg in den 5000-Seelen-Ort gefunden, um den Altusriedern beim Theatermachen zuzuschauen. Und das ist neben der leicht größenwahnsinnig anmutenden Dimension der Bühne das eigentlich bemerkenswerte: Alle, die hier vor großem Publikum auftreten, sind Laien - von den Musikern über die Statisten bis hin zu den Hauptdarstellern.

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2500 Menschen fasst die Tribüne der Freilichtspiele.

(Foto: picture alliance / -/Markt Altus)

Gefühlt das halbe Dorf, tatsächlich aber immerhin rund 500 Menschen aus der ganzen Gemeinde, wirkt bei den alle drei bis vier Jahre stattfindenden Allgäuer Freilichtspielen mit. Programm ist auf der Bühne zwar jedes Jahr, über die Grenzen der Region hinaus bekannt sind die Altusrieder aber für die opulent inszenierten Stücke, die fast immer Unabhängigkeit und Freiheitskampf als zentrales Thema haben. 2019 steht "Artus!" auf dem Programm, vom 8. Juni bis zum 18. August werden wieder Zehntausende Besucher auf die Freilichtbühne strömen.

Einer der Darsteller ist Elmar Luger, ein Baum von einem Mann: Als Luger zum Interviewtermin in der nahe gelegenen Theaterwerkstatt erscheint, wird es für einen kurzen Moment dunkel - wie eine Naturgewalt schiebt er sich zwischen Sonne und Türstock. Der imposante Auftritt weckt Erwartungen, die ins Leere laufen: Hinter der beinharten Fassade steckt ein sanfter Mensch, ein echter Romantiker. "Ich hab 77 beim Hofer meine erste kleine Rolle gespielt", erzählt Luger von seinen ersten Schritten im Theater. "Das war ein Erlebnis, das man sich kaum vorstellen kann: Diese Gemeinschaft, alle sind gleich, du bist behütet und beschützt und erlebst dann so ein Stück. Diesen Freiheitskampf, das saugst du auf wie ein Schwamm. Da krieg' ich heute noch Gänsehaut."

Der Bin Laden Tirols

Luger lebt zu einem nicht geringen Teil fürs Theater, es hat ihm schon viel gegeben: Selbstvertrauen, Geborgenheit und die Chance, in eine andere Rolle zu schlüpfen. Am deutlichsten zeigt sich das, wenn aus dem Hünen mit der sanften Stimme ein Hüne wird, der nichts Sanftes mehr an sich hat - so wie 2009, als Luger im "Andreas Hofer" den Pater Haspinger spielte: "Ich sag mal so, das war der Bin Laden Tirols. Der die Tiroler aufgehetzt und in einen Glaubenskrieg geschickt hat. Der Regisseur hat gesagt, für diese Rolle braucht er einen Verrückten, gut, den hat er dann mit mir gefunden. Tolle Geschichte, für mich hochemotional."

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Sanfter Riese: Elmar Luger (als Lokomotivführer Lukas in "Jim Knopf", l.)

(Foto: Freilichtbühne Altusried)

Seit 40 Jahren steht Luger jetzt auf der Bühne und sagt von sich selbst: "Solange ich kriechen kann, werde ich bei den Freilichtspielen mitspielen." Und das, obwohl von Anfang bis Mitte des Jahres neben Theater kaum Platz für anderes ist: Elf Wochen dauern die Proben - unter der Woche nach der Arbeit, am Wochenende gerne auch mal ganztägig. Und von Anfang Juni bis Mitte August dann jedes Wochenende Aufführungen. Sommerurlaub? Nicht in diesem Jahr. Trotzdem - oder vielmehr gerade deshalb - hat Luger gleich mehrfach lukrative Jobangebote ausgeschlagen - sie hätten ihn zu weit in die Ferne getrieben, um noch mitspielen zu können. Ein Theaterverrückter, könnte man jetzt sagen und abwinken. Das stimmt natürlich. Allerdings ist Luger damit nicht allein, ganz im Gegenteil: Theater ist der Kitt, der die Altusrieder Dorfgemeinschaft zusammenhält und stärkt.

Wie stark zeigt sich an einem Mittwochabend im "Bären", einem Gasthof am Altusrieder Marktplatz. Spielersprecherin Anneliese Amann hatte versprochen, ein paar Darsteller zusammenzutrommeln, die einen groben Überblick liefern sollten, wer bei "Artus!" eigentlich alles so mitspielt. Statt vier oder fünf Schauspielern kommen am Ende so viele, dass der Stammtisch einen Anbau braucht. Der Jüngste ist gerade einmal 13 Jahre alt und schon seit zehn Jahren dabei, der Älteste kann sich noch gut an die Aufführungen in den ersten Jahren nach dem Ende des 2. Weltkriegs erinnern.

Vom Neutusrieder zum Altusrieder

"Ich habe mich hier nicht lange fremd gefühlt, sondern bin durchs Theater superschnell aufgenommen worden", sagt Birgit - eine Frau mit einem derart unüberhörbar norddeutschen Einschlag in der Stimme, dass er in den meisten bayrischen Ortschaften ausreichen würde, um auf Lebenszeit als "Preuße" disqualifiziert zu werden. Der Reporter weiß, wovon er spricht: In seiner fränkischen Heimat gilt man frühestens in der zweiten Generation nicht mehr als Fremder. "Wenn du als Neutusrieder zum Theater kommst, bist du ruckzuck Altusrieder", bringt Jogi, ein Ur-Altusrieder, den Unterschied auf den Punkt.

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Schon in den 50ern wussten die Altusrieder, wie man ein Stück eindrucksvoll inszeniert.

(Foto: Anneliese Amann)

Nicht jeder ist dabei ähnlich emotional involviert wie Luger oder die Darsteller vom Spontanstammtisch: "Es gibt natürlich auch andere Spieler, ich nenne sie Eventspieler", sagt Spielersprecherin Amann. "Die spielen mit, weil halt die ganze Gruppe mitspielt. Denen ist das Stück nicht so wichtig, dafür aber die Party hinterher. Aber trotzdem machen die ihr Zeug gut. Und die wollen ja vor allem Teil des Ganzen sein, Gemeinschaft ist der Schlüssel." Wen auch immer man in Altusried fragt, irgendwann geht es immer um die Gemeinschaft - im Normalfall eher früher als später. Warum?

"Bei den Freilichtspielen ziehen alle an einem Strang, vom Hilfsarbeiter bis zum Bürgermeister. Im Theater gibt's keine Unterschiede", sagt Amann. Freilich stünden die Hauptrollen erstmal im Rampenlicht, aber "die Begeisterung ist nicht nur auf die Sprechrollen beschränkt: Ich habe auf der Bühne noch nie einen Satz gesprochen". In Zeiten, in denen sich die Menschen auch im ländlichen Raum immer mehr in ihre Filterblasen zurückziehen scheint das Freilichtspiel genau das Gegengewicht zu sein, das sich nicht nur viele Altusrieder wünschen dürften.

Ein echter Ritter mit Ecken und Kanten

*Datenschutz

Womit wir wieder bei Elmar Luger wären: "Es gibt wirklich Leute, die sehe ich halt alle drei Jahre bei den Freilichtspielen. Und dann ist das sofort wieder so, als würde eine große Familie zusammenkommen." Eine Familie, die für den Laienschauspieler eben nicht nur aus den Darstellern besteht: "Manchmal denke ich, ich bin ein Trittbrettfahrer: Da arbeiten ganz viele Leute, damit ich vornestehen und den Applaus absahnen darf. Die haben den hundertmal so viel verdient wie ich. Alle haben den verdient. Und das ist auch etwas, das mir wahnsinnig wichtig ist: Dass alle gleich sind."

Die Worte mögen sich pathetisch lesen, aus Lugers Mund klingen sie einfach nur schön. Der Altusrieder sagt Dinge wie diese am laufenden Band, ohne dass sie in irgendeiner Art aufgesetzt wirken. Die anhaltende Beliebtheit der Freilichtspiele erklärt er sich so: "Das Stück lebt von unserer Liebe. Wir sind ja alle Laien, und ich bin gerne Laie. Natürlich kann ein Profi das alles besser, aber wenn wir unsere Liebe zu den Zuschauern hochtragen, dann haben wir schon gewonnen."

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Noch liegt die Freilichtbühne im Dornröschenschlaf, ab April werden die Proben zu "Artus!" aus der Grundschule nach draußen verlegt.

(Foto: Julian Vetten)

Von Lugers Lieber hängt in diesem Sommer viel ab, er spielt im "Artus!" den Lancelot - allerdings nicht als strahlenden Ritter mit Prinz-Eisenherz-Frisur, sondern als echten Ritter mit Ecken und Kanten. Nicht umsonst vergleicht sich Luger gern mit dem Bluthund aus "Game of Thrones". Das passt, nicht nur optisch - auch die Demut hat er mit dem Seriencharakter gemein: "Wie viele Leute stecken wahnsinnig viel Zeit und Liebe in ihre Leidenschaft und führen das dann vor drei oder vier Leuten auf? Wenn's gut läuft, darf ich mein Hobby in diesem Sommer vor 60.000 Menschen ausüben. Wir sind so privilegiert, das dürfen wir nie vergessen."

Dann wird es langsam Zeit zu gehen, am Nachmittag steht noch das Reittraining auf dem vollgepackten Probenplan. Das darf Luger auf keinen Fall verpassen, es ist seine Achillesferse: "Reiten, das ist gar nicht meins." Aber er muss, was wäre schon ein Lancelot ohne Pferd? Kein echter Ritter, soviel steht fest. Und Kompromisse, die wollen sie hier in Altusried auf keinen Fall eingehen - es geht schließlich um die Liebe.

Quelle: n-tv.de

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