Insektizid eingeatmetGericht klärt Schuldfrage um Tod von Hamburger Familie im Türkei-Urlaub

Eine Hamburger Familie fliegt für den gemeinsamen Urlaub nach Istanbul, wo sie jedoch stirbt. Grund soll eine Vergiftung durch ein starkes Nervengift sein. Jetzt beginnt der Prozess - nicht nur gegen Schädlingsbekämpfer.
Im Fall der im Türkei-Urlaub vergifteten Familie aus Hamburg beginnt am heutigen Dienstag der Prozess. Insgesamt müssen sich der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge sechs Angeklagte vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft fünf Personen bewusste fahrlässige Tötung vor, darunter sind Verantwortliche einer Schädlingsbekämpfungsfirma und der Hotelmanager. Für sie fordert die Staatsanwaltschaft zwischen 2 Jahren und 8 Monaten und mehr als 22 Jahren Haft. Für einen Hotelangestellten werden demnach bis zu 15 Jahre Haft gefordert.
Vater, Mutter und die zwei kleinen Kinder aus Hamburg waren Mitte November im Istanbul-Urlaub mit Beschwerden wie Erbrechen und Übelkeit ins Krankenhaus eingeliefert worden und gestorben. Zunächst hatten die Behörden eine Lebensmittelvergiftung vermutet. Todesursache war jedoch eine Vergiftung durch ein im Hotel verwendetes Insektizid zur Schädlingsbekämpfung, wie ein Gutachten später feststellte.
Die Istanbuler Staatsanwaltschaft teilte bisher nicht mit, welches Gift verwendet wurde. Medien hatten unter Berufung auf einen Bericht der Rechtsmedizin berichtet, dass im Hotel das toxische Gas Phosphin entdeckt worden sei. Der Stoff wurde Anadolu zufolge etwa in aus dem Zimmer entnommenen Wischproben festgestellt. Auch in Handtüchern des Hotels habe man Phosphin entdeckt.
Bei der Bekämpfung von Schädlingen wird häufig der Stoff Aluminiumphosphid eingesetzt. In Verbindung mit Wasser - Luftfeuchtigkeit genügt bereits - entsteht das toxische Gas Phosphin. Das Gas schädigt die Körperzellen von Säugetieren und verhindert in größeren Konzentrationen den Sauerstoff-Transport im Blut. Phosphin kann bei Menschen unter anderem zu Reizhusten, Erbrechen, Leber- und Nierenfunktionsstörungen führen und beim Einatmen lebensbedrohlich sein.
Das Unternehmen, das die Schädlingsbekämpfung durchgeführt hatte, habe keine Genehmigung gehabt, berichtete die Nachrichtenagentur DHA unter Berufung auf die Anklageschrift. Der Vorfall sei vorhersehbar, vermeidbar und kontrollierbar gewesen, hieß es demnach. Man habe versäumt, die notwendigen administrativen und technischen Vorkehrungen zu ergreifen. Das Hotel trage ebenfalls Verantwortung im Rahmen der Sorgfaltspflicht.
Einem Hotelmitarbeiter werde zudem vorgeworfen, die medizinische Intervention verzögert zu haben. Etwa sei der Haupteingang abgeschlossen gewesen, und die kranke Familie habe etwa sieben Minuten warten müssen, bis der Rezeptionist zurückgekehrt sei, um die Tür aufzuschließen. Türkische Medien verbreiteten Überwachungsbilder, auf denen der Vorfall zu sehen war: Der Vater rüttelt mit einem Kind im Arm sichtbar verzweifelt an der Tür und versucht, diese einzuschlagen, während der Krankenwagen draußen wartet.
Das Schicksal der Familie, die aus der Türkei stammt, hatte für große Bestürzung gesorgt. Wann mit einem Urteil zu rechnen ist, steht noch nicht fest. Auch die Anzahl der angesetzten Prozesstage wurde nicht vorab bekannt.
Rätsel um ähnliche Fälle
Nach dem Tod der Familie mehrten sich Hinweise auf weitere mögliche Vergiftungsfälle. Ein drei Jahre alter Junge sei im April 2025 gestorben, nachdem in der Nachbarwohnung eine Schädlingsbekämpfung durchgeführt worden sei, berichtete DHA im November. Es soll sich um dieselbe Firma handeln, die auch die Schädlingsbekämpfung im Hotel der Hamburger Familie durchführte.
Auch klagte ein Unternehmer laut Medienberichten in der Nacht auf den 19. November über Schweißausbrüche und Atemnot. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht und verstarb dort. Laut DHA reiste er aus Deutschland in die Türkei. Sein Hotel befand sich in fußläufiger Nähe zu dem Hotel der Hamburger Familie. Die Besitzer sagten laut Medienberichten, es hatte zuvor keine Schädlingsbekämpfung gegeben.
Im August wurden zwei Jugendliche aus den Niederlanden in einem Hotelzimmer in Istanbul tot aufgefunden. Die beiden sollen mit ihrem Vater in die Türkei gereist sein. Der sei ebenfalls im Krankenhaus behandelt worden, habe aber überlebt. Als Todesursache der Kinder wurde eine Lebensmittelvergiftung vermutet. Am Vorabend sollen die Söhne laut dem türkischen Sender NTV in einem Restaurant im belebten Taksim-Viertel gegessen haben, der Vater jedoch nicht. Die Ermittlungsergebnisse sind nicht öffentlich bekannt. Auch ihr Hotel befand sich laut Medien in unmittelbarer Nähe zu dem Hotel der Hamburger Familie.
Auch der Tod einer 21 Jahre alten deutschen Erasmus-Studentin im November 2024 wurde zunächst mit einer Lebensmittelvergiftung erklärt. Ein forensischer Bericht aus dem August komme jedoch zu dem Schluss, dass sie mutmaßlich durch Pestizide gegen Bettwanzen vergiftet wurde, sagte ihr Anwalt. Das Mittel zur Bekämpfung von Bettwanzen sei eingesetzt worden, habe sich in Gas verwandelt und im ganzen Gebäude ausgebreitet, hieß es in dem Bericht.